Norbert Zeller: Keine besseren Bildungschancen für Kinder in Werkrealschule

SPD erhebt schwere Vorwürfe in der letzten Ferienwoche: Landesregierung startet Werkrealschule ins Blaue hinein

Stuttgart/Friedrichshafen In der letzten Ferienwoche hat sich Bildungsexperte Norbert Zeller von der SPD in Sachen Werkrealschule zu Wort gemeldet. Er behauptet: „Gerade die Menschen auf dem Land müssen sich fragen, ob sie akzeptieren wollen, dass die Landesregierung mit ihrer Schulpolitik eine gute Zukunft ihrer Kinder gefährdet“ Die SPD prescht vor: „Eltern und Kommunen müssen die neuen Schülertransporte finanzieren und die Probleme der neuen Werkrealschule ausbaden.“

Eltern müssen Schülerbeförderung bezahlen

Die SPD-Landtagsfraktion erklärt wenige Tage vor dem offiziellen Start der neuen Werkrealschule, jetzt sei nicht nur klar, dass das Konzept der Landesregierung das Aus für hunderte Schulstandorte im ländlichen Raum beschleunige. Zudem gebe es bei der Umsetzung dieses Konzepts auch noch große Mängel und viele Fragen. So fehlten bis heute Angaben über die zu erwartenden Schülerströme und damit über die höheren Beförderungskosten für Eltern. „Es ist verantwortungslos, wenn die Landesregierung die Werkrealschule ins Blaue hinein startet und bei kritischen Punkten den Kommunen den Schwarzen Peter zuschiebt“, kritisiert deshalb Norbert Zeller, SPD-Schulexperte und Vorsitzender des Schulausschusses im Landtag. Zeller befürchtet zudem, dass die Genehmigungspraxis die Schwierigkeiten für die Absolventen solcher Schulen, eine Lehrstelle zu finden, auch noch vergrößere.

Aufgabe ländlicher Schulstandorte einkalkuliert

Zeller hält es jetzt für offensichtlich, dass die Landesregierung viele Schulstandorte im ländlichen Raum aufgeben wolle. Der Bildungsexperte verweist dabei auf die Antwort von Kultusministerin Schick auf einen SPD-Parlamentsantrag (Landtags-Drucksache 14/6709). Danach wolle die Landesregierung insbesondere im ländlichen Raum die Entfernungen und Fahrzeiten für die Schüler der Werkrealschule an denjenigen Entfernungen und Fahrzeiten orientieren, die für die Schüler etwa von Realschulen und Gymnasien üblich sind. Diese „entlarvende Antwort“ heißt für Zeller, dass die Landesregierung das bisherige Konzept wohnortnaher Hauptschulen stillschweigend unter den Tisch fallen lasse: Die Werkrealschule führe somit zu einer eindeutigen Verschlechterung der Schulversorgung im Vergleich zur bisherigen, wohnortnahen Hauptschule. „Die Landesregierung räumt durch die Hintertür ein, dass sie auch bei den Werkrealschulen mit einem heftigen Konzentrationsprozess der Schulstandorte rechnet.“Die Schlussfolgerung ist für die SPD klar: „Das bedeutet das Ende der Schule im Dorf.“

Kein Run auf Werkrealschulen

Befördert werde diese Entwicklung durch die sich abzeichnenden geringen Anmeldezahlen an den Werkrealschulen. Exakte Zahlen gibt es keine. Nach ersten Rückmeldungen sei aber offensichtlich, dass der „Run“ auf die Werkrealschule ausbleibe. In Karlsruhe erreichen nur fünf von elf Hauptschulstandorten die eigentlich geforderte Zweizügigkeit, während die Werkrealschule an sechs Standorten mit nur einem Zug beginne. So bewahrheite sich die Vorhersage des „Verbandes Bildung und Erziehung“ (VBE), der im Juni 2010 ein „dramatisches Abrutschen der Übergangszahlen bei Viertklässlern auf Hauptschulen respektive Werkrealschulen“ befürchtete. Auch Zeller betont, dass viele Väter und Mütter von der Werkrealschule keine besseren Bildungschancen für ihre Kinder erwarteten. „Die Eltern legen nach wie vor großen Wert darauf, ihr Kind an eine echte Realschule zu schicken“, betont Zeller. Die Werkrealschule könne also das hundertfache Schulsterben nicht verhindern.

Schülerbeförderungs-Mehrkosten Eltern und Landkreisen aufgedrückt

Die SPD befürchtet zudem, dass vielerorts die Eltern für die Schülerbeförderung ihrer Kinder im Zuge der Einführung der Werkrealschule tiefer in die Tasche greifen müssten. Denn Schulwege verlängern sich oder die Schüler müssen erstmals den Bus nehmen, wenn die Werkrealschule auf verschiedene Standorte verteilt wird. Schließlich seien etwa ein Viertel der zum Schuljahr 2010/11 genehmigten 525 neuen Werkrealschulen auf mehrere Standorte verteilt, teils sogar in mehreren Kreisen. Laut Angaben des Landkreistags haben bisher 18 von 35 Landkreisen ihre Satzungen zur Schülerbeförderung geändert. Folge: Die Eltern müssen mehr bezahlen.

SPD behauptet CDU-Schulpolitik schwimmt

Die Werkrealschule seien „charakteristisch“ für die Schulpolitik unter Kultusministerin Schick. Norbert Zeller sagte über die Politik der Kultusministerin: „Frau Schick sieht ihre Aufgabe vor allem darin, Reklamegags zu starten, während schlechte Nachrichten verschwiegen und Lösungen für die vielen Baustellen an den Schulen erst gar nicht gesucht werden.“ Landesregierung komme beim Werkrealschulkonzept vollkommen ins Schwimmen. Zeller verweist auch darauf, dass die Landesregierung bei ihrer Schulneubildung so stark unter Erfolgszwang stehe, dass sie jetzt ihre Genehmigungskriterien in zwei Punkten aufweichen müsse. Dies zeige die Antwort auf eine weiteren SPD-Antrag (Drucksache 14/6684).

Kehrtwende des Landes bei Zweizügigkeit

Während das Kultusministerium bislang unbedingt auf eine Zweizügigkeit beharrt habe, um das Bildungskonzept der Schule überhaupt umsetzen zu können, gebe es jetzt eine Kehrtwendung. Um offensichtlich zu höheren Zahlen zu kommen, genehmige die Ministerin jetzt auch einzügige Hauptschulen als neue Werkrealschulen. Als Voraussetzung reiche lediglich aus, dass eine spätere Zweizügigkeit „prognostiziert“ werde. Damit allerdings sei der Willkür Tür und Tor geöffnet, sagt Zeller. Und: „Viele Schulträger sind verunsichert: Was gilt bei der Genehmigung von Werkrealschulanträgen nun eigentlich?“ Grundsätzlich sei die Festlegung, welche Hauptschulen den Status einer Werkrealschule tragen dürften, ohnehin nicht nachvollziehbar, sagt Zeller. Inzwischen sei festgelegt, dass einmal genehmigte Werkrealschulen diesen Status nicht automatisch verlieren würden, wenn sie einzügig werden sollten.

Werkrealschulen aus ideologischem Zwang eingeführt

Insgesamt sei offensichtlich, dass die Landesregierung mit ihrer Werkrealschule vor erheblichen Problemen stünde, sagt Zeller. Immer klarer werde, dass diese Schule nicht aus bildungspolitischen Erwägungen eingeführt worden sei, sondern allein aus ideologischen Zwängen. Es sei auch bedauerlich, dass die Kultusministerin wenige Tage vor dem Schulstart eine verlässliche Politik vermissen lasse. Und: „Gerade die Menschen auf dem Land müssen sich fragen, ob sie akzeptieren wollen, dass die Landesregierung mit ihrer Schulpolitik eine gute Zukunft ihrer Kinder gefährdet.“

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