Medien segeln den Piraten nach Berlin hinterher

Der Tag, an dem Jack Sparrow nur noch der zweitwichtigste Pirat gewesen ist – Zehn Fragen an Ute Hauth

Konstanz. Piraten müssen so langsam ja viereckige Augen haben. Keine bedeutende Zeitung, die nicht über den sensationellen Wahlerfolg der Berliner Piraten berichtet hätte. Wir kommen gar nicht mehr hinterher mit dem Lesen. Es ist sehr viel Stoff, den die NZZ, die Süddeutsche, die taz und all die anderen in den vergangenen Tagen so ins Netz gestellt haben. Ausnahmsweise zappten wir sogar ins Frühstücksfernsehen des ZDF und statt Marmelade aufs Brot bekamen wir eine Beitrag über die Piratenpartei auf die Augenklappe. Sogar die Konstanzer Regionalzeitung brachte ein Interview mit dem Kreisvorsitzenden der Piratenpartei, Benno Buchzcyk. Wir fragten Ute Hauth, die bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 27. März für die Piraten kandidiert hat und dem Landesvorstand angehört.

 Interview

See-Online: Wie geht es Ihnen mit dem Medien-Hype?

Ute Hauth: Bis letzte Woche war es ganz gut möglich nahezu jede Erwähnung der Piraten in den Medien selbst zu lesen, zu hören oder im Nachhinein als Video anzusehen. Diese Woche waren die Piraten überall Thema, im Fernsehen in Talkshows wie gestern bei Lanz oder heute abend bei Anne Will bis zur New York Times. Aktuell lässt sich nur ein kleiner Teil der Berichterstattungen noch verfolgen.

See-Online: Auf Ihrem Blog haben wir gelesen „Unglaublich! Wahnsinn! Ein Traum! Heute morgen musste ich erst noch einmal nachsehen, ob es wirklich stimmt.:)“. Es gab ja Umfragen und Prognosen. Hat das Wahlergebnis die Piratenpartei tatsächlich noch so sehr überrascht?

Ute Hauth: Selbstverständlich haben auch wir vorher die Prognosen gesehen. Zunächst die mit etwa 6,5% und kurz vorher die mit rund 9%. Häufig ist es jedoch so, dass gerade sehr hohe Prognosen im Vorfeld eher dazu führen, dass am Wahltag manche ihr Kreuz doch woanders machen, weil es ja schon sicher reicht. Wir rechneten damit, dass der Einzug sicher ist, aber dass es tatsächlich 8,9% werden, glaubten nur die größten Optimisten.

See-Online: Was ist in Berlin am vergangenen Sonntag anders gewesen als in Baden-Württemberg am 27. März? Was hat den Unterschied zwischen 2,1 Prozent bei der Landtagswahl im Südwesten und 8,9 Prozent in Berlin ausgemacht?

 Ute Hauth: In Berlin war bereits im Vorfeld klar, Wowereit bleibt am Ruder, es geht nur um die Zahlenwerte. In Baden-Württemberg gab es den Lagerwahlkampf und Fukushima kurz vor den Wahlen. Schon im Wahlkampf hörten wir oft, wir würden euch ja wählen, aber dieses Mal müssen wir vor allem schwarz-gelb abwählen.

Es gibt darüberhinaus riesige Unterschiede in der Sichtbarkeit beim Wahlkampf, gerade bei einer neuen Partei, wenn Stadt und Flächenland verglichen werden: Ein Pirat in Berlin war für weniger als einen Quadratkilometer zuständig, in Baden-Württemberg musste jeder Pirat das 25-fache abdecken. Beim Vergleich von Plakaten auf die Fläche hätten wir in Baden-Württemberg das fünfzigfache aufhängen müssen um mit den 13.000 Plakaten in Berlin zu konkurrieren.

Berlin hatte den passenden Moment und die optimalen Voraussetzungen. Insgesamt wird jedoch deutlich, dass die 2% zur Bundestagswahl 2009 keine Eintagsfliege waren.

See-Online: Was macht die Piratenpartei so attraktiv für Wähler?

Ute Hauth: Viele Wähler haben die Nase voll von den etablierten Parteien, die weit weg von den Menschen sind und „irgendwo da oben ihr Süppchen kochen“. Die Piraten stehen für ganz normale Menschen, die mit Transparenz und Bürgerbeteiligung offen und ehrlich Politik machen wollen. Den Berliner Piraten gelang es damit die größte Zahl an Stimmen von Nichtwählern zu bekommen. Das ist ein sehr gutes Zeichen nach Jahren sinkender Wahlbeteiligung. In Berlin wären die Piraten mit 5,3% auch bei Berücksichtigung der Nichtwähler noch ins Parlament eingezogen.

See-Online: Ist die Piratenpartei vielleicht doch links? Sie fordert ja immerhin die Vergesellschaftung des (geistigen) Eigentums? Oder passt die tatsächlich nicht mehr in das Rechts-Links-Schema und ist vor allem liberal?

Ute Hauth: Die Piraten sind in erster Linie sozial-liberal. Liberal wird eher mit rechts verbunden, sozial dagegen mit links. Wir wollen Bürgerrechte und Freiheit ebenso wie eine existenzielle Grundsicherung. Das Programm der Piraten hat Elemente aus beiden Richtungen, insofern halte ich die Einordnung ins Rechts-Links-Schema für unpassend.

See-Online: Vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg fanden die meisten Podiumsgespräche noch unter Ausschluss der Piratenpartei statt. Glauben Sie, dass das auch in Zukunft wieder passieren könnte?

Ute Hauth: Ausschließen würde ich das nicht, aber ich bin sicher, dass es seltener wird.

See-Online: Werden Piraten jetzt auch in Baden-Württemberg bei Gemeinderatswahlen antreten und vielleicht sogar Bürgermeister- und Oberbürgermeisterkandidaten ins Rennen schicken? Auch Konstanz wählt ja im kommenden Jahr einen Oberbürgermeister.

Ute Hauth: Die Piraten werden ganz sicher auch bei Gemeinderatswahlen antreten. Am Donnerstag bin ich beispielsweise in Bühl bei der OB-Kandidatenvorstellung, bei der auch ein Pirat antritt. Ob es in Konstanz zur OB-Wahl einen eigenen Kandidaten gibt, steht noch nicht fest.

See-Online: Rechnen Sie mit einem Zuwachs an Mitgliedern? Gibt es schon Trends?

Ute Hauth: Die Postfächer des Landesverbands laufen über. Seit der Wahl gehen bundesweit unzählige Mitgliedsanträge ein. Genaue Zahlen gibt es noch nicht, ich würde einen Zuwachs von 10% in den letzten Tagen schätzen. Wir entschuldigen uns bei den neuen Mitgliedern für etwaige Verzögerungen im Aufnahmeprozess.

See-Online: Welche kommunalpolitischen Themen und welche Landesthemen haben die Piraten in Baden-Württemberg zuletzt besetzt? Zu welchen Themen haben Sie Position bezogen?

Ute Hauth: In Konstanz hatte ich schon vor der Landtagswahl auf die Möglichkeit der Übertragung von Gemeinderatssitzungen hingewiesen, ich hoffe der Gemeinderat kann sich am Donnerstag dazu durchringen zuzustimmen. Das Glas- bzw. Alkoholverbot war diesen Sommer ein viel diskutiertes Thema, zu dem sich auch die Konstanzer Piraten äußerten.

In Stuttgart geht es auch für die Piraten um S21 und das leider weiterhin sehr hohe Quorum für den Volksentscheid im November. In Ludwigsburg erreichte der Pirat Thomas Lambeck bei der OB-Wahl 13,84 Prozent. Piraten waren in den letzten Monaten vor Ort bei vielen Veranstaltungen und Aktionen präsent, z.B. bei den CSD-Demonstrationen.

Positionen zu Kommunalthemen kommen derzeit jeweils von den Piraten vor Ort. Landesweit sind Themen wie das Kretschmann-O-Meter derzeit noch wichtiger, die nächsten Kommunalwahlen in Baden-Württemberg sind erst 2014.

See-Online: Was muss die Partei tun, damit sie dauerhaft wahrgenommen wird und nach dem Medien-Hype in dieser Woche nicht im Ozean der Themen untergeht?

Ute Hauth: Diese Woche fiel auf, dass die Medien jetzt über viele Piratenthemen berichteten, die in den letzten Monaten scheinbar irrelevant erschienen. Das zeigt, unsere Arbeit und unsere Pressemitteilungen kamen durchaus an, auch wenn die Presse oft nicht darüber schrieb. Daraus schließe ich, dass wir wie bisher weiterarbeiten können. Bürgerbeteiligung und Transparenz sind Themen die von einem Konzerthaus bis hin zu Stuttgart 21 immer aktuell sind.

See-Online: Wo treffen wir die Konstanzer Piraten?

Ute Hauth: Jeden Donnerstag, ab 19:30 Uhr in einer Konstanzer Kneipe, diese Woche im exxtra. Unter  wird das jeweils angekündigt.

Foto: wak/ Neu gewählter Landesvorstand der Piratenpartei mit dem Bundesvorsitzenden Sebastian Nerz, einzige Frau auf dem Foto Ute Hauth.

Ein Kommentar to “Medien segeln den Piraten nach Berlin hinterher”

  1. wak
    22. September 2011 at 08:49 #

    Pirat Christoph Lauer machte am Mittwochabend eine gute Figur bei Anne Will, die Moderatorin dagegen weniger, urteilt am Donnerstag der Stern http://www.stern.de/kultur/tv/tv-kritik-anne-will-erleidet-mit-den-piraten-schiffbruch-1730625.html Sehr auffällig: CDU und Grüne sprachen „die“ Piraten vertraulich mit Du an. Was soll das jetzt wieder bedeuten?

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