Nachruf: Lokaler Online-Marktplatz am Bodensee schließt

Überlinger Online-Portal verabschiedet sich nach 20 Monaten – Blick auf die Blog-Szene am westlichen See

ZeitungsenteBodenseekreis/Kreis Konstanz. Der „Überlinger Marktplatz“ hat sich aus dem Web 2.0 verabschiedet. Die Leckebuschs haben tschüs gesagt. Daran, dass sie auskömmliche Werbeeinnahmen mit ihrem Portal erwirtschaften könnten, glaubte Norbert Leckebusch, der Mann fürs Redaktionelle, längst nicht mehr. Das Handtuch geworfen haben die Leckebuschs, wie sie sagen, aber nicht deswegen.

Online-Portal sagt tschüs

Ausgerechnet zu Beginn des Jahres ist es passiert. „Nach rund 20 Monaten haben wir unser Online-Portal zum Jahresende abgeschaltet!“ So steht es auf der Startseite des ehemals in Überlingen ansässigen Portals. „Wir haben mit viel Begeisterung den Versuch gemacht, Bürgern, Veranstaltern und Kommunen im Bodenseekreis eine zusätzliche öffentliche Plattform zu bieten, sich darzustellen und unter redaktionellen Gesichtspunkten auf sich aufmerksam zu machen.“ Weiter heißt es auf der Seite ein bisschen überraschend: „Leider ist redaktionelle Unabhängigkeit und guter Journalismus in Zeiten von ,Marketingmix und Crossmarketing‘ nicht gefragt“. Die Leckenbuschs schreiben: „Manche freuten sich allerdings über mehr journalistische Transparenz im Bodenseekreis.“ Ihr Fazit lautet vorerst: „,Online‘ ist im Bodenseeraum präsent, aber noch in der Entwicklung.“

Medienrevolution beginnt gerade erst

Der Abschied der Leckebuschs ausgerechnet jetzt kommt überraschend, um nicht zu sagen, zur Unzeit. Denn eigentlich machen unabhängige Journalisten, die mit ihrer Denke im 21. Jahrhundert angekommen sind und sich mit regionalen und lokalen Nachrichten im Web 2.0 zeigen, alles richtig. Wer es nicht glaubt, könnte sogar ein Buch darüber lesen. Gerade erst ist im Konstanzer UVK Verlag Anton Simons „Journalismus 2.0“ erschienen. Simons schreibt, das Internet beende das „Vermittlungsmonopol“ der großen Medienunternehmen und die Menschen erlebten aktuell die „größte Medienrevolution seit Erfindung des Buchdrucks“.

Werbung wandert ins Web

Der Autor, ein Nachfahre von Jeff Jarvis, Was würde Google tun?, ruft das Zeitalter der „Mitmachmedien“ aus, beschreibt den „Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit“ und berichtet davon wie Werbekunden ihre Budgets in den Onlinebereich verschieben. Einziges Problem: Am meisten profitieren vom Trend, dass sich Werbung ins Internet verlagert, nicht kleine regionale Portale, sondern der Riese Google. Dabei würde der Metzgermeister doch seine Kunden ohne große Streuverluste online zielgenau erreichen. Die Folge der Verschiebung der Werbebudgets von print zu online: Traditionelle Medienunternehmen verkleinern ihre Redaktionen und gefährden den Qualitätsjournalismus. Und unabhängigen Online-Portalen steht aus wirtschaftlichen Gründen das Wasser zeitgleich bis zum Hals.

Trendsetter USA

Während in den USA, wie Simons beschreibt, Blogs und Bloggernetzwerke lokale Nachrichten verbreiten, scheinen in Deutschland weiterhin die traditionellen Verlage die Vorherrschaft zu haben. Es könnte sich ändern: Simons schreibt, allein in Seattle konkurrieren zwölf Stadtteilportale und -Blogs mit der alten „Seattle Times“.

Lokale Blogs rund um Überlingen

Wer sich am Bodensee umschaut, könnte tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass sich auch hier zarte Blog-Pflänzlein nach oben kämpfen und sich einiges in Richtung Netz bewegt. Beispiel westlicher Bodenseekreis: Am westlichen Bodensee ist „Linzgau-online.de“, eine regionale Online-Zeitung, herausgegeben von Michael Stehle, Mediendesign & Fotografie, in Salem, seit Februar 2008 im Netz. Später kam der „Überlinger Marktplatz“ von Silvia Leckebusch und dem für die Redaktion verantwortlichen Norbert Leckebusch. Er hielt 20 Monate durch. See-Online.info startete als letzter Blog im November 2009 und ist seit 14 Monaten online. Sitz der GbR war zunächst ebenfalls Überlingen, während die Redaktion von Anfang an in Konstanz saß. In diesem Jahr ist See-Online.info komplett nach Konstanz gezogen.

Regionale Nachrichten-Portale in Konstanz

In der Universitätsstadt ist See-Online.info nach der boulevardesken „Bodensee-Woche“, dem stramm linken, garstigen „Seemoz“ und dem vom früheren, langjährigen Südkurier-Lokalredakteur Erich Gropper redaktionell betreuten „Dornroeschen.nu“ die vierte und jüngste Online-Zeitung, die versucht, sich am Markt zu behaupten. In der Stadt konkurrieren die Online-Portale wie die Online-Medien weltweit um die knappe Zeit der Nutzer.

Mehrere Tausend Leser jeden Tag

Die Nutzer werden aber immer mehr. Die Zahl der Leser, die sich online informiert, wächst. Dornröschen, hinter dem auch Frieder Schindele, Kommunikationsberater und langjähriger Inhaber einer Konstanzer Werbeagentur steht, und See-Online erreichen zusammen jeden Tag mehrere Tausend Leser. Erstmals versuchen die beiden unabhängigen Portale, die redaktionell gelegentlich Beiträge austauschen, aufeinander verlinken, sonst aber getrennte Wege gehen, sich gemeinsam zu vermarkten und Werbekunden für Bannerwerbung auf den Blogs zu gewinnen.

Nicht einmal Gründer (über)leben

Weil das Geld in Print und online knapp ist, wird es für engagierte Journalisten immer schwerer, Qualitätsjournalismus zu machen. Recherche ist aufwändig. Finanzieren können sich mit den spärlichen Einnahmen der Blogs, die oft gerade die Unkosten decken, meist nicht einmal die Gründer selbst. Weitere Autoren sind nicht zu bezahlen. Bei See-Online schreiben gelegentlich zwar auch andere Autoren. Sie tun es aber ohne Honorar zu bekommen. Da ihr Broterwerb an Aufträgen anderer hängt, den Platzhirschen aus dem Zeitalter des Print, möchten sie ihre Namen lieber nicht auf dem Blog lesen.

Verlautbarungsjournalismus unerwünscht

Trotz der vielerorts prekären wirtschaftlichen Lage der kleinen, dezentralen, von großen Verlagen unabhängigen Online-Nachrichtenportalen betont Norbert Leckebusch auch am Telefon noch einmal, dass ihn nicht der fehlende wirtschaftliche Erfolg zur Aufgabe bewogen habe. Sein Abschiedsstatement liest sich denn auch tatsächlich so, als ob er entmutigt wäre, weil „unabhängiger Journalismus“ nicht gefragt sei. Auf Verlautbarungsjournalismus hatte Leckebusch noch nie Lust. Das sagte er immer wieder bei Terminen. Die Nutzer aber auch nicht. In diesem Punkt könnte sich Leckebusch deswegen täuschen. Simons schreibt, der Weblog sei von seinem Ursprung her ein „Guerilla-Medium“. Zumindest die Seitenaufrufe bei See-Online zeigen klar, welche Geschichten die Leser sich erzählen lassen wollen und welche nicht. Verlautbarungsjournalismus oder aus Gefälligkeit eingestellte Artikel sind es jedenfalls nicht, die sie mögen. Sascha Lobo schrieb auf spiegel.de: „Jetzt wird im Internet hochgespielt, was ausreichend viele Menschen für interessant halten.“ Nur Spannendes wird gelesen und verlinkt. Freunde geben sich Tipps und wer einen inhaltlichen Fehler in einem Beitrag macht, korrigiert ihn, ohne den Irrtum zu vertuschen.

Wo das Geld herkommen soll

Und die Leckebuschs? Norbert Leckebusch schreibt auf seiner Seite: „Mit dem Start in das neue Jahr werden wir wieder mehr Zeit haben, unsere geschäftliche Kernkompetenz weiter auszubauen. Neben dem Erstellen von Internet-Auftritten mit benutzerfreundlichen CMS Systemen, Foto, Grafik, Text, Flash und anderen WEB 2.0 Methoden, Suchmaschinen-Optimierung, Google-Adwords Anzeigenkampagnen und dem Modernisieren von alten, nicht mehr aktuellen Internet-Auftritten (Relaunch) werden wir uns dem Thema ,Geld verdienen im und mit dem Internet‘ verstärkt zuwenden. Der Mann, der soeben seinen Lokalnachrichten-Blog geschlossen hat, hofft: „Im weltweiten Internet gibt es gerade für regional aktive Unternehmen große, noch unerschlossene Möglichkeiten, Kontakte und damit Umsätze über das Netz zu generieren.“ Geld verdienen will er also mit Werbung und Websites. Das haben übrigens auch andere Leute vor, die ihr Blog weiter wachsen lassen und das zarte Pflänzlein Onlinezeitung hegen, um nicht zu sagen, es durchfüttern. Autoren, Werber und Informatikdienstleister arbeiten zusammen und Aufträge aus ganz anderen Bereichen sichern auch die Existenz des Blogs.

Sreenshot Überlinger Marktplatz

Foto oben: Ernst Rose PIXELIO www.pixelio/Screenshot Überlinger Marktplatz

5 Kommentare to “Nachruf: Lokaler Online-Marktplatz am Bodensee schließt”

  1. Klaus A. Müller
    5. Januar 2011 at 00:17 #

    Schade – obwohl auch ich gestehen muss, dass ich die Seiten selten besucht habe.

    Aber – Good Luck – ich melde mich evtl. mal bei Euch wg eines Projektes

    Gruß vom Untersee
    Klaus A. Müller

  2. dk
    5. Januar 2011 at 14:26 #

    Ein Zeitschriften-Angebot von einem kostenlosen Email-Dienst, der mich zum Jahresende per Newsletter erreicht hat: man kann die Vielfalt der Printmedien jenseits von Politik erahnen.
    Sicher gibt es für Journalisten noch „Nischen“ für Themen, die eine Spezialgruppe findet: z.B. Angler oder Bootsfahrer am Bodensee.

    http://wlk.zeitschriften-tipp.de/webde/

  3. Avanti
    6. Januar 2011 at 10:23 #

    … wobei „Seemoz“ nicht als Blog bezeichnet werden sollte und auch nichts mit Journalismus zu tun hat. Es ist eine Plattform, die linke Propaganda auf niedrigem Niveau verbreitet und als Sprachrohr der Linksfraktion des Konstanzer Gemeiderates dient. Damit sind wir bei einem wichtigen Punkt, was das Bloggen betrifft: Die Abkehr vom Qualitätsjournalismus hin zur Verbreitung persönlicher Ansichten. Aber dies ist ja auch schon bei den etablierten Medien zu beobachten. Objektive Berichterstattung gibt es kaum noch. Vielmehr steht die Belehrung des Lesers im Vordergrund. Meist von solchen „Journalisten“, die sich links einordnen und somit anscheinend vom lieben Gott persönlich den Auftrag erhalten haben, die Welt mit ihren einzig wahrhaftigen Ansichten zu beglücken. Das ist unterträglich.

  4. wils
    6. Januar 2011 at 21:10 #

    Hut ab vor Bloggern, die oft ganz alleine eine regionale Onlinezeitung herausgeben . Da ich selber ein Bandblog betreibe, welches zus. zu den Bandnews auch abundzu auf lokale, kulturelle Themen eingeht, weiß ich wieviel Aufwand es ist so ein Blog mit Inhalten zu füllen. Ich frag mich wie Waltraud das schafft, so viele aktuelle Themen hier täglich kostenlos anzubieten. Vor Ort fotografieren, interviewen, recherchieren, schreiben usw. kosten eine Menge Zeit, die durch Werbung sicherlich nur marginal entlohnt wird. Es gehört eine Menge Motivation und Idealismus, wahrscheinlich auch Wahnsinn ;-) dazu diese Arbeit täglich für ein Butterbrot zu leisten, auch unter dem Aspekt, dass es nur wenig emotionale Unterstützung durch Feedback von den Lesern gibt. Ich wünsche Waltraud, dass see-online irgendwann mal finanziell und emotional soweit gedeiht, dass man von würdigen Arbeitsbedingungen sprechen kann. Ob das im Internet jemals möglich sein wird, bezweifle ich allerdings.

  5. dk
    6. Januar 2011 at 22:37 #

    Vielleicht sollte man die „geldgebende Wirtschaft“ direkter ansprechen und über deren Marketing-Wünsche nachdenken.

    Die Stadtwerke KN geben eine eigene Zeitschrift heraus und Betriebe könnten auch Interesse haben, eine virtuelle Plattform zur Eigendarstellung zu nutzen.
    Da der Grundsatz „je niedriger der Preis, umso höher die Nachfrage“ gilt, könnte man darüber nachdenken, wie man das bisherige Desinteresse erschüttern kann: bei einer Mindestanzahl von Interessenten dürfte das Gefühl „den Trend zu verpassen“ hilfreich sein. (Kostenpflichtige) Bildbanner können auch durch „Werbe-Blocker“ im Browser nicht „weg radiert“ werden.

    Web2.0 kann auch heute noch Pionierarbeit sein; komisch, dass man Journalisten manchmal auch dem Kreativ-Bereich (Marketing) zuordnet. Die Ausschliesslichkeit einer Anstellung bei einer Printzeitung galt wohl schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

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