Neu im Konstanzer UVK Verlag: Sex(at)mour leider nicht so sexy

Konstanzer UVK legt Handbuch über Liebesleben im Zeitalter des Internets auf – Eine Betrachtung und ein Verriss

Konstanz. Auf dem Cover ist viel Rot und nackte Haut. Der Konstanzer UVK Verlag hat Jean-Claude Kaufmanns „Sex@mour – Wie das Internet unser Liebesleben verändert“ aufgelegt. Doch Vorsicht, es ist kein erotisches Buch, vielleicht eine Handlungsanleitung und es enthält durchaus gewagte Thesen.

Supermarkt der Liebe und/oder Sexualität

Online-Dating sei zum Volkssport geworden, steht auf dem Cover. Das Internet habe die Kontaktaufnahme revolutioniert. Jean-Claude Kaufmann, Soziologe am Centre National de la recherche Scientifique der Universität Paris V – Sorbonne, hat sich in den „Supermarkt der Liebe und/oder Sexualität begeben“. Im Buch geht es um den „Prolog im Netz“ und um das, was im richtigen Leben folgt. Die 179 Seiten handeln von Frauen, Sex und Liebe. Der Autor fasst, ganz wie es sich für einen Wissenschaftler gehört, das Ergebnis in einer Schlussfolgerung zusammen und fügt auch noch eine Erklärung zur Methode hinzu.

Wie Käse im Supermarkt

Kaufmann behauptet, Partnersuche im Internet sei zu einem legitimen und normalen Mittel der Partnersuche geworden. Unterwegs seien im Web Akademiker mit vielen sozialen Kontakten und einer Unmenge von Freizeitaktivitäten. Voilà! Die Rede ist von einer „unglaublich bequemen Kontaktaufnahme aus der Distanz“. Vorgegaukelt würde, Männer und Frauen könnten sich gegenseitig wie Käse im Supermarkt aussuchen. Welch ein Bild – Kaufmann ist Franzose.

Die Internet-Zäsur

Im internetlosen 20. Jahrhundert hätten sich die meisten Paar im Bekanntenkreis, beim Studium oder der Arbeit kennengelernt. „Das Internet bedeutet in dieser Hinsicht eine echte Zäsur“, schreibt Kaufmann. Ist das wirklich so?

Praktische Tipps für angehende Liebende

Beim Eintritt ins „richtige Leben“ würden die Karten neu gemischt, so der Autor. Kaufmann schildert er wie das Geplänkel vor einem Date verläuft. Der praktische Nutzwert des wissenschaftliche daher kommenden Buches ist nicht unerheblich: Lieber auf einen Kaffee treffen als auf ein längeres Abendessen, sofort tschüs sagen, wenn es nicht passt – das Treffen beenden, sobald die Höflichkeit es erlaubt. Kaufmann widmet sich auch Fragen wie „Wer soll bezahlen?“ – eine Abwägung im Spannungsverhältnis zwischen Höflichkeit alter Schule und der Vorstellung von Tauschhandel Geld gegen Sex. Fragen über Fragen: Beim ersten Date küssen oder gar schon miteinander schlafen?

Geliebte werden überflüssig

Es geht um Sex als Freizeitaktivität und/oder die Sehnsucht nach einer tiefen Bindung und der romantischen Liebe, die es auch noch gibt. Suchen Frauen im Web den Don Juan oder immer noch den Märchenprinzen? Was erwarten Männer? Die meisten Kontakte im Netz seien flüchtig und die Zahl der One-Night-Stands sei groß. Interessant ist die These, dass der Liebhaber oder die Geliebte von einst aus der Mode kämen – es gibt, wie Kaufmann beschreibt,  ja die Kontakte aus dem Web.

Don Juan trifft Schlampe

Nicht schlecht auch die Annahme, das Individuum sei freier, als es jemals war, autonomer – und das übrigens unabhängig vom Geschlecht. Bei Männern heißt es, er ist ein Don Juan bei Frauen, sie sei eine „Schlampe“. Neu sei im Zeitalter des Netzes irgendwie das Recht der Frauen auf Lust. Dies wiederum sei gleichbedeutend mit der „Erhöhung der Zahl der Partner“ in einem Leben und einer „Vergrößerung des Repertoires an Praktiken“. Der Mann kommt in diesem Zusammenhang auch einmal nur als Sexspielzeug vor. Und Kaufmann zu Folge hat das und noch viel mehr ausschließlich mit dem Web zu tun.

Gewagte Kaufmann These

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts habe sich alles abrupt gewandelt, schreibt Kaufmann. Doch, ist das tatsächlich so? Zweifel seien erlaubt. Bei uns, in Frankreich oder den USA? Sieht es Kaufmann nicht zu sehr nur aus einer Perspektive?

Die Analyse des Autors

In den 60-er und 70-er Jahren schien die sexuelle Befreiung die letzten Ketten zu sprengen, so der Autor. Tatsächlich sei es aber nicht so gewesen. Erst jetzt um die Jahrtausendwende sollen zwei „Phänomene“ zusammengetroffen sein – die „Banalisierung des Internets“ und die „Forderung der Frau nach dem Recht auf Lust“. Das habe die „Landschaft der Begegnungen in ihren Grundfesten erschüttert“. Das klingt sehr blumig. Die Konfusion zwischen Sex und Liebe sei größer denn je.

Den Blick zu sehr aufs Web gerichtet

Geforscht hat Kaufmann, wie er auf Seite 175 schreibt, im „unendlichen Ozean des Internets“. Eine empirische Studie, die repräsentative Ergebnisse zeitigen könnte, hat Kaufmann aber nicht gemacht. Streckenweise scheint es, als fabuliere der Franzose so ein bisschen vor sich hin. Könnte es nicht sein, dass beispielweise auch die ökonomische Unabhängigkeit der Frau im Miteinander der Geschlechter etwas revolutioniert hat? Oder vielleicht hat im Zeitalter von Aids auch die Selbstverständlichkeit, ein Kondom zu benutzen, etwas verändert? Oder welche Rolle spielt die zunehmende Mobilität und Verdichtung von Arbeit? Das Leben hat sich beschleunigt, sicher sind wir oberflächlicher geworden – vieles hat auch mit dem Web zu tun aber nicht alles.

 Tipp: Jean-Claude Kaufmann, Sex@mour: Wie das Internet unser Liebesleben verändert, UVK Verlagsgesellschaft mbH, ISBN 978-3-86764-283-5. EUR 19,90. Hier geht’s zum Onlineshop.

Foto: Buchcover/ UVK Verlagsgesellschaft mbH

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