Meersburg unterm Hakenkreuz, 1933-1945

Von Alexander Kopp

Meersburg. Mit dem Buch „Meersburg unterm Hakenkreuz“ legt der Museumsverein Meersburg sein drittes Buch vor und bringt damit etwas Licht in das dunkle Kapitel der NS-Zeit in der Burgenstadt. Fast drei Jahre lang recherchierte das vierköpfige Autorenteam – herausgekommen sind dabei 448 Seiten wissenschaftlich aufgearbeiteter Geschichte, belegt mit 1500 Quellenangaben in Fußnoten, illustriert mit fast 800 Bildern. 

Interviews mit Zeitzeugen

„Die Geschichte der Stadt ist sehr gut dokumentiert. Einen dunklen Fleck gab es allerdings noch. Die Zeit des Nationalsozialismus – das wollten wir ändern“, so Heinz Frey, einer der vier Autoren und Vorsitzender des Museumsvereins im Gespräch mit See-Online. „Die Eltern haben uns fast nichts erzählt, und keine Zeit ist mit so vielen Halbwahrheiten, Legenden und schlicht Falschem vernebelt worden wie diese Zeit.“ Zusammen mit Sybille Kopp, Margret Meier und Bürgermeisterstellvertreter Peter Schmidt begab er sich vor drei Jahren an ein ehrgeiziges Projekt. Ganz bewusst sei dabei eine rein beschreibende Form der Geschichte mit Geschichten und Fakten gewählt worden. „Bewerten, interpretieren oder verurteilen der Fakten, das war nie unsere Intension. Uns geht es um die Dokumentation für die heutige und zukünftige Generationen.“ Zudem hatte der Museumsverein die Zeit im Nacken. Die Chance, Informationen aus erster Hand von noch lebenden Zeitzeugen zu erhalten, schwindet zunehmend. So lebt und berührt das Buch gerade auch durch Interviews mit Menschen, die die Zeit des Nationalsozialismus in Meersburg erlebt und durchlitten haben. Gerade von ihnen wurde auch reichlich Bildmaterial beigesteuert.

In Brigitte Rieger-Benkel, Leiterin des Meersburger Kulturamtes, der auch das Stadtarchiv untersteht, fanden die Autoren eine unermüdliche Unterstützung und wertvolle Tippgeberin. „Zunächst wussten wir nicht, ob wir überhaupt genug Material finden würden“, berichtet Frey. Doch dann hätten sich auch private Quellen bereitwillig geöffnet und Zeitzeugen gemeldet – dazu gesellten sich aufregende Zufallsfunde. An den unmöglichsten Stellen wurden wertvolle Hinweise gefunden. „In einem dicken Stapel alter Weinrechnungen fand sich ein unscheinbarer Vermerk. Aus der Anforderung diverser hochwertiger Flaschen Wein für hohen Besuch aus der Reichsführung konnte sich schließen lassen, wer zu Besuch in der Stadt war und dass hier gewichtige Entscheidungen getroffen wurden.“ Die zwölf Jahre umfassende Chronik des Nationalsozialismus, 1933 bis 1945, erfasst dabei alle Facetten des Lebens. Einzelne Kapitel befassen sich thematisch zum Beispiel mit der Landwirtschaft, der lokalen Wirtschaft wie dem aufstrebenden Tourismus, aber auch den ganz privaten Einschränkungen, Ängsten und Nöten in den Wirren der Kriegsjahre. „Banales und Schreckliches standen eng nebeneinander.“ Das Autorenteam sei oftmals schmerzlich berührt gewesen, wenn es auf ganz persönliche Schicksale und ihre Tragweite stieß. Richtig unter die Haut ging zum Beispiel ein Auszug aus einem Feldpostbrief vom Februar 1945. Ein Soldat versprach seiner Mutter, ihr jeden Tag ein Lebenszeichen zu schicken. „Wenn ihr keine mehr bekommt, wisst Ihr, was geschehen ist.“

Beste Weine für die Reichsführung

Keine Worte braucht auch das zahlreiche Bildmaterial: Ein Foto zeigt so zum Beispiel die Hitlerjugend, wie sie in Formation die Steigstraße, damals noch mit Misthaufen vor einzelnen Häusern, hinunterzog. Fett darüber prangert ein Banner: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“. Von sämtlichen Häusern wehen Fahnen mit Hakenkreuzen, auch ein beleuchtetes Kreuz am Rathaus ist zu erkennen. Eindrücklich auch eine bebilderte Schilderung, wie zum Kriegsende französische Panzer polternd durch die Stadttore rollten. Andere Bilder zeigen die obligatorischen und allgegenwärtigen Hinweise auf Schutzräume und Stolleneingänge, die bei Fliegeralarm aufzusuchen waren. Zum Beispiel in der Unterstadt und im Bereich Töbele (heute zugemauert). Auch gibt es genaue Lagepläne der vielen ausgebauten Schutzräume und in die tiefe getriebenen Stollen der meist nicht unterkellerten Häuser in der Unterstadt. Die Stollen sind heute in privater Hand und nicht öffentlich zugänglich. Auch typisches Propagandabildmaterial wird gezeigt: So ein Foto zur Volksabstimmung im April 1938 auf dem Marktplatz, bei der Österreich „heim ins Reich“ geholt werden sollte. Zahlreiche Bürger sind hier neben Formationen der Hitler-Jugend und Schülern der in Meersburg ansässigen Reichsfinanzschule zu sehen, bzw. mussten sich damals dort sehen lassen. Gefunden wurde auch ein Foto eines mit Hakenkreuz und Reichsadler kunstvoll geschnitztes Weinfass beim Winzerverein. Ein zweites Bild zeigt, wie es direkt nach der Schreckensherrschaft neutral umgeschnitzt wurde. Vor dem Einmarsch der Franzosen wurde versucht, den Wein in Sicherheit zu bringen. Große Weinbestände in der Unterstadt wurden deshalb zuerst auch kostenlos an alle ausgeschenkt; später sogar einfach zur Vernichtung direkt in den See geleitet.

„Judenfreier Fremdenort“ Meersburg

Juden gab es nur wenige in Meersburg, dass sich damals als „Judenfreier Fremdenort“ bezeichnete. Im Buch ist die Rede von vier Juden, mehr waren offiziell nicht bekannt. Zwei Frauen überlebten, weil sie offenbar von einzelnen Bürgern versteckt wurden. Aktiver Widerstand gegen das Nazi-Regime fand in der Burgenstadt offenbar kaum statt: Ein Faksimile einer Todesmeldung aus dem KZ Buchenwald ist eines der wenigen Beweisdokumente.

Kinderlandverschickung an den See

Schon damals waren der Wein und erster Tourismus die taktgebenden Wirtschaftszweige in der Burgenstadt. Zeitweise diente die Stadt Kriegsverletzten zur Genesung, Kinder wurden per Kinderlandverschickung zum Aufpäppeln hergeschickt, sogar eine Jugendherberge gab es. In den ersten Jahren wurden die Quartiere von den Hoteliers der SS noch freiwillig zu Verfügung gestellt. Später wurde die „zwangsfreiwillige“ Einquartierung nur noch wehrlos erduldet.

Gemeindeblatt Quelle für Autoren

Eine gute Quelle war auch das Gemeindeblatt mit seinen akribischen Polizeimeldungen: Von Übergriffen der Schüler der Reichsfinanzschule, die grölend und randalierend durch die Unterstadt und Reben zogen wird ebenso berichtet, wie von kleinsten Diebstählen und anderen „auffälligen“ Verfehlungen. Der Grad zwischen „Ein Auge zudrücken“ und „Das müssen wir nach oben melden“, sei bei den Ordnungskräften sehr gering gewesen, so Frey.

 Taubstummenanstalt und V2 Zulieferer

Als „spannend, wie ein Krimi“, beschreibt Frey die aufwändige Recherche, bei der sich nicht auf Anhieb jedes Puzzle-Teil einfügen wollte. So gab die Existenz einer Firma namens „Kälte“ zunächst Rätsel auf. Erste Vermutungen, es handle sich um eine Unternehmung, die Eis zu Kühlzwecken herstelle, stellten sich als falsch heraus. Vielmehr ergab sich, dass diese Firma auf dem Hämmerle-Gelände (Heute der Parkplatz gegenüber der Therme) eine verdeckte Tochter-Firma der Dornier-Werke und direkter Zulieferer zur V2 war. Diese Ansiedlung sei strategischer Natur, da benachbarte Städte, wie Friedrichshafen oder Überlingen, in denen massiv Zweige der Rüstungsindustrie angesiedelt waren, natürlich auch bevorzugte Austragungsorte von Kriegshandlungen und Ziel von Bombenabwürfen waren. Meersburg selbst blieb dagegen weitgehendst verschont. Bildlich festgehalten ist allerdings ein Volltreffer in Freys eigenes Anwesen, Pension Haus Ödenstein, hoch über dem Fährhafen in den Weinbergen. Auch auf viele weitere Fragen findet man in diesem Buch eine Antwort: Was geschah mit der Taubstummenanstalt und ihren vielen Zöglingen und Lehrern? Warum wurde die Meersburger Marien-Glocke im Zuge der Metallgewinnung für Waffen eingeschmolzen, aber nicht die Droste-Büste?

 Konstanzer Jürgen Klöckler bei Buchvorstellung

Der vorliegende Band dürfte in seiner Ausführlichkeit einmalig sein im Bodenseeraum für Städte dieser Größenordnung. Das attestierte bei der offiziellen Buchvorstellung auch der Konstanzer Stadtarchivar Dr. Jürgen Klöckler. Gerne würde er ein ähnliches Projekt in seiner Stadt anschieben.

Sponsoren finanzierten Projekt

Das recherchierte Material ist längst noch nicht komplett verwertet und „würde locker für eine Fortsetzung des Buches reichen“. Diese sei momentan allerdings noch nicht konkret geplant. „Die finanziellen und personellen Ressourcen des Vereins sind derzeit erst einmal erschöpft.“ Auch dieses Projekt sei nur Dank Sponsoren möglich gewesen. Neben vielen Privaten haben sich auch Unternehmen und Institutionen wie die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke oder die Sparkasse Bodensee engagiert. „Der Verkaufspreis liegt weit unter dem eigentlich nötigen Erlös. Dadurch wollen wir erreichen, dass die Gesamtauflage von 900 Stück möglichst vielen zugänglich ist“, so Frey. Dennoch habe der Verein auch weiterhin Interesse an Materialien oder Gesprächsangeboten von Mitbürgern und Zeitzeugen zu allen relevanten Themen rund um Meersburg. Aktuell plant der Verein eine öffentlich zugängliche Meersburg-Bibliothek einzurichten. Kontakt kann über Telefon: 07532 / 6142 oder per Mail an museumsverein.meersburg@gmx.de aufgenommen werden.

Museumsverein gibt Buch heraus

Im kommenden Jahr feiert der Museumsverein Meersburg sein 25jähriges Bestehen. Es sind verschiedene Veranstaltungen, unter anderem im neuen Schloss, mit namhaften Referenten geplant. Termine, auch zu weiteren Veranstaltungen oder Sonderführungen, sind unter www.museumsverein-meersburg.de zu finden.

Tipp: „Meersburg unterm Hakenkreuz, 1933-1945“, Herausgegeben vom Museumsverein Meersburg, Autoren: Heinz Frey, Sybille Kopp, Margret Meier, Peter Schmidt, Meersburg 2011, Verlag Robert Gessler, Friedrichshafen, 448 Seiten, ISBN-13: 978-3-86136-164-0, 19,90 € (D), 20,60 € (A), 30,50 CHF.

Ein Kommentar to “Meersburg unterm Hakenkreuz, 1933-1945”

  1. Meier Margret
    15. März 2013 at 00:20 #

    Bei der Mitteilung aus dem Konzentrationslager Buchenwald handelt es sich nicht um eine jüdische Person, sondern um eine Person, die eines Verbrechens angeklagt und verurteilt wurde.

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