Nachgefragt beim neuen Konstanzer SPD-Vorsitzenden Friedrich Sehrt

Die Konstanzer SPD hat einen neuen Vorsitzenden. Er heißt Friedrich Sehrt und ist 25 Jahre alt. Wenige Wochen vor der Kommunalwahl hat er die Herausforderung angenommen. See-Online hat Friedrich Sehrt ein paar Fragen gestellt.

Interview

See-Online:

Bitten nennen Sie uns drei Stichworte. Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Konstanz denken? 

Friedrich Sehrt:

Mediterranes Flair, lebendige Geschichte und ein tiefes Gefühl der Ruhe, wenn man nachts ungestört auf den See hinausschaut.

See-Online:

Könnten Sie uns Ihre persönliche Motivation erklären. Wie kam es dazu, dass Sie für den SPD-Vorsitz kandidiert haben? 

Friedrich Sehrt:

Ich lebe sehr gern in Konstanz und fühle mich hier wohl. Während meiner Studienzeit habe ich die Attraktivität dieser Stadt kennen- und schätzen gelernt. Nichtsdestotrotz gibt es Dinge, die in Konstanz noch nicht optimal laufen – die Wohnungsmisere macht immer mehr Menschen zu schaffen, genauso wie die Verkehrsprobleme in der Stadt. Ich will mit meinem Engagement der Stadt einerseits etwas zurückgeben und andererseits bin ich keiner, der nur meckert und das Gestalten dann anderen überlässt. Außerdem macht mir die Arbeit in der Volkspartei SPD Spaß, gerade weil sie Mitglieder mit ganz unterschiedlichen beruflichen Hintergründen, verschiedener Herkunft und sicher auch unterschiedlichen Perspektiven in sich vereint. Diese Charaktere und Einflüsse unter einen Hut zu bringen und deren Ideen zu bündeln ist eine Herausforderung, die mich enorm reizt. Als Beisitzer habe ich die Arbeit des SPD- Ortsvereins in den letzten Jahren bereits gut kennenlernen dürfen. Jetzt war für mich die Zeit reif, mich noch intensiver einzubringen.

See-Online:

Die SPD ist im 40-köpfigen Konstanzer Gemeinderat mit einer Fraktion mit sieben Mitgliedern vertreten. Hat die SPD in den vergangenen fünf Jahren eher viel oder weniger Einfluss auf die Stadtpolitik genommen? Worauf kommt es an? 

Friedrich Sehrt:

Die SPD-Fraktion hat sich im letzten Gemeinderat als verlässliche und gestaltende Kraft bewiesen. Mit 7 von insgesamt 40 Sitzen braucht man aber bei jedem Thema Verbündete, um die eigenen Ideen auch umsetzen zu können. Bei vielen Themen konnte die SPD Mitstreiterinnen und Mitstreiter in den anderen Fraktionen finden, etwa beim Ausbau der Ganztagesbetreuung in den Schulen, der Sprachförderung im Kindergarten oder beim kommunalen WLAN. Bei anderen Themen, wie etwa der Einrichtung der Einbahnstraße in der Bodanstraße, bei der Ausweisung neuer Siedlungsentwicklungsflächen oder bei den Mitwirkungsmöglichkeiten von Arbeitnehmervertreterinnen und -vertretern im Gesundheitsverbund konnten wir uns bislang nicht durchsetzen.

Man kann also mit guten Gründen sagen, dass wir Einiges erreicht haben. Ich hätte aber nichts dagegen, wenn unser Einfluss im nächsten Gemeinderat zahlenmäßig größer wäre. Dann könnten wir nämlich auch noch die Dinge durchsetzen, für die wir bislang keine Mehrheit gefunden haben.

See-Online:

Wie viele Sitze kann die SPD Ihrer Meinung nach im kommenden Gemeinderat erreichen? 

Friedrich Sehrt:

Unser Ziel sind 9 Sitze und das halte ich auch durchaus für realistisch. Wir haben ein gutes Programm und engagierte Kandidatinnen und Kandidaten. Ich bin optimistisch.

See-Online:

Welches sind die wichtigsten Themen der Sozialdemokraten in Konstanz? Nennen Sie uns ein paar Stichworte? 

Friedrich Sehrt:

Bei uns steht das Thema Wohnen ganz oben auf der Tagesordnung. Die Wohnungsmisere führt dazu, dass Studentinnen und Studenten sowie junge Familien auf dem Wohnungsmarkt gegeneinander ausgespielt werden. Das muss sich ändern. Hierfür brauchen wir wesentlich mehr Wohnraum. Für uns geht es aber auch darum, dass jedem Kind von Anfang an die besten und gleichen Chancen eröffnet werden. Und wir wollen beim Verkehr endlich weiter kommen. Das vom Gemeinderat favorisierte C-Konzept überzeugt mich nicht.

See-Online:

Gibt es schon Ideen, wie die SPD den Kommunalwahlkampf führen möchte? Eher konventionell mit Wahlkampfständen oder welche Vorstellungen haben Sie?

Friedrich Sehrt:

Ich will da natürlich noch nicht alle Karten auf den Tisch legen. Klar ist aber, dass die üblichen Allgemeinplätze auf Plakaten sowie austauschbare Aussagen niemanden vom Hocker reißen. Wir werden das anders machen. Unser Wahlkampf wird also eher unkonventionell. 

See-Online:

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach das Web? Sind Social Media eher wichtig oder unwichtig? 

Friedrich Sehrt:

Die „sozialen Medien“ sind mittlerweile aus keinem Wahlkampf mehr wegzudenken und spielen auch ganz allgemein eine große Rolle. Sie beschleunigen und vereinfachen die Kommunikation und werden längst nicht mehr nur von Jüngeren genutzt. Das persönliche Gespräch werden sie aber nicht ersetzen, davon bin ich überzeugt.

See-Online:

Die SPD wird gern von Älteren gewählt. Dieses Mal sind erstmals auch Jugendliche ab 16 Jahre stimmberechtigt. Welche Angebote macht die Konstanzer SPD an diese Wählergruppe? 

Friedrich Sehrt:

Diese Aussage stimmt zumindest mit Blick auf Konstanz nicht. Bei der Kommunalwahl 2009 hatte die SPD den größten Anteil der Jungwählerinnen und Jungwähler aller Parteien. Und wenn ich mir die Mitgliederstruktur meines Ortsvereins so anschaue, dann fällt auf: Von den 320 Mitgliedern sind rund ein Drittel unter 35 Jahre alt. Da macht uns auch von der politischen Konkurrenz in Konstanz keiner was vor. Auf unserer Liste haben wir mindestens drei Kandidatinnen und Kandidaten unter 30 Jahren, die auch realistische Chancen haben, am 25. Mai in den Gemeinderat gewählt zu werden. Im frisch gewählten Ortsvereinsvorstand schließlich sitzt ein 16-jähriger Schüler, dessen Engagement mich wirklich beeindruckt.

Das Wichtigste ist doch, dass wir Jüngere, zu denen ich mich wenigstens ab und zu auch selbst noch zähle, mit ihren Anliegen ernst nehmen und ihnen auch reelle Chancen geben. Insbesondere mit unseren Beteiligungsmöglichkeiten am Wahlprogramm per Internet und öffentlichen Veranstaltungen sehe ich uns da auf einem guten Weg.

See-Online:

Wie möchte die SPD junge Familien, besonders auch Frauen gewinnen? 

Friedrich Sehrt:

Ich sehe hier ein großes Problem in der „Durchökonomisierung“ der Gesellschaft. Wenn (Fach-)Arbeitskräfte knapp werden, besteht ein großes Bedürfnis, möglichst viele Kräfte für die Wirtschaft freizusetzen. Andererseits muss man jungen Eltern doch auch die Chance geben, eine der schönsten Zeiten im Leben ihrer Kinder ausgiebig zu genießen und für sie da zu sein. Der Staat und die Wirtschaft müssen sich also um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf kümmern, schon im eigenen Interesse. Für diejenigen, die auf mehr Möglichkeiten bei der Kleinkindbetreuung angewiesen sind, müssen wir mehr Plätze schaffen und darüber hinaus auch über die Finanzierung sprechen. Ich bin mit der derzeitigen Beitragsregelung nicht einverstanden.

Bzgl. der Frauen: Haben Sie schon einmal in einem reinen Männergremium gesessen? Das mag für den Moment ganz erheiternd sein, ist aber auf Dauer eine recht dumpfe Angelegenheit. Die Anwesenheit von Frauen ist eine Bereicherung auf ganz vielen Ebenen. Wir als SPD haben das schon im vorvorletzten Jahrhundert verstanden. Deshalb stehen bei uns heute auch exakt so viele Frauen wie Männer auf der Gemeinderatsliste. Und das ist auch gut so.

See-Online:

Das Junge Forum Konstanz, eine neue Wählervereinigung, tritt an und möchte Menschen repräsentieren, die bisher im Gemeinderat eher unterrepräsentiert sind. Wie sehen Sie die Erfolgschancen der Liste? Wen repräsentiert denn die SPD? 

Friedrich Sehrt:

Ich bin kein Prophet. Ich kenne die wenigsten Kandidatinnen und Kandidaten des Jungen Forums und ich kenne deren Programm auch noch nicht. Ob und inwiefern das Junge Forum den Einzug in den Gemeinderat schafft, das werden die Wahlen zeigen. Mir gefällt aber, dass sich beim Jungen Forum offensichtlich vor allem Menschen engagieren die sich sonst vielleicht nicht kommunalpolitisch engagieren würden. Als Demokrat befürworte ich das.

Die SPD selbst steht nicht für eine Klientel- oder Altersgruppe. Die große Stärke der SPD lag immer darin, alle gesellschaftlichen Kräfte zu bündeln. Aber klar ist, dass wir uns insbesondere um jene kümmern, die in Konstanz gerne vergessen werden. Jene, die hart arbeiten, sich an die Regeln halten und Mühe haben, mit den hohen Lebenshaltungskosten in Konstanz zurecht zu kommen.

See-Online:

Wenn wir die SPD in Konstanz von der Freien Grünen Liste abgrenzen möchten, müssen wir wissen, wo die Unterschieden liegen. Können Sie uns sagen, was die SPD und die Grünen in Konstanz von einander unterscheidet? 

Friedrich Sehrt:

Zunächst glaube ich, dass es die eine Freie Grüne Liste in Konstanz so gar nicht gibt. Die Fraktion der FGL im Gemeinderat besteht offenbar aus mehreren Lagern, die fortlaufend auch unterschiedlich abstimmen. Diese Differenzen sind wohl auch bei der Nominierungsversammlung der FGL zu Tage getreten. Natürlich wird das die SPD aber nicht davon abhalten, ausgehend vom oben Gesagten, in der Sache gut mit den Grünen zusammenzuarbeiten. Wichtig ist für mich, dass die SPD eine Partei ist, die ebenfalls lange, mitunter anstrengende Diskussionen führt, dann aber ein Ergebnis findet, an dem sich alle Akteure messen lassen. Mein Eindruck ist, dass in Konstanz gerne über Probleme diskutiert wird, Lösungsvorschläge aber viel zu oft vertagt werden.

Genauso wichtig ist mir, dass sich die SPD um den Wirtschaftsstandort Konstanz bemüht. Wir haben in den letzten Jahren einige schmerzhafte Einbußen bei industriellen Arbeitsplätzen erlebt. Dem müssen wir entgegensteuern. Das halte ich für einen wichtigen Auftrag, dem sich die SPD in den nächsten Jahren stellen werden muss und dem sie sich auch jetzt schon stellt.

See-Online:

Auch die Linke Liste Konstanz wird mit einer Liste antreten. Wo verläuft hier die Grenzlinie. In welchen Fragen gibt es Unterschiede zwischen der SPD und der Linken Liste Konstanz? 

Friedrich Sehrt:

Bei der Linkspartei hängt sehr viel von den handelnden Personen ab. Da gibt es Leute, die ganz vernünftig sind und andere, die in der Rolle der Fundamentalopposition voll aufgehen – das gilt für die Bundesebene genauso wie für Konstanz. Die Linke Liste hat sich nun neu aufgestellt, Vera Hemm kandidiert nicht mehr. Wir werden sehen, wie und ob sich die Neuaufstellung beim Programm bemerkbar macht.

See-Online:

Sie sind neuer Vorsitzender des Ortsvereins. Werden Sie die Menschen, die Mitglieder in der SPD, wieder öfter einmal zusammenbringen? Sind Stammtische oder auch ein Sommerfest wichtig? Zuletzt gab es solche Angebote bei der SPD nicht mehr. 

Friedrich Sehrt:

Da muss ich widersprechen. Ein Sommerfest sowie eine Feier anlässlich der Jubiläen sowohl der Konstanzer als auch der Bundes-SPD haben wir veranstaltet.

Dennoch will ich unsere Mitgliedschaft gerade auf persönlicher Ebene wieder näher zusammenführen. Fest steht bspw. ein regelmäßiger Skatabend für Neueinsteiger und alte Hasen, der natürlich auch für alle anderen offensteht, die die Konstanzer SPD kennenlernen wollen. Unser Ursprung liegt in der Arbeiterbewegung, die sich durch solidarisches Einstehen füreinander und ihren Zusammenhalt untereinander auszeichnete. Daran will ich anknüpfen.

See-Online:

Wie wichtig ist es, dass Politik Spaß macht? 

Friedrich Sehrt:

Wir alle machen Politik vor Ort ehrenamtlich. Und seine Freizeit nutzt jeder lieber für Dinge, die Spaß bereiten. Gerade weil der Zeitaufwand in der Kommunalpolitik groß ist, muss die Motivation stimmen. Freude an politischem Engagement halte ich deshalb für sehr wichtig.

See-Online:

Noch eine persönliche Frage: Sie sind seit 2009 Mitglied in Ihrer Partei. Weshalb sind sie eingetreten und warum engagieren Sie sich in der SPD und nicht in einer anderen Partei? 

Friedrich Sehrt:

Ich wurde gerade noch wenige Monate vor dem Fall der Mauer im Jahr 1989 geboren. In meiner Kindheit haben wir oft meine Verwandten in Arnstadt besucht und ich konnte die verfallenen, grauen Fassaden der einst wunderschönen Häuser meiner Geburtsstadt sehen, die man jahrzehntelang verkommen ließ. Diese Fassaden waren das Symptom des gesellschaftlichen Stillstands, den das herrschende SED-Regime zu verantworten hatte. Die damals vertretene Ideologie ließ in ihrer Absolutheit keine Neuerungen und keinen Fortschritt zu, da dieser den Machterhalt hätte gefährden können. Diese Eindrücke haben mich geprägt. Die SPD ist für mich die einzig überzeugende Kraft des Fortschritts, die die Belange Aller berücksichtigt. Sie hat in ihrer Geschichte oft gezeigt, dass sie dieses Ziel sogar über ihr eigenes Wohl stellt. Deshalb engagiere ich mich gerne in der SPD.

Vielen Dank fürs Interview.

Über Friedrich Sehrt

Friedrich Sehrt wurde 1989 in Arnstadt (Thüringen) geboren und wuchs in Vaihingen an der Enz auf. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und dem ersten Staatsexamen ist er jetzt als wissenschaftliche Hilfskraft an der Universität Konstanz tätig und wird ab Oktober 2014 sein Referendariat beginnen. Friedrich Sehrt ist seit 2009 Mitglied der SPD und hat schon verschiedene Funktionen wahrgenommen. Er war u.a. Koordinator der Juso-Hochschulgruppe, stv. AStA-Vorsitzender und Geschäftsführer beim Ring politischer Jugend. Seit 2012 ist er Beisitzer im Vorstand der Konstanzer SPD. Friedrich Sehr ist unter der Mail-Adresse sehrt@spd-konstanz.de erreichbar.

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