Nachtwanderer sind da, wenn Konstanz schläft

Konstanzer Nachtwanderer berichten am Ende des Sommers von friedlichen Jugendlichen

Konstanz. Nachtwanderer erzählen von einem friedlichen Sommer. Mittlerweile gehen 55 Konstanzer Männer und Frauen an Freitag- und Samstagabenden in Vierergruppen durch die Stadt. Unterwegs sind sie bis etwa gegen drei Uhr nachts. Marc Beyer, Maria Peschers und Gaby Weiner berichten von freundlichen Jugendlichen und Begegnungen mit rücksichtsvollen Feiernden am Seerhein.

Ein Fernsehbeitrag gab den Anstoss

Wer sich mit den Konstanzer Nachtwanderern unterhält, wähnt sich in einer sicheren Stadt. In den Erzählungen der Frauen und Männer, die nachts in ihren blauen Westen durch die Stadt wandern, ist nicht von Scherben die Rede, nicht von Gewalt, noch nicht einmal von rücksichtslosem Verhalten und auch nicht von Alkoholexzessen. Die Nachtwanderer sprechen eher von den Nöten junger Menschen, deren Ansprechpartner sie sein möchten. Am Anfang war ein Fernsehbeitrag im „Heute Journal“ über Nachtwanderer in Bremen. Das war schon im November vergangenen Jahres. Maria Peschers, die selbst drei erwachsene Kinder hat, war spontan begeistert.

Nachtwanderer haben mehr Zeit als Polizeibeamten

Marc Beyer betreibt in Konstanz ein Ladengeschäft und trifft dort viele Jugendliche aus der Hiphop und Sprayer Szene. Der überzeugte Single gehört mittlerweile wie Maria Peschers zum harten Kern der Nachtwanderer. Berufen, aktiv zu werden, fühlte sich auch Gaby Weiner. Sie ist Mutter von sechs Kindern und sitzt außerdem im Konstanzer Gemeinderat. Alkoholverbote in der Seestraße und Berichte über Polizeieinsätze waren ihr stets suspekt. „Die Polizei ist der schlechteste Partner“, sagt Gaby Weiner. Auch eines ihrer Kinder machte Erfahrungen mit der Polizei. Die Nachtwanderer haben die Erkenntnis gewonnen, dass Polizeibeamten viel zu viele Einsätze in einer Nacht haben und deshalb zu wenig Zeit bleibe, um mit den Jugendlichen zu sprechen. „Da wird dann eben geräumt“, sagt Gaby Weiner. Am 4. Juni, es war ein Freitagabend, waren die Konstanzer Nachtwanderer zum ersten Mal unterwegs. Seither sei manches ein bisschen besser geworden, meinen sie.

Acht Nachtwanderer an jedem Wochenende

Die Nachtwanderer möchten in der Nacht die Freunde, Helfer und Beschützer Jugendlicher sein. „Ideal sind zwei Männer und zwei Frauen“, sagt Gaby Weiner. Zu viele Männer könnten das Aggressionspotenzial erhöhen. 55 aktive geschulte Läufer sind mittlerweile abwechselnd in den Nächten auf Samstag und Sonntag im Konstanzer Stadtgebiet unterwegs. „Das sind an jedem Wochenende acht Nachtwanderer“, sagt Gaby Weiner. Das Industriegebiet und die Discos gehören nicht zu ihrem Einsatzgebiet. Die Nachtwanderer konzentrierten sich in ihrem ersten Sommer auf die Seestraße, das Herosé-Gelände, das Schänzle, den Bereich unter der Schänzle Brücke, Klein-Venedig, den Bahnhof und den Bereich um Mc Donald’s. Von den Stadtwerken haben sie Bustickets bekommen – Zeit, um nachts in einem Bus mitzufahren, hatten sie bisher noch nicht. Im Sommer waren sie an den Treffpunkten am Seerhein und am See unterwegs. Meist trafen sie dort zwischen 22 Uhr und drei Uhr in der Nacht Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 14 und 22 Jahren an. Auf dieses Alter schätzen Gaby Weiner und Maria Peschers die Jugendlichen.

Nachtwanderer laufen erst nach Schulung los

Nachtwanderer, die neu zur Gruppe stossen, müssen zuerst einmal eine vier- bis fünfstündige Schulung absolvieren. Ausgebildet werden sie in Erster Hilfe. Sie erhalten ein Deeskalationstraining und eine rechtliche Einweisung. Gelernt haben Nachtwanderer bei der Einweisung durch den Chef einer Sicherheitsfirma zum Beispiel, dass sie Respekt haben sollten. Jugendliche, die ihnen nachts begegnen, werden grundsätzlich mit „Sie“ und sehr höflich angeredet. Wichtig sei es, dass die Rollen in der Gruppe klar verteilt sind: Wer nimmt das Handy? Wer setzt einen Notruf ab? Wer hält die Taschenlampe? Wer leistet erste Hilfe? Wer weist Rettungskräfte ein? Die Route der Wanderer werde zuvor genau festgelegt. Treffpunkt ist am Abend in einem Raum am Benediktinerplatz.

Jugendliche unterhalten sich nur

Marc Beyer erzählt von einem betrunkenen am Boden liegenden Jugendlichen, dessen Freunde nicht wussten, wie sie in der Situation reagieren sollten. Die Nachtwanderer riefen die Mutter an und holten einen Rettungswagen. In einem anderen Fall trafen sie auf einen Jugendlichen, der alkoholisiert mit dem Fahrrad gefahren war und eine Platzwunde am Kopf hatte. Beim Seenachtfest hatten sie es mit einem gestohlenen Handy und einem rot geschlagenen Auge zu tun. Es mache ihnen Spaß, zu helfen, sagen die Nachtwanderer. Sie machen auch für sich persönlich wertvolle Erfahrungen, sagen sie. Klar, komme ihnen einmal ein Jugendlicher mit einer Falsche in der Hand entgegen, es sei aber erstaunlich friedlich. Gaby Weiner spricht von „schönen Abenden“ am See. „Gruppen sitzen zusammen und unterhalten sich.“ Eine Gruppe, die eine Gitarre dabei hatte und Musik machen wollte, setzte sich im Herosé Areal in einer Nacht rücksichtsvoll möglichst weit weg von der Wohnbebauung, so die Beobachtung der Nachtwanderer.

Hysterische Medien und empfindliche Anwohner

Ein Serviceclub und die Konstanzer Volksbank sponsert die Nachtwanderer, die mittlerweile zur AWO gehören, so dass die ehrenamtlichen Nachtwanderer automatisch versichert sind. Der Chef einer Securityfirma weist sie ehrenamtlich ein. Wer den Nachtwanderern zuhört, bekommt den Eindruck, dass Anwohner viel zu oft die Polizei rufen und viele Ängste irrational sind. Sie sagen, die Jugendlichen provozierten und balgten sich manchmal nur, wenn die Polizei komme. Einen Grund, die Seestraße nachts zu meiden, gebe es für Erwachsene nicht, sagen die Nachtwanderer. Nachts, wenn die Stadt schläft, sei es am Seerhein ruhiger als die Medien den Konstanzern weis machen wollten, behaupten die Nachtwanderer, die selbst zwischen 25 und 75 Jahre alt sind. Von wilden Gelagen oder Scherben könnten sie nicht berichten, sondern von Müllsäcken, die Jugendliche dabei hätten. Nachts um drei ist die Welt in Konstanz, wie es scheint, noch in Ordnung.

Mehr Infos gibt es auf der Website der Nachtwanderer Konstanz-Kreuzlingen. Über die Konstanzer Nachtwanderer ist auch Ralph Fischer aus Lindau zu erreichen, der in Lindau eine eigene Gruppe gründen möchte. Ein Beitrag zum Thema Nachtwanderer findet sich mittlerweile auch auf dem Seerhein Portal.

Grafik: Nachtwanderer Konstanz-Kreuzlingen

3 Kommentare to “Nachtwanderer sind da, wenn Konstanz schläft”

  1. Papuga
    23. September 2010 at 14:24 #

    Wenn alles FriedeFreudeEierkuchen ist, dann brauchen wir die Nachtwanderer nicht!

    Aber:

    „Von wilden Gelagen oder Scherben könnten sie nicht berichten, sondern von Müllsäcken, die Jugendliche dabei hätten.“

    Wenn ich das schon höre, kriege ich das Kotzen!

  2. Seerhein
    24. September 2010 at 10:14 #

    Alles in Butter und die Erde ist eine Scheibe.

    Es ist gut, wenn sich Menschen ehrenamtlich engagieren. Was mir hier nicht gefällt, ist die dauernde Unterstellung gegen die Anwohner am Seerhein.

    Die Nachtwanderer begannen ihr Engagement im Juni 2010, zu einem Zeitpunkt, an dem die „größten Scherben“ schon aus dem Wasser gefischt worden waren.
    Bereits im Sommer 2008 haben sich Anwohner als freiwillige Sozialarbeiter verdient gemacht. Gespräche wurden geführt, pädagogisch wertvoll.

    Das Ergebnis hatte die Halbwertzeit einer Eiskugel im Sonnenschein. Sobald die Anwohner gegangen waren, ging es wieder los.

    In manchen Nächten waren über 200 Jugendliche zugange, mit den Begleiterscheinungen: Lärm, Pöbeleien, Vandalismus, Scherben auch im Wasser, Vermüllung des Uferbereiches und der Parkanlage.

    Die Anwohner nahmen das 2009 nicht mehr hin und haben einen privaten Sicherheitsdienst beauftragt.
    Seitdem ist es ruhiger am Seerhein, die Vermüllung hält sich meist im Grenzen, Scherben gibt es auch nicht mehr so viele.
    Der Park ist gut besucht, von Jung und Alt auch abends. Das ist gut und schön, denn so sollte es sein.

    Aber eines muss hier erwähnt sein, es ist nicht der Verdienst der neuen Nachtwanderer, dass es am Seerhein ruhiger und sicherer geworden ist.
    Denn so wie es jetzt hier ist, so ist es, seitdem die Anwohner sich engagiert haben – und später auch noch einen Sicherheitsdienst beauftragt und bezahlt haben.

  3. rafi
    24. September 2010 at 15:53 #

    Ich persönlich denke, hier liegt bei meinen „Vorrednern“ ein kleines Missverständnis vor.

    Da ich an der Informationsveranstaltung der Nachtwanderer an eben jenem Termin teilgenommen habe (vielleicht wäre das ein besserer Ansatz, als sich nur aufgrund der obigen wenigen Online-Zeilen
    in die eine oder andere Richtung zu echauffieren) möchte ich nur soweit folgendes ergänzen, vielleicht
    auch richtigstellen:

    @Papuga
    Ich denke nicht, dass auch nur ein Nachtwanderer denkt, dass in Konstanz alles Friede, Freude, Eierkuchen ist.
    Im Gegenteil.

    Deswegen erstrecken sich die Nachtläufe auch nicht auf die Brennpunkte und -zeiten, also ab 03:00 Uhr Nachts
    an den Großraum-Diskotheken. Also dort und dann, wenn die problematischeren Kids (leider manche davon strunzbesoffen und gewaltbereit) durch KN ziehen.

    Vor allem verstehen sich die Nachtwanderer aber als eines nicht:
    Sie sind kein privater Sicherheitsdienst, ehrenamtliche Stadtreinigung und keine Bürgerwehr.
    Sie verstehen sich als Ansprechpartner für Kids, die Hilfe oder Unterstützung benötigen.
    Also auch als Vermittler der Kids untereinander, mit Anwohner oder auch den Sicherheitskräften bzw. Exekutiven.

    Vielleicht hätte ein Blick auf die Homepage der Nachtwanderer diesem Missverständnis vorgebeugt.
    http://www.nachtwanderer-konstanz-kreuzlingen.com
    Sie sehen also – das mit dem Übergeben war etwas voreilig (und ist zudem so höchst unangenehm)

    @ Seerhein
    Auch Ihr Problem verstehe ich nur ansatzweise.

    Sollte die Entspannung am Seerhein durch Ihre anwohnerliche Selbsthilfe (Security) und das Auftauchen der Nachtwanderer zeitlich parallel stattgefunden haben – perfekt!
    Ich habe weder im Artikel, noch auf der Informationsveranstaltung mitbekommen, dass sich die
    „…neuen Nachtwanderer diesen Verdienst..“ an die (ehrenamtliche) Brust geheftet hätten.

    Und zur chemisch-physikalischen Halbwertszeit-Betrachtung von Eiskugeln im Sonnenschein:

    „…In manchen Nächten waren über 200 Jugendliche zugange, mit den Begleiterscheinungen:
    Lärm, Pöbeleien, Vandalismus, Scherben auch im Wasser, Vermüllung des Uferbereiches und der Parkanlage.
    Sobald die Anwohner gegangen waren, ging es wieder los…:“

    Mein persönliches Add-On:

    In manchen Nächten (Fastnacht, Weinfest, Suserfest, u.ä) sind über 200 ERWACHSENE zugange, mit den Begleiterscheinungen:
    Lärm, Pöbeleien, Vandalismus, Scherben, Vermüllung und sinnloser Gewalt.

    Summa summarum:

    Ich finde es einen tröstlichen Gedanken, dass Nachts jemand da draußen rumläuft, der (unseren) Kids als
    Ansprechpartner und Hilfe zur Verfügung steht.
    Sei es um zu Vermitteln oder auch ganz konkret um zu Schützen oder zu De-Eskalieren.
    Jeder der da draußen seine Kids rumlaufen weiß, kann das vermutlich nachvollziehen.

    Mir ist lieber meine Kinder können sich wenn sie sich bedroht fühlen oder Hilfe benötigen, vor Ort
    an geschulte Personen richten (ich alleine als Vater kann das selber leider nicht jederzeit und jederorts leisten).

    Wer dies nicht für wichtig und ehrenhaft erachten kann, sollte wohl besser auf seine eigene biologische Reproduktion – sprich: Kinder – verzichten. Vielleicht sogar auf ein Haustier.

    Und ganz ehrlich:

    Mit gehen manche Kids auch gehörig auf den Wecker, ich war selbst lange Anwohner der Max-Stromeyer-Strasse. Also kenne ich sehr genau das Problem der „krakelenden, demolierenden Hunnen-Horden“ frühmorgens auf ihrem Weg nach Hause.

    ABER:
    Zeigen Sie mit eine größere Gruppe von Jugendlichen, und wir finden darunter die Intelligenten, die „Normalen“, aber auch die „Suff- und Krawall-Idioten“.

    Zeigen Sie mit eine größere Gruppe von ERWACHSENEN, und wir finden darunter ebenfalls die Intelligenten, die „Normalen“, aber auch die „Suff- und Krawall-Idioten“.

    Unsere Jugend ist der Spiegel unserer Erwachsenen-Gesellschaft.
    Wir können uns vermutlich die eine wie die andere Gruppierung nicht schön reden.
    Aber wir könne bei uns als Erwachsene anfangen.
    Und den Kids Hilfestellung geben und Vorbild sein.

    Ach ja, bevor ich’s vergesse:
    Ich bin der erwähnte „Fischer“, der in Lindau versucht, bei Interesse und Akzeptanz eine weitere
    lokale Nachtwanderer Gruppe aufzubauen
    =)

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