Nicht einmal alle Anwohner für Alkoholverbot

Konstanz by Night: Von Falken und Tauben am Konstanzer Seerhein

Konstanz. Ein temporäres Alkoholverbot für bestimmte Plätze ist in Baden-Württemberg nicht möglich. Die Rechtslage ist nach Aussage der Stadt Konstanz eindeutig. Trotzdem fordern einige Anwohner zum Missfallen vieler jugendlicher und erwachsener Konstanzer unbeirrt ein Alkoholverbot am Seerhein. Dabei befürworten noch nicht einmal alle Anwohner ein solches Verbot. 753 Konstanzer haben sich mittlerweile der Facebookgruppe „Junges Konstanz gegen Alkoholverbot“ angeschlossen. Neue Verbote sehen auch viele Erwachsene kritisch. Hardliner auf der einen und der Rest der Stadt auf der anderen Seite stehen sich gegenüber.

Bürgeramt kündigt Alkoholkontrollen an

Dass Alkoholkonsum zum Problem werden kann, ist unbestritten. Das Konstanzer Bürgeramt kündigte nach dem ersten „Runden Tisch“ zur Situation am Rheinufer auch deswegen verstärkte Kontrollen und Testkäufe bei Alkoholanbietern an. Während die Bürgergemeinschaft Petershausen nach dem „Runden Tisch“ in einer Stellungnahme eher moderate Töne anschlägt, kommen aus der Umgebung der Seestraße ganz andere Forderungen.

Die Hardliner meinen

Im Grundsatz seien sich am „Runden Tisch“ fast alle Beteiligten darin einig gewesen, dass Alkohol und Alkoholkonsum das „zentrale Problem“ darstellten und die sich daraus ergebenden Folgen mit „Lärm, Müll und Scherben, Provokation und Gewaltbereitschaft etc.“ nicht hinnehmbar seien. So heißt es in einem von einigen Teilnehmern des „Runden Tisches“ verfassten Protokoll. In dem Protokoll ist erneut von einem möglichen „(temporären) Alkoholverbot“ die Rede, das Oberbürgermeister Horst Frank angeblich vorschlagen und aussprechen wolle. Barsch heißt es: „Diese Maßnahme soll ergänzt werden durch mehr Aufklärung bspw. in den Schulen über die Folgen von Alkoholmissbrauch und Fehlverhalten.“

Die Sprache der „Falken“

Die Wortwahl der „Falken“ ist bezeichnend für ihre unnachgiebige, anscheinend kompromisslose Haltung. Sie schreiben: „Den Massenphänomenen und ihren Folgen soll auch durch Maßnahmen entgegen gewirkt werden unter dem Motto ,Zurückeroberung der Seestrasse und des öffentlichen Raums‘ durch mehr Präsenz von Erwachsenen.“

Jugendliche an andere Plätze abschieben

Weiter ist seitens dieser Teilnehmer am „Runden Tisch“ von der „Schaffung weiterer Treffmöglichkeiten für die Jugend u. a. durch gestalterische Maßnahmen beispielsweise im Stadtgarten und auf Klein Venedig“ die Rede – aber nur „soweit dies ohne wesentlichen finanziellen Aufwand möglich ist“. Ziel sei die „Entzerrung“ um größere Ansammlungen von Jugendlichen und die damit verbundenen „Masseneffekte“ zu vermeiden. Diese Gruppe von Teilnehmern am „Runden Tisch“ kommt für sich zum Ergebnis: „Wir haben den Eindruck, dass der Oberbürgermeister und wohl auch die Verwaltung den Ernst der Lage und den Handlungsbedarf erkannt haben.“

Moderate Töne aus Petershausen

Ganz anders liest sich dagegen die Stellungnahme der Bürgergemeinschaft Petershausen. Auch sie sieht den Alkoholkonsum kritisch, schreibt aber: „Die gesamtgesellschaftliche Haltung zum Alkohol, aus der heraus Jugendliche heute öffentlich in großen Mengen Alkohol trinken, kann nicht von Konstanz aus kurzfristig geändert werden, wie wohl die Erwachsenen natürlich lokal mit gutem Beispiel vorangehen und die Erzieher jedweder Art, insbesondere die Eltern, darauf achten sollten, dass Jugendliche einen vernünftigen Umgang mit diesem Suchtmittel pflegen.“

Vom Recht des Aufenthalts auf öffentlichen Plätzen

Weiter heißt es in der Stellungnahme unter anderem: „Uns scheint im Wesentlichen Folgendes wichtig zu sein: Niemand hat das Recht der jungen Leute bestritten, sich friedlich zu versammeln. Das war gut so. Und einleitend sei auch bemerkt, dass, wenn sich jeder an ganz normale Verhaltensregeln hielte, wie z. B. Rücksicht auf den anderen, es ohnehin keine Probleme auch mit zwei- bis dreihundert jungen Leuten am Seeufer gäbe.“ Probleme bereite der Alkoholkonsum einer offenbar „nicht geringen Zahl von jungen Leuten“, der zum Verlust ihrer Selbststeuerungsfähigkeit und als Folge zu Regelverstößen führe wie zum Beispiel der Vermüllung des Ufers durch zertrümmerte Flaschen, übergroße Lärmentwicklung und Pöbeleien und aggressives Verhalten unter den Jugendlichen selbst oder gegen Ältere sowie das Urinieren in den Gärten und an Hauswänden.

Jugendliche lassen sich nicht dirigieren

Realistisch heißt weiter: „Wie weit die Steigerung der Attraktivität anderer Plätze die ,Belegung‘ von Seestraße und Heroséufer mindern kann, sei dahin gestellt. Wir müssen davon ausgehen, dass Jugendliche sich nicht dirigieren lassen. Schließlich ist die Seestraße einfach attraktiv.“

Warnung vor Zuspitzung der Situation

Überhaupt müssten „alle Maßnahmen so sensibel getroffen werden“, dass es unter den „jungen Leuten“ nicht zu einer Solidarisierung gegen uns Ältere bzw. gegen die Ordnungskräfte komme. Angesichts der Mentalität von 14 bis 18- jährigen dürfte das nach Einschätzung der Bürgergemeinschaft nicht immer ganz einfach sein. „Polizeieinsätze mit Blaulicht scheinen eher kontraproduktiv zu sein“, heißt es. Klare Regeln, wie man sich auch am Seeufer zu verhalten habe, setze die „Umweltschutz- und Polizeiverordnung“ der Stadt Konstanz vom 28.4.2005 . Darüber hinaus gelte das Jugendschutzgesetz. Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren dürften zum Beispiel in der Öffentlichkeit keinen Alkohol trinken. Das sagen auch viele Anwohner.

 

 

 

 

 

 

Fotos: wak

4 Kommentare to “Nicht einmal alle Anwohner für Alkoholverbot”

  1. UK
    10. Juni 2011 at 20:50 #

    Das ist mal ein differenzierter Artikel. Danke! Besonders den Hinweis auf bestehende Verordnungen und Gesetze, die genug Handlungsspielraum ermöglichen, finde ich gut. Mehr braucht es nicht.

  2. Georg Washuber
    12. Juni 2011 at 15:23 #

    Hier sieht man wieder einmal, wohin die bei uns gepflegte „Toleranz“ führt, die Alkoholkonsum sogar bei Halbwüchsigen duldet und sich nicht traut, gegen die Gefahren für unsere Gesundheit einzuschreiten. Wann sind wir endlich dazu in der Lage zu sagen: „Alkohol (wie Tabak und andere ungesunde Substanzen) ist verboten, für jeden, gleich welchen Alters, zu jeder Zeit, überall. Basta!“ Eine schlagkräftige Gesundheitspolizei würde mit den Exzessen am See über Nacht aufräumen. Wir müssen sie nur wollen, aber kommen wird sie auch im anderen Fall, und sei es auf dem Wege der EU-Verordnungen.

  3. Ant
    13. Juni 2011 at 14:48 #

    Zunächst einmal zu dem Artikel: Gut geschrieben, keine Seite einseitig dargestellt, die wichtigsten Punkte hervorgehoben. Respekt für den/die Schreiber/in in einer Zeit, in der hochwertiger Journalismus Mangelware ist.
    Nun zu ihnen Herr Washuber: Denken sie Verbote werden etwas ändern? Die Prohibition(en) in den USA und anderswo haben ganz eindeutig gezeigt, dass Verbote nur dem Organisierten Verbrechen helfen und nur ein weitere Verhaltensweise, für die JEDER selbst verantwortlich ist, kriminalisiert und in den Untergrund verdrängt. Selbst Holland kann hier herangezogen werden. Seit dort der Konsum von bestimmten Drogen mehr oder weniger legal ist, ist die Zahl der Straftaten in diesem Bereich sowie in den Bereichen die damit zusammenhängen massiv eingebrochen. Das Alkoholkonsum sowie der Konsum anderer Drogen ein Problem sein kann, wird niemand bestreiten.
    Dass es aber auch nicht sein kann, dass man versucht ÖFFENTLICHE Plätze für sich zu beanspruchen nur weil man eine große Summe bezahlt hat um an einem so schönen Ort zu wohnen wie der Seestraße und den Jugendlichen fast das Recht absprechen will sich dort zu versammeln und eben diesen schönen Platz zu genießen und eben, wie es in der Jugend üblich ist, auch einmal über die Stränge zu schlagen.
    Das es wünschenswert ist, dass alle den anderen gegenüber Respekt zeigen und gemeinschaftlich zusammenleben ist ebenfalls jedem einsichtig. Aber die Hetze gegen Jugendliche, die in Konstanz schon recht lange anhält zeugt weder von Respekt noch von Verständnis für die Jugend. Langsam wird es Zeit, dass sich die Leute, die ständig am Nörgeln sind und versuchen allen anderen ihre Lebensweise aufzuzwingen, zurücktreten und sich erst mal Gedanken darüber machen, wie sie in der Jugend waren, dass es auch nötig ist für Jugendliche ihre Grenzen auszutesten und sie eben auch ab und zu zu überschreiten. Konstanz soll kein Paradies für reiche Alte sein, die einen ruhigen Lebensabend verbringen wollen, Konstanz ist eine Stadt die für jede Altersgruppe etwas bieten müsste und dabei wird die Jugend seit Jahren übergangen und prekariatisiert. Es wird deshalb Zeit, dass die Jugend anfängt sich zu organisieren und denen, die es immer noch nicht verstehen wollen, zeigt, dass ein reales Bedürfnis nach Orten gibt, an dem sich die Jugend treffen kann, an denen sie sich austesten können, an denen sie sich entwickeln können. Vielleicht wird der runde Tisch dazu führen, dass genau das endlich auch von den Bürgern, Stadtrat und Bürgermeister erkannt wird.

    Und noch ein abschließender Absatz zu ihrer Aussage:
    “Alkohol (wie Tabak und andere ungesunde Substanzen) ist verboten, für jeden, gleich welchen Alters, zu jeder Zeit, überall. Basta!”
    Wollen sie dann auch das Verwenden von Pestiziden in der Landwirtschaft, das Essen von zu viel Fettigem, den Verzicht auf Sport, das Schlucken von Schmerztabletten bei Kopfschmerzen usw. verbieten? All das sind ebenfalls (hier sogar in den meisten Fällen schädliche Substanzen) schädliche Dinge. Aber ist nicht jeder Bürger auch ein mündiger Bürger? Hat nicht jeder das Recht sich selbst so zu entfalten wie es ihm/ihr gefällt? Ich habe den Eindruck sie gehen von vollkommen verdummten Menschen aus, die man führen muss, damit sie sich nicht selbst schaden.

    Es gibt nur das eine Leben, also lasst es uns genießen und nicht ständig auf die Jugend eindreschen!
    Sie hat genau die gleichen Rechte und Pflichten wie wir und dazu auch noch die Möglichkeit neue Wege zu gehen.
    In diesem Sinne einen schönen Tag.

  4. Mohrrübenkiller
    17. Juni 2011 at 11:05 #

    In Konstanz wird das vorgelebt wie es in 30 Jahren sein wird.

    Es werden nur noch alte Menschen das Straßenbild bestimmen. Die Jugend,

    wenn es noch welche gibt, wird südländisch sein.

    Die Jugend braucht bestimmte Plätze. Ein Vorschlag wäre, daß der Alkohol

    nur noch in Dosen oder Plastikflaschen abgegeben wird. Dann ist das Glas-

    Problem gelöst.

    Die Jugend hat das Recht auch mal über die Stränge zu schlagen. Das haben

    wir Älteren auch gemacht. Unsere Jugend ist nicht schlecht. Sie ist aber auch

    ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.

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