Nachgefragt: Wer ist eigentlich Siegfried Lehmann?

Im Gespräch mit Landtagskandidaten im Wahlkreis Konstanz

Konstanz. Wählen oder nicht wählen und wenn ja, wen wählen? Diese Frage stellt sich den Wahlberechtigten in Baden-Württemberg am 27. März bei der Landtagswahl. Parteibindungen sind bei Wahlentscheidungen immer weniger wichtig. Während ein Teil der Wahlberechtigten eher strategisch wählt oder sich spontan für eine Partei entscheidet, spielt bei anderen die Persönlichkeit des Kandidaten eine große Rolle.

See-Online: Stellen Sie sich doch bitte einmal kurz vor: Verraten Sie uns Ihr Alter, wo Sie geboren sind, Ihren Beruf und wo und wie Sie leben.

Siegfried Lehmann: 57 Jahre, geboren in Lieberose im Spreewald in Brandenburg, zwei Geschwister. Meine Eltern sind mit uns kurz vor dem Mauerbau nach West-Berlin geflüchtet. Ich habe nach dem Hauptschulabschluss über den zweiten Bildungsweg in Konstanz Maschinenbau studiert und später in Stuttgart ein Lehramtsstudium für berufliche Schulen absolviert. Seit 27 Jahren bin ich Lehrer. Ich lebe mit meiner Lebenspartnerin in Radolfzell in einem Einfamilienhaus mit Garten drumherum.

See-Online: Weshalb haben Sie sich entschieden, ausgerechnet in Ihre und in keine andere Partei einzutreten?

Siegfried Lehmann: In meiner Jugend war ich ein Fan von Willy Brandt. Meine Eltern haben SPD gewählt. Ein klassischer Arbeiterhaushalt. Nach Willy Brandt kam Helmut Schmidt mit seiner Rüstungspolitik. Er ignorierte das Problem der Umweltzerstörung. Die SPD war für mich keine Alternative. Ich habe mich in Bürgerinitiativen und in der Friedensbewegung engagiert. Aus dieser Bewegung sind die Grünen entstanden. Ich war Gründungsmitglied. Wir wollten die parlamentarische Teilhabe.

See-Online: Was würden Sie tun, wenn Sie einen Tag lang Ministerpräsident wären?

Siegfried Lehmann: Ich würde mehr zulassen. Zum Beispiel eine freie Schulentwicklung. Warum sollen Schulen im ländlichen Raum keine weiterführenden Bildungsabschlüsse anbieten, also warum keine mittlere Reife auf dem Dorf? Ich würde auch mehr im Bereich erneuerbare Energien zulassen: Mehr Windenergie, mehr Windkraftanlagen…

See-Online: Partei- und Regierungsprogramme könnten wir im Internet lesen. Wir möchten Sie deshalb lieber persönlich ein bisschen näher kennenlernen. Sind Sie mit ein paar persönliche Fragen einverstanden?

Siegfried Lehmann: Ja.

See-Online: Würden Sie der Aussage zustimmen, dass Politik Kommunikation ist? Macht es Ihnen Spaß, unter Menschen zu sein?

Siegfried Lehmann: Auf jeden Fall ja. Wenn man Politik macht, muss man gern kommunizieren und die Menschen mögen. Als Autist wäre man in der Politik schlecht aufgehoben. Politiker müssen Spaß am Dialog, an der Konfrontation und am Ringen um Lösungen haben.

See-Online: Sind Sie gern draußen an der frischen Luft?

Siegfried Lehmann: Ich bin gern in der Natur. Ich gehe gern in die Berge zum Wandern. Über 17 Jahre war ich auf Skitouren. Die Gruppe ist leider auseinander gebrochen. Am besten erholen und mich entspannen kann ich in der freien Natur.

See-Online: Stellen Sie sich vor, es ist Sonntag. Sie können nicht einkaufen. Was darf in Ihrem Kühlschrank an einem Sonntag auf gar keinen Fall fehlen?

Siegfried Lehmann: Joghurt für mein Müsli.

See-Online: Wo haben Sie Ihre besten Ideen? Vielleicht unter der Dusche?

Siegfried Lehmann: Die besten Ideen kommen mir draußen beim Spazierengehen oder wenn ich joggen gehe. Wo nur die Natur ist, es keine Geräusche und keine Umwelteinflüsse gibt, kann ich meine Gedanken neu ordnen und meine Kreativität entfalten.

See-Online: Wie wichtig sind Ihnen Freunde? Wir meinen nicht politische Freunde, sondern Menschen, die Ihnen wirklich nahe stehen.

Siegfried Lehmann: Schon sehr wichtig. Ich trenne Politik und Privatleben sehr strikt. Ich habe Freunde, mit denen ich in der Politik zusammenarbeite. Beim Essen oder Wein reden wir dann auch über Politik aber nicht nur. Ich bin an Kultur interessiert und finde andere Dinge sehr wichtig. Ich habe Freunde, mit denen spreche ich nie über Politik.

See-Online: Wie wichtig ist emotionale Intelligenz und die Fähigkeit zu Empathie? Oder sind Sie ein reiner Verstandsmensch, dem Emotionen nicht so wichtig sind?

Siegfried Lehmann: Empathie ist mit am wichtigsten in der Politik. Fehlende Empathie führt dazu, dass es in der Gesellschaft nicht funktioniert. Wenn Politiker sich zu wenig in die Situation anderer Menschen hineinversetzen wollen und können, wir es schwierig. Berufspolitiker, die direkt aus den Jugendorganisationen kommen und gezielt studieren, um in die Politik zu gehen, verschärfen das Problem noch. Für sie war das reale Leben nie so richtig erfahrbar. Eine Folge fehlender Empathie ist das schlechte Ansehen der Politik. Politiker müssen die Menschen erst einmal verstehen, für die sie etwas bewegen möchten und für die sie entscheiden.

See-Online: Viele Menschen haben ein Lieblingszitat oder einen Lieblingsspruch wie „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen…“ . Haben Sie auch so einen Satz?

Siegfried Lehmann: Ich erinnere mich an das erste Plakat der Grünen. Es war eine Kinderzeichnung. Kennen Sie es? Darauf stand der Satz: „Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt.“

See-Online: Besitzen Sie ein Smartphone?

Siegfried Lehmann: Ja, ein HTC. (liegt neben ihm auf dem Tisch)

See-Online: Lesen Sie Nachrichten lieber online oder in gedruckten Zeitungen?

Siegfried Lehmann: Wenn Sie mir die Frage vor einem halben Jahr oder vor eineinhalb Jahren gestellt hätten, hätte ich auf jeden Fall in der Zeitung geantwortet. Das hat sich geändert. Die ganze Kommunikation verändert sich. Seit ich das iPad habe, sind Nachrichten zu jeder Zeit und überall verfügbar. Das hat dazu geführt, dass sich mein Verhältnis zu Printmedien gewandelt hat. Ich mache mir Sorgen um die Berichterstattung vor Ort. Die Region wird immer weniger wahrgenommen. Regionalzeitungen haben Probleme. Wir müssen die Versorgung mit Nachrichten unbedingt sicher stellen. Es braucht eine neue Form der Finanzierung. Die Aufgabe der Politik ist es, ein neues Stützungssystem zu finden, um die Versorgung mit Nachrichten in der Fläche aufrecht zu erhalten. Profitieren dürfen nicht nur die großen Verlage.

See-Online: Nutzen Sie in Ihrer Freizeit Twitter oder Facebook oder finden Sie für sich persönlich soziale Netzwerke und Mikroblogging nicht ganz so wichtig?

Siegfried Lehmann: Ich nutze Twitter und Facebook nicht. Ich habe gegenüber Sozialen Netzwerken eine sehr kritische Position. Neue Techniken haben einen Hype zur Folge. Entscheidend ist aber der Mehrwert. Twittern ist einerseits wichtig. Die Stuttgart 21 Proteste wären ohne Online-Kommunikation nicht denkbar gewesen. Jetzt kommt das Aber. Facebook zum Beispiel ist ein privater Konzern, der mit Daten seiner Mitglieder handelt. Nichts ist mehr privat. Facebook zieht einen wirtschaftlichen Nutzen aus den Daten. Wir brauchen ein neues Bewusstsein und müssen vernünftig mit den Sozialen Netzwerken umgehen. Auch Twittern ist zwiespältig. Auf der einen Seite geht es um Informationen, die getwittert werden, aber auch um viele Belanglosigkeiten. Ich sehe viel Überflüssiges und eine gewisse Orientierungslosigkeit.

See-Online: Wissen Sie welche Rolle Facebook in Tunesien spielte, Stichwort „Revolution im Internet“?

Siegfried Lehmann: Das Internet und die Möglichkeit der interaktiven Kommunikation verändern alles. Dies wird es in Zukunft allen Diktaturen schwer machen, zu überleben und ihre Bürger in Schach zu halten. Früher war das einfach. Es gab nur wenig Informationskanäle. Wie schwierig Kommunikation zum Beispiel im Dritten Reich war, zeigt die „Weißen Rose“. Die Studenten mussten damals noch Flugblätter drucken und verteilen.

See-Online: Auch im Fall von „Stuttgart 21“ spielte sich viel im Internet ab. Nachrichten verbreiten sich über Twitter fast in Echtzeit. Haben Sie im Internet schon einmal fluegel.tv geschaut?

Siegfried Lehmann: fluegel.tv finde ich super. Dass sich Menschen im Internet vernetzen, stärkt die Bürgerbündnisse. Gerade in einem Ballungsraum ist es einfach, in kürzester Zeit eine Unzahl von Menschen zu erreichen und sie zusammenzubringen. Vor fünf oder sechs Jahren wäre das noch nicht so leicht gewesen. Ein Protest wie in den vergangenen Monaten gegen Stuttgart 21 wäre nicht denkbar gewesen.

See-Online: Apropos schauen: Gehen Sie lieber ins Kino oder schieben Sie eine DVD ein? Welchen Film sollten wir uns unbedingt einmal anschauen?

Siegfried Lehmann: Seit meiner Jugend bin ich ein begeisterter Kinogänger. Früher habe ich meiner Mutter samstags die Milchflaschen geklaut, damit ich Geld die Vorstellung hatte. Kino ist durch nichts zu ersetzen. Ein Film, der mich noch immer beschäftigt ist „Babel“. „Babel“ ist ein Globalisierungsfilm und zeigt wie eine Handlung andere Handlungen bewirkt.

See-Online: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welchen Headliner, welche Band oder welchen internationalen Künstler, würden Sie gern einmal im Bodensee-Stadion live spielen hören?

Van Morrison.

See-Online: Jetzt doch noch zwei politische Fragen. Was halten Sie von Volksentscheiden?

Siegfried Lehmann: Volksentscheide sind eine Urforderung der Grünen. Wir brauchen mehr direkte Demokratie.Wir müssen sie wagen, auch wenn Politiker Angst vor dem Volk haben. Es kann nicht sein, dass Politik etwas anderes macht als die Bevölkerung will. Ängste sind unbegründet. Grundrechte und Minderheitenschutz sind nicht abstimmbar. Es kann keine Entscheidung über die Einführung der Todesstrafe geben. Auch Online-Petitionen sind ein wichtiges Instrument. Wir wollen sie auch für Baden-Württemberg.

See-Online: Was haben Sie aus den Ereignissen in Zusammenhang mit Stuttgart 21 gelernt?

Siegfried Lehmann: Die Macht des Internets. Und wie stark die Netzwerke der CDU in Baden-Württemberg sind. Bürgermeister und Landräte haben sich hinter den Projektbeschluss gestellt, obwohl er ihren eigenen Interessen widerspricht. Es war ein Schulterschluss der CDU-Landräte und Bürgermeister gegen die eigenen Interessen.

See-Online: Letzte Frage: Warum sollten wir ausgerechnet Sie wählen?

Siegfried Lehmann: Damit eine andere politische Kultur einzieht. Nach 57 Jahren CDU ohne Unterbrechung braucht es endlich einen Wechsel. Sie sollten Grüne wählen, weil wir eine neue Energiepolitik wollen, raus aus der Atomenergie und hin zu erneuerbaren Energien, und weil wir eine andere Bildungspolitik möchten, eine mit mehr Chancengleichheit und mehr Gerechtigkeit.

Mehr über die Grüne Politik gibt’s unter: http://www.siegfried-lehmann.de/

Das Gespräch mit Siegfried Lehmann führte Waltraud Kässer an einem Freitag im Februar im Café Wessenberg in Konstanz.

Ein Kommentar to “Nachgefragt: Wer ist eigentlich Siegfried Lehmann?”

  1. Lothar Herzog
    14. Februar 2011 at 10:06 #

    Den gnzen Elan steckt der Herr Lehmann doch in die Zukunft
    seines Nachwuchses?
    Persönlich integer. In den Aussagen war mir zuviel „Grün“ drin.
    Mit Volksentscheiden und abstellen von Kernreaktoren ist es
    leider nicht getan.
    Windkraft ist am Bodensee und in Baden-Württemberg nutzlos.
    Bioernergie bringt nur einer Seite Profit und stinkt erbärmlich.
    Ausserdem wird durch den Anbau von Industriepflanzen unser
    Ökosystem mehr geschädigt.

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