Mathe-Nachhilfe zum Umrühren in der Konstanzer Fußgängerzone

Franz Josef Zeller empfängt Schüler nicht im Klassenzimmer sondern im Mathe-Café

Konstanz (wak) Den Muff der Schule mag Franz Josef Zeller nicht. Der Informatiker hat eine etwas andere Idee davon, wie Nachhilfeunterricht heute funktionieren könnte. Bei ihm gibt es Mathe-Nachhilfe so zu sagen zum Umrühren. In Konstanz hat er ein Mathe-Café eröffnet und manchmal trifft er sich mit seinen Schülerinnen und Schülern auch in Luigi Pesaros Eiscafé am Hafen oder im Exxtra in der Hussenstraße, wo es selbstverständlich auch Kaffee gibt. Entscheidend für den Erfolg ist aber nicht das Koffein, sondern die etwas andere Kultur des Lernens.

Mathe-Nachhilfe-Lehrer ist Zauberer

Die Vision, dass eines Tages viele Menschen ein reales und virtuelles Mathe-Café betreiben könnten, und Schüler und Gäste begeistert sind, beflügelt Franz Josef Zeller. Der Mann, der noch nicht einmal Mathematik oder Pädagogik studiert hat, kommt lässig in Shorts und T-Shirt daher. Für einen Mathe-Nachhilfe-Lehrer spricht er nicht gerade viel über quadratische Gleichungen, Flächenberechnungen oder Wahrscheinlichkeitsrechnung. Er redet aber auch nicht etwa übers Surfen oder die Strandbar, sondern über Mathematik und Kaffee, und er träumt von einem Mathe-Sommer in Konstanz. „Jeder Anfang hat einen Zauberer inne“, schreibt Zeller auf seiner Website. In einem Gedicht von Hermann Hesse heißt es, jedem Anfang wohne ein Zauber inne. Zauber oder Zauberer? Zeller ist eben ein Zauberer. Frontalunterricht und Lehrer, die das Web 2.0 für eine Fußballmannschaft halten, sind für ihn höchstens fauler Zauber.

Kultur des Mitmachens

Zellers langfristiges Ziel ist es, dass zukünftig Nachhilfe für Mathematik anders und kreativer organisiert wird als heute. Wie sich Zeller das vorstellt, erleben seine Schüler in Konstanz in Kleingruppen mit bis zu vier Schülern oder, wenn er einen einzelnen Schüler 90 Minuten lang coacht. Auf der Website des Mathe-Cafés, die Zeller programmiert hat und die manche zu Text lastig finden, schreibt er: „Wir wollen Euch anregen und darin bestärken, selbst die Qualität des Nachhilfeunterrichts zu hinterfragen, zu definieren und weiter zu entwickeln.“ Das Mathe-Café möchte vor allem eines: den Kontakt zu den Schülern. „Wir wollen wissen, wie stellt Ihr Euch einen guten Nachhilfeunterricht vor. Bitte schickt uns einfach Mails mit Euren Meinungen, Ideen, Gedanken, Wünschen und Vorstellungen dazu“, fordert Zeller Schüler, die auf seine Seite kommen, auf.

Mathe etwas für Doppellinkshänder

Seine erste Zielgruppe waren Realschüler, weil auch Zeller, der aus der Singener Südstadt stammt, in der Realschule angefangen hat. Später studierte er dann an der FH in Karlsruhe Informatik. Er entwickelte Software und kennt sich mit Projektarbeit aus. Jetzt macht er, was ihm Spaß macht. Sein Mathe-Café, sagt er, soll bitte alles haben nur nicht den Charakter von Schule. „Mathe ist etwas für Doppellinkshänder“, sagt Zeller. Klar ist: 14-, 15- oder 16-Jährige begeistern sich eher weniger für Mathematik.

Lernen am langen Tisch

In der Regel empfängt der Nachhilfe-Lehrer Schüler in seiner „Wohnküche“ im dritten Stock, in Räumen, die er mit der Familienwerkstatt Konstanz teilt. Er setzt sich mit den Jugendlichen erst einmal an einen langen Tisch. Manchmal stelle er ihnen Obst hin oder es gibt Hanuta zum Kaffee, der im Mathe-Café momentan noch aus einer Senseomaschine kommt, die Zeller aber bald durch einen echten Automaten ersetzen will. Bevor er mit Schülern anfängt, Mathe zu büffeln und Aufgaben zu lösen, spricht er ausführlich mit ihnen. Die Schüler, die oft direkt aus der Schule kommen, erzählen erst einmal. Freiwillig ist fast niemand bei ihm. Meist sind sie von ihren Müttern angemeldet worden, als der Leidensdruck bereits groß war. „Das Kind ist noch nicht in den Brunnen gefallen – es sitzt aber am Rand vom Brunnen“, so der Mathe-Nachhilfe-Lehrer. Wenn Zeller den Schülern, die nebenher vielleicht gerade noch auf ihrem Handy herumtippen, ein Mathebuch auf den Tisch knallen würde, hätte er kaum Erfolg. Er muss sie dazu bringen, sich auf ihn und die Mathematik einzulassen. Problemlösungen erarbeiten Lehrer und Schüler gemeinsam. Konsumieren dürfen die Jugendlichen im Mathe-Café nur Kaffee und nicht etwa Fertiglösungen.

Machen Sie mal gibt’s nicht

„Mathe ist etwas Grausames, man muss Mathe regelmäßig trainieren“, sagt Zeller und legt die aktuelle Ausgabe des Magazins „Spiegel“ auf den Tisch. Die Titelgeschichte handelt wieder einmal von der Misere des Bildungssystems. Zeller redet von Vertrauen und davon, dass er viel Humor brauche. Manchmal sitzt ein „munterer Haufen“ auf den bequemen Stühlen an seinem Tisch. Eine Stunde, die 90 Minuten dauert, kostet 20 Euro. Abiaufgaben musste er erst selbst einmal rechnen, bevor er sie seinen Schülern erklären konnte. Zeller ist da locker. Mit Gymnasiasten hatte er anfangs aber überhaupt Schwierigkeiten. Wer mit der Haltung komme, ich habe meinen dritten Nachhilfelehrer schon verschlissen, meine Eltern bezahlen, also machen Sie mal, kommt bei Zeller nicht so gut an. Im Mathe-Café trainiert der unkonventionelle Nachhilfe-Lehrer übrigens erst seit Februar.

Modell Dorfschule

Er möchte, dass die Schüler mit Spaß dabei sind und zu Hause im virtuellen Mathe-Café möglichst noch ein bisschen weiter arbeiten. Illusionen dürfe man sich nicht machen, sagt er. Auch die Digital Natives könnten manchmal nur copy & paste und schauen lieber Videos. „Auch wer am Rechner üben will, muss lesen, was auf dem Bildschirm steht“, sagt Zeller. So ein bisschen fühlt er sich wie ein Dorfschullehrer. Oft hapere es nicht nur mit der Mathematik. Zeller ist auch Ansprechpartner seiner Schüler. Streng genommen weiß er sogar, wo in Englisch der Schuh drückt oder wer mit wem nicht nur in Facebook, sondern auch im richtigen Leben gern befreundet wäre. Er trinkt mit seinen Schülern Kaffee, korrigierte Mathearbeiten selbstverständlich nach. „Lehrer machen viele Fehler“, weiß er inzwischen.

Mathe-Sommer und andere Visionen

Sein Mathe-Sommer, ein einwöchiges Powertraining, könnte auch bei Luigi im Eiscafé stattfinden. Auch mit der Wirtin des Exxtra, wo er von 17 bis 20 Uhr mit Gymnasiasten arbeiten möchte, hat er gesprochen. Er könnte sich überhaupt so viel vorstellen: Sein reales Mathe-Café und ein begleitendes virtuelles, das aber nie das reale ersetzen könnte. Eine Suchmaschine für Mathe-Aufgaben oder ein Franchise-Konzept. Konkret sieht sein Angebot im Mathe-Café bisher so aus: Wer zu ihm kommt, hat das Mathebuch oft schon länger nicht mehr angeschaut oder findet es gar nicht mehr. Es gehe darum, das Interesse und die Neugierde der Schüler zu wecken. Ohne die Bereitschaft, sich auf das Fach einzulassen gehe nichts. Das zweite Ziel ist dann, mit Hilfe des M Cafés wieder Anschluss zu finden. „Dem Unterricht folgen können und Hausaufgaben machen“, sagt Zeller. Die dritte Stufe erreichen seine Schüler, wenn sie es schaffen, allein wieder dran zu bleiben. Ein halbes Jahr – und auf gar keinen Fall nur ein paar Wochen – brauche es, bis sich die Note verbessere. Wer es nach einem halben Jahr trotz Coaching und Kaffee noch immer nicht schafft, ist für die Mathematik nach Überzeugung Zellers verloren. In diesem Fall spreche er mit den Eltern und schlage vor, vielleicht doch die Schule zu wechseln. „Auch wenn ich Kunden verliere.“ Neulich wollte ein Vater für sein Kind zwei Mal Nachhilfe pro Woche buchen. Zeller lehnte ab. „Haben Sie eine Ahnung wie der Unterricht im G8 aussieht und wie viel Druck die Schüler haben?“, fragt er.

Kontakt: Mathe-Café Konstanz bei Familienwerkstatt, Wessenbergstrasse 22, 3.OG 78462 Konstanz, Telefon 07531-918 205, http://www.mathe-cafe.de/, E-Mail: zega2000@t-online.de.

2 Kommentare to “Mathe-Nachhilfe zum Umrühren in der Konstanzer Fußgängerzone”

  1. dk
    8. Juli 2010 at 11:54 #

    Mit Praxisbeispielen aus der Statistik kann man sogar Kindern die Bedeutung von Mathe deutlich machen:
    tägliche Fragestellungen, die durch Zahlen-Material beschrieben werden (mit deren Aussagen bzw. mögliche Fehlschlüsse im Umkehrfall).

    In der Wirtschaft z.B. bei Fragen zur Logistik, Investition, Controlling usw. In der Marktwirtschaft ist das Angebots-Nachfrage-Diagramm und der Gleichgewichtspreis Pflicht.

    Mathe ist nicht nur für naturwiss. Techniker interessant und vor allem „noch brotreich“.
    Sinnvoll ist nicht nur die Fähigkeit, entsprechende Software zu bedienen, sondern auch die Grundlagen zu überdenken und die Zahlen-Analyse durchzuführen (bzw. alles selbst zu rechnen).

  2. dk
    9. Juli 2010 at 12:38 #

    Per Newsletter eines Verlages wurde folgendes Buch als Mathematik-Bestseller zum Sonderpreis beworben:

    Der Mathematikverführer – Zahlenspiele für alle Lebenslagen

    http://www.terrashop.de/Buch/Der-Mathematikverfuehrer-Zahlenspiele-fuer-alle-Lebenslagen-Christoph-Droesser-ISBN-3499624265/art/49962426/

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