Meine Gazette

Waltraud Kässer schreibt unter dem Kürzel wakEine Woche Pause macht den Kopf frei und schärft den Blick. Diese eine Woche ohne E-Mails, ohne Smartphone und ohne ständige Erreichbarkeit ist ein Stück zurück gewonnene Freiheit. Was aber war in dieser Woche jenseits der persönlichen Erfahrung wichtig, was wäre berichtenswert gewesen?

Zunächst ist da die Erkenntnis, dass viele Nachrichten eher überflüssig sind, auch viele E-Mails und E-Mail-Benachrichtigungen auf dem Smartphone ein vermeidbarer Stressfaktor sind. Sie machen nicht glücklicher, nichts effizienter und sie sind vom Smartphone dauerhaft verschwunden.

Welche Nachrichten aber bleiben? Was hat die Menschen am Bodensee bewegt?

Im Bodensee bei Meersburg ist ein Taucher bei einem Tauchunfall zu Tode gekommen. Macht es die Welt tatsächlich besser, wenn wir über solche persönlichen Tragödien ausufernd berichten oder befriedigen wir am Ende doch nur die Neugierde Unbeteiligter und befriedigen voyeuristisches Interesse?

In diesem elend kalten Frühjahr sterben viele Vögel, weil sie noch nicht ausreichend Nahrung finden. Tote Rotkehlchen rühren unsere Herzen.

Und sonst? Die Gäubahn fährt auch weiterhin nur einspurig durchs Land und die Fahrzeit zwischen Stuttgart und Zürich wird sich auch in den kommenden Jahren wohl nicht verkürzen. 2015 oder 2017 oder mehr Züge – streng genommen macht das die Bahnverbindung zwischen Konstanz und Stuttgart auch nicht attraktiver. Auf das Hin und Her haben wir keine Lust mehr und steigen deshalb immer öfter aus der Berichterstattung aus, wieder ins Auto oder vielleicht auch einmal in den Fernbus ein.

Bemerkenswert wäre immerhin ein Interview mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann gewesen. Er sagte über Politiker Sätze wie „Die Menschen wollen Heilige, deshalb werden sie enttäuscht. In der Demokratie können die Gewählten aber nicht besser sein als die, die sie wählen.“ Kretschmann ist ein Intellektueller und er redete über Kurzamtigkeit, fehlende Substanz und die Mode zu skandalisieren.

Zwei Ereignisse haben sich aber trotz Ferien und knallhartem Aussortieren in unser Gehirn eingebrannt. In der Woche vor Ostern starb eine Autofahrerin aus Überlingen zusammen mit ihrer sechsjährigen Tochter auf der B 31 bei Meersburg. Die Bundesstraße war glatt. Am frühen Ostermontag verunglückte auf der selben Strecke und wieder auf Glatteis ein Sattelzug.

Diese Nachrichten müssen uns empören. Sie unterscheiden sind in einem ganz entscheidenden Punkt von der Meldung über den toten Taucher. Sie ereigneten sich sozusagen mit Ansage.

Die Minusgrade und das Blitzeis kamen nicht überraschend. Selbst die Wetterapp auf dem Smartphone hat uns täglich gewarnt – nur den Winterdienst hatte die Nachricht anscheinend nicht rechtzeitig erreicht.

Statt Bagatellen zu skandalisieren und Dienstaufsichtsbeschwerden wegen Nichtigkeiten gegen Rathausspitzen zu stellen, wie es zum Beispiel in Überlingen Mode geworden ist, oder Strafanzeigen gegen Ex-Bundespräsidenten zu stellen, sollten wir uns solchen Themen zuwenden, die wirklich wichtig sind, und uns nicht ständig über Banalitäten unterhalten und durch das Aufbauschen von scheinbaren Skandalen und mediale Gleichmacherei, echte Versäumnisse  verharmlosen. Hat nach dem Glatteis schon jemand den Verantwortlichen gesucht und vielleicht Strafanzeige gestellt? Führen wir eine Debatte über die Gerechtigkeit in der Gesellschaft insgesamt oder lieber über Hotelrechnungen über 700 Euro ?

Vielleicht schaffen wir es ja.

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