Müssen Konstanzer nach falschen Helden benannte Straßen umbenennen?

Der Fall des Schweizers Otto Raggenbass – Historiker Arnulf Moser fand Hinweise auf „Ausschaffung“ von Flüchtlingen

Konstanz. Konstanzer Straßen sind offenbar noch immer nach Persönlichkeiten benannt, die heute in einem ganz anderen Licht erscheinen. Besonders krass ist der Fall von Otto Raggenbass. Historische Quellen belegen, dass der Kreuzlinger Bezirksstatthalter in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verantwortlich dafür war, dass Flüchtlinge an der Schweizer Grenze zurückgewiesen worden sind. Offenbar ist Raggenbass aber auch privat nicht ohne Makel gewesen. Er rechtfertigte Gewalt gegen seine Ehefrau.

Gefallene Helden

In Konstanz tragen gleich mehrere Straßen Namen von Persönlichkeiten, nach denen heute mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Straße mehr benannt würde. Die von-Emmich-Straße erinnert an einen preußischen Offizier, der während des ersten Weltkriegs General der Infanterie war. Franz Knapp war Bürgermeister in Konstanz, katholisch und konservativ. Nach der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten kehrte er in die braune Stadtverwaltung zurück. Später wurde er zum Oberbürgermeister gewählt. Fritz Arnold,  Sozialdemokrat und nach dem Krieg wieder Technischer Bürgermeister, schrieb, dass er stolz gewesen sei, im zweiten Weltkrieg gekämpft zu haben. Noch mehr stört den Historiker Arnulf Moser aber zum Beispiel, dass es noch immer eine nach Conrad Gröber benannte Straße in Konstanz gibt: Der Freiburger Erzbischof hatte das Elser Attentat auf Adolf Hitler im Bürgerbräukeller verurteilt. Elser war später in Konstanz festgenommen worden. Heute erinnert an der Schwedenschanze eine Büste an den Attentäter.

Überholte Vorbilder

„Überholten Vorbilder?“ sind in diesem Herbst nicht zufällig Thema einer Vortragsreihe im Konstanzer Rosgartenmuseum. Der Historiker Moser schließt nicht aus, dass die Vorträge eine erneute Debatte um die Umbenennung von Straßen provozieren könnten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit dürfte das im Falle des Kreuzlinger Bezirksstatthalters Otto Raggenbass, einem Mitglied der Strafverfolgungsbehörde, passieren. Seit neue Fakten bekannt sind, eignet sich Raggenbass anscheinend immer weniger als Vorbild. Raggenbass, nach dem 1968 noch eine Straße, die frühere Schwedenstraße, benannt worden ist, wurde von den Konstanzern möglicherweise fälschlicherweise auf einen Sockel gehoben. 40 Jahre später ist das Bild des „Helden“ wenigstens angekratzt. Für den Historiker Moser und andere steht fest: Raggenbass hat jüdische Flüchtlinge über die Grenze zurück nach Deutschland geschickt. Kurioserweise war es Raggenbass selbst, der mit seinem Buch „Trotz Stacheldraht“ Nachforschungen provozierte. In den Kapiteln über Konstanz habe er sich als „der große Macher“ dargestellt, so Moser.

Rechtfertigung der Gewalt gegen die Ehefrau

Aufschlussreich ist ein Aufsatz des Historikers Reto Wissmann, der im Buch „Kreuzlingen – Kinder, Konsum und Karrieren 1874-2000“ erschienen ist. In dem Aufsatz heißt es, dass Raggenbass einen Hang zur Selbstdarstellung hatte, er habe seine Kompetenzen überschritten und musste mehrere Disziplinarstrafen hinnehmen. Der Schweizer Propagandafilm „Schulung in Nahkampf“, der in der Konstanzer Ausstellung „Sommer ’39“ zu sehen war, ist Raggenbass Werk. Auch privat war Raggenbass nicht untadelig: Insgesamt war der Bezirksstatthalter drei Mal verheiratet – in letzter Ehe mit einer Deutschen. Zwischenzeitlich hatte er ein „Eheverbot wegen Gewalttätigkeit“. Zum Vorwurf, er schlage seine Frau, rechtfertigte der Jurist Gewalt gegen Frauen und sagte: Das sei Privatsache. In seinem Nachlass, den zuerst er selbst und nach seinem Tod seine Witwe aussortiert haben, fand sich von alle dem nichts. Entdeckt hat Moser im Archiv in Frauenfeld nur Glückwunschschreiben und Flugblätter.

Raggenbass an „Ausschaffungen“ beteiligt

Raggenbass war an der „Ausschaffung“ von Flüchtlingen beteiligt. Raggenbass schrieb: Es sei oft schwer angesichts der bestehenden Tatsachen Leute auszuweisen und über die Grenze zu stellen. Es sei aber seine „heilige Pflicht“. Bekannt sind nur wenige konkrete Fälle, die Historiker in den letzten Jahren beim Quellenstudium entdeckt haben. Ein Grund, dass es so lange dauerte: 1945 hatte auch die Schweizer Strafverfolgungsbehörde die meisten Akten verbrannt. Moser liegen nun aber Dokumente mit Namen vor. Er hat Quellen, die er im Thurgauer Staatsarchiv gefunden hat, kopiert. Geschildert werden Fälle von 20 oder 30 Jahre alten „Zivilflüchtlingen“, die von der Bezirksverwaltung aus dem Thurgau zurück nach Nazi-Deutschland geschickt wurden. Ein Flüchtling musste zurück schwimmen.

Historiker sieht Raggenbass in neuem Licht

Als die Konstanzer Ende der 60-er Jahre eine Straße nach Raggenbass benannten, war all das nicht bekannt. „Der Held war tot“, so Moser. Zuvor hatte er noch sein Buch veröffentlicht. Erste Kritik an Raggenbass habe es vom Thurgauer Historiker Albert Schoop 40 Jahre nach Kriegsende 1985 gegeben. Damals ging es noch um Raggenbass Rolle bei Kriegsende und um die Frage, wem es zu verdanken war, dass Konstanz kampflos von den Franzosen besetzt wurde. Moser sagt heute, dass es damals natürlich auch um Schweizer Interessen gegangen sei. Konstanz sei nur noch ein Lazarett gewesen. Den Franzosen entgegen ging 1945 ein Schweizer Konsul, nicht aber der Bezirksstatthalter Raggenbass, der sich in seinem Buch anscheinend selbst verklärt hatte. 1992 veröffentlichte dann Moser sein Buch über die Geschichte der Grenze. Der Historiker fand damals erstmals Hinweise, dass Raggenbass an Ausweisungen beteiligt war. Belegt ist, dass Raggenbass 1938 über seine Sorge vor Überfremdung berichtete und davon, dass er die Schweiz vor Antisemitismus bewahren wollte. Zu viele jüdische Migranten hätten Antisemitismus auch in der Schweiz provozieren können, meinte Raggenbass. Als Moser gegenüber der Stadt Konstanz eine Stellungnahme zum Namen Otto-Raggenbass-Straße abgeben sollte, hatte er noch keine Bedenken. „Heute würde ich stopp sagen“, so Moser.

Über Otto Raggenbass spricht der Historiker Dr. Arnulf Moser in der Vortragsreihe „Überholte Vorbilder?“ bei Straßennamen am Dienstag, 12. Oktober, um 19 Uhr im Rosgartenmuseum. Der Eintritt kostet zwei Euro.

3 Kommentare to “Müssen Konstanzer nach falschen Helden benannte Straßen umbenennen?”

  1. Bruno Neidhart
    8. Oktober 2010 at 11:58 #

    Da macht Historiker Arnulf Moser auf der Suche nach tatsächlichen „Strassenhelden“ ein gewaltiges Fass auf: Viele Konstanzer müssten wohl demnächst ihre Adresse ändern, wenn alles zu Ende gedacht würde! Historiker sind sich in der Bewertung von Vorgängen allerdings bekanntlich nicht immer einig, agieren kontrovers, oft nach – was nicht sein sollte – „persönlicher, politischer Ausgangslage“. So wird nicht selten noch undurchsichtiger, was sichtbar gemacht werden sollte, und man überlässt die Interpretation wiedermal dem geneigten Leser – ein bekanntes Historikerschicksal. Moser mischt nun wohl noch das Privatleben des Probanden auf – ein nicht sehr angenehmer Versuch für viele. Was das „Ausschaffen“ betrifft (Übrigens ein in diesen Tagen gerade wieder akzentuierter Begriff rechtsgerichteter Schweizer Kreise!), so lohnt es sich bei „Paul Grüninger, 1891-1972)“ (Bei Wikipedia etwa) nachzuschlagen, der sich 1938/39 als Polizeikommandant dafür einsetzte, an der Grenze zu Vorarlberg jüdischen und anderen Flüchtlingen den Weg in die Schweiz nicht zu versperren, wie es ein Rückweisungsgebot aus Bern eigentlich verlangt hätte. Grüninger wurde noch 1939 verurteil, verlor seine Ehre, seine Pensionsansprüche, starb vergessen und verarmt und ist erst 1995 rehabilitiert worden. In „Yad Vashem“ wird er als „Gerechter aus den Völkern“ geehrt. Und trotzdem ist „der Fall“ anscheinend nicht „eindeutig“, gibt es Historiker, welche auch bei diesem Menschen „Haare in der Suppe“ gefunden haben (wollen) und noch immer zu finden glauben. Es ist also stets ein heisses Eisen, an das sich Historiker wagen, wenn es gilt, „Menschlichkeit“ – oder eben dann das Gegenteil davon – in einem persönlichen Gesamtkontext zu interpretieren.

  2. r
    12. Juni 2013 at 22:01 #

    kein wort zur werner-sombart-str.?

  3. dk
    13. Juni 2013 at 16:02 #

    Es ist schwer eindeutig zu beweisen oder zu widerlegen, ob der Park von Sanssouci in Potsdam Einfluss auf das Gedankengut der NS-Führung gehabt hat. Ein Besuch lohnt sich aber immer, wobei auch die Stadt und Umgebung angenehm ist.

    Ein Geschichtslehrer hatte in den 70er Jahren vor Schülern beteuert, dass sein Tagesvisum von Westberlin nach Ostberlin und Potsdam nötig gewesen sei, da das Thema für die dt. Geschichte wichtig gewesen sein soll. Er hat sich u.a. auch über den Wiederaufbau der Sowjetzone mit der Bevölkerung unterhalten; er selbst hatte in München studiert, so dass die Reise ein kleines Abenteuer gewesen sein dürfte.

    Die Strassennamen dürften für einige historische Insider in KN bedeutsam sein. Das neu zu bauende Stadtschloss in Berlin wird eher unterschiedliche Bauchgefühle verursachen: Sanssouci fördert eher eine entspannte unpolitische Urlaubsstimmung.

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