Mit 82 geht älteste Autofähre auf dem Bodensee wieder auf Tour

Erste Bodenseefähre vom Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven begutachtetes schwimmendes Denkmal

Konstanz/Meersburg (sig) Die Zeit drängt. Voraussichtlich zum Tag des offenen Denkmals am 12. September, wenn alles klappt,  soll sie wieder Fahrt aufnehmen, die Fähre „Konstanz“. Dann soll die alte Autofähre zeigen, was sie mit 82 Jahren noch drauf hat. Die Zaungäste stehen schon Schlange. Das Schiff, das in diesen Wochen im Hafen von Konstanz-Staad auf die Zielgerade einbiegt, ist weltweit einmalig. Eine Motorfähre, im Jahr 1928 als erste Binnenfähre Europas in Dienst gestellt, 1963 aus dem Fährdienst entlassen und vor sich hinrostend, legt 2010 wieder ab.

Von Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven begutachtet

Für „vorbildliches bürgerschaftliches Engagement in der Denkmalpflege“ hat die Denkmalstiftung Baden-Württemberg den 185 Mitglieder starken Verein „Rettet die Meersburg ex Konstanz“ ausgezeichnet, der sich intensiv seit mehr als zehn Jahren um die originalgetreue Restaurierung der Fähre kümmert und in den vergangenen zehn Jahren rund 80.000 ehrenamtliche Arbeitsstunden in das Schiff investierte. Mehr noch: Das Württembergische Landesmuseum und das deutsche Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven haben die schifffahrts- und verkehrsgeschichtliche Bedeutung der Fähre in ihren technischen und historischen Gutachten bestätigt und es durch das Denkmalamt des Landes als erstes und bis heute einziges Schiff des Landes zum technischen Denkmal erklärt.

Für Fernverkehr und rettende Verbindung

Die Geschichte des Schiffes ist einmalig: Durch diese erste Motorfähre auf dem Bodensee war ab 1928 der gesamte Fernverkehr von Nord- nach Südeuropa und die angrenzenden Landesteile Deutschlands und der Schweiz verändert und geprägt worden. Der Verkehr von Nord nach Süd wurde auf ihr über den See umgeleitet, und das zunächst heftig umstrittene Schiff verantwortlich für die Entwicklung des Fremdenverkehrs und eines aufblühenden Tourismus im Bodenseeraum. Als erste europäische Binnenfähre hat die „Konstanz“ die Fähretechnik international geprägt und europäische Schifffahrtsgeschichte geschrieben. Als ein Stück schwimmende Straße über den Bodensee wurde die – wie sie später hieß – Fähre „Meersburg ex Konstanz“ – Ende der 20er Jahre für die Wirtschaft und die Einwohner der isoliert gelegenen Konzilstadt die rettende Verbindung zum Nordufer des Bodensee und damit zur Voraussetzung für das wirtschaftliche Überleben der Stadt.

Bei „Seegfrörne“ Eisbrecher

Als das Schiff im Oktober 1963 aus dem Fährdienst ausgemustert wurde, musste es für zwei Baufirmen als Bagger- und Rammschiff unter dem Namen „Lukas“ Frondienste leisten. Während der folgenden „Seegfrörne“ wurde es als Eisbrecher eingesetzt. Diese Demütigungen waren zu Ende, als es von einem späteren Mitglied des Förderverein „Rettet die Meersburg ex Konstanz“ entdeckt wurde. Der schiffsbesitzende Bauunternehmer schenkte den „maroden Schandfleck“, wie er genannt wurde, dem Segler, und der verkaufte es für eine DM dem Verein, der sich in der Folge um die Wiederbelebung des technischen Denkmals mühte. Im Jahr 1996 ließ er es von der Überlinger Mole wegschleppen, wo es einem „rostfördernden Dornröschenschlaf“ verfallen war, und brachten es zur Bodanwerft nach Kressbronn, später unter die Rheinbrücke nach Konstanz, um es dort zu restaurieren.

Baustellenleiter seit 2003 an Bord

Ein kleines Team von Vereinsexperten renoviert das Schiff seither, ab 2003 unter der Regie des gelernten Metallbau- und Schmiedemeisters Johannis Gerlitzki, der schon in Südamerika Fabriken hochgezogen hat und auf der „Konstanz“ als Baustellenleiter (und einziger bezahlter Mitarbeiter) fungiert. Warum er sich das antut, auf dieser „russischen Feldschmiede“ – wie er die Schiffsbaustelle bezeichnet – für’n „Appel und’n Ei“ zu arbeiten? Ihn fasziniert der Verein, das Engagement seiner Mitglieder. „Das sind echte Vorbilder, wo gibt es denn die heute sonst noch?“, fragt er.

Teile gibt’s nicht im Katalog

Gerlitzki ist für die 42 Haupt- und zusätzlich zig Nebengewerke auf dem Schiff zuständig, die alle in Handarbeit angegangen werden müssen, wobei nicht zuletzt die Materialbeschaffung oft ein Problem darstellt. In ganz Deutschland sucht er, denn das Schiff ist 82 Jahre alt, und die Teile sollen original sein, können weder im Baumarkt noch im Katalog beschafft werden. Darüber hinaus unterliegt Gerlitzki die Unterweisung der ihm zugeteilten Arbeitskräfte, die ihm von der Agentur für Arbeit zugewiesen werden, die alle keine Fachleute sind, aber wie die Ehrenamtlichen viel Motivation mitbringen, wie er sagt. Der „Baustellenleiter“ muss oft betteln gehen, wenn der Verein wieder einmal kein Geld hat, muss improvisieren, doch mit dieser Herausforderung lebt er.

Stadtwerke Konstanz sind Sponsoren

Wichtigster Sponsor neben Firmen – die etwa für die Motorenrenovierung aufkommen – sind die Stadtwerke Konstanz. Sie machen bis zum 11. September auch den historischen Anleger für allein 350.000 Euro am Fährhafen fertig und sie werden den anschließenden Charterbetrieb mit eigenem Personal managen sowie die Instandhaltung der Fähre für zunächst drei Jahre übernehmen. Besitzer des Schiffes bleibt der Verein „Rettet die Fährer Konstanz ex Meersburg“. Stadtwerke-Geschäftsführer Konrad Frommert ist begeistert von der „hervorragenden Arbeit“ des Vereins und steht mit seinem Haus nicht nur ideell hinter dem Projekt, dessen Wiederauferstehung letztlich zwei Millionen Euro gekostet haben wird. Mit kleinen Spenden, Werftaufenthalten und Personal haben die Stadtwerke geholfen, das 32 Meter lange und 9,40 Meter breite und 160 Tonnen schwere Schiff, auf dem einst 15 Pkw übersetzen konnten, wieder ins Wasser zu bringen.

Eventfahrten auf betagter Fähre geplant

Künftig soll das einstige Fährschiff als Plattform für Eventfahrten eingesetzt werden, auf der Theater gespielt, musiziert werden kann oder Lesungen stattfinden sollen. Auch für Radtouren ist die neue alte Fähre angedacht, Vereine und Private können sie chartern, eventuell mit einem Kapitän a.D.? Auf der Suche ist der Verein noch nach einem Sponsor für den neuen Messing-Schriftzug der „Konstanz“, wie das Schiff künftig heißt, wie zu Beginn. Nötig dafür sind 10.000 Euro. „Ein Schiff wird kommen“, heißt die Spendenaktion.

Autofähre auf Bodensee verkehrt seit 1928

Übrigens: Heute verkehren sieben Fährschiffe zwischen Konstanz und Meersburg. Seit 1928 bis Ende 2009 wurden 3,8 Millionen Fahrten und 16,7 Millionen Kilometer zurückgelegt. Dabei wurden 288,6 Millionen Personen, 12,6 Millionen Fahrräder, 73,6 Millionen Pkw und 7,8 Millionen Lkw befördert.

Fotos: sig/Am 11. September soll sie fertig sein, die „Konstanz“, 1928 gebaut und vom Verein „Rettet die Fähre Ex Konstanz – Meersburg“ wieder flott gemacht.

4 Kommentare to “Mit 82 geht älteste Autofähre auf dem Bodensee wieder auf Tour”

  1. Ute
    4. August 2010 at 23:26 #

    Klasse Artikel über die alte Dame. :)

  2. Schreibtaeter
    5. August 2010 at 11:52 #

    Schön, dass mit dem Fährschiff Konstanz bald neben der Hohentwiel ein weiterer Klassiker auf dem See unterwegs ist. Bleibt zu hoffen, dass möglichst schnell viele Menschen die Faszination dieser Fähre entdecken. Ein regelmäßiger Verkehr wäre da sicher hilfreicht. War nicht einmal angedacht, die Konstanz als Fahrradfähre zwischen Dingelsdorf und Überlingen einzusetzen?

  3. Heiner Unterberg
    19. Juli 2011 at 21:04 #

    Ich hätte gerne Informationen,wie man die Konstanz mieten kann.

  4. Heiner Unterberg
    19. Juli 2011 at 21:07 #

    Termine die konstanz zu mieten

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