Nach dem Pricewaterhouse-Coopers Schock: Nur wenig kann bleiben wie es ist

Oberbürgermeister und Kommunalpolitiker erschrocken über Gutachten

Konstanz/Singen (wak) Seit das Gutachten der Pricewaterhouse-Coopers AG für die Kliniken im Kreis Konstanz vorliegt, stehen Oberbürgermeister und Kommunalpolitiker regelrecht unter Schock. Die bitteren Wahrheiten der Gutachter der führenden Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften in Deutschland hätten die Kommunalpolitiker vermutlich lieber gar nicht gehört. Denn Pricewaterhouse-Coopers behauptet, die Krankenhäuser im Kreis Konstanz können in öffentlicher Trägerschaft nur dann überleben, wenn alle Kliniken verzichten.

Bittere Wahrheiten von Pricewaterhouse-Coopers

Die Empfehlung der Berater sieht so aus: In Zukunft gibt es im Kreis Konstanz nur noch zwei große Kliniken in Singen und Konstanz sowie eine orthopädische Fachklinik, das Vincentius Krankenhaus, das nach Radolfzell in das dort nicht mehr benötigte Klinikgebäude umzieht. In Radolfzell, Stockach und Engen werden Patienten in Zukunft nur noch ambulant versorgt. Einen besseren Weg gibt es nicht, sagt Pricewaterhouse-Coopers, da das Geld für eine komplett neue und zentral gelegene Klinik im Kreis fehlt. Die Gutachter, die im Auftrag der Städte Konstanz und Singen sowie des Kreises Konstanz die Kliniken unter die Lupe nahmen, sprachen unangenehme Wahrheiten aus, die in den Ohren der Kommunalpolitiker nicht nur schmerzten, sondern einen Hörsturz auslösten.

Zuerst Oberbürgermeister

Als erster Oberbürgermeister schrie der Radolfzeller OB Jörg Schmidt (SPD) auf. Er fand das Gutachten mangelhaft und forderte nachzubessern. Ein Statement des Konstanzer Oberbürgermeisters Horst Frank (Grüne) zum Thema Kliniken im Landkreis folgte: „Ich würde es nach wie vor begrüßen, wenn wir mit dem Landkreis eine kommunale Lösung bei den Kliniken erreichen könnten“, erklärte Frank. Doch dann wird auch er deutlicher: „Hier sind allerdings noch viele Fragen offen. Vor allem geht es hier um die Frage, ob und in welchem Maße Klinikstandorte im Landkreis erhalten werden können.“ Und auch dem Konstanzer ist sein eigener Kirchturm am nächsten. Weiter sagte der Konstanzer Oberbürgermeister: „Für Konstanz sehe ich es als wichtig an, dass das Vincentius-Krankenhaus in das Klinikum mit eingebunden werden kann. Für uns wird sicher entscheidend sein, dass wir eine akzeptable und auf unseren Neubau abgestimmte Struktur erhalten können.“

Festhalten des Vincentius-Krankenhauses

In der vergangenen Woche war das Klinikgutachten auch Thema in einer nicht-öffentlichen Gemeinderatssitzung in Konstanz. Ein echter Aufreger war der Vorschlag, das Vincentius-Krankenhaus nach Radolfzell zu verlegen. Mit den Stadträten aus der CDU und der Fraktion der Freien Wähler, werde das kaum zu machen sein, sagte ein Beobachter See-Online. Klar sei nur, dass die Konstanzer auch weiterhin mit Singen zusammenarbeiten möchten und der Kreis aus kartellrechtlichen Gründen mit ins Boot müsse. Keinen Konsens gebe es aber zum Beispiel in der Frage, ob es in Engen, Stockach und Radolfzell in Zukunft tatsächlich keine Kliniken mehr, sondern nur noch Ärztehäuser geben sollte. In diesem Punkt ist zum Beispiel auch die SPD offenbar anderer Meinung als die Gutachter von Pricewaterhouse-Coopers. Stockach habe eine „Portalfunktion“. Wenn es in Stokach nur noch ambulante Behandlungen geben würde, steige die Gefahr, dass Patienten in andere Häuser außerhalb des Kreises abwandern. Zum Thema Radolfzell sagte ein Konstanzer Gemeinderatsmitglied: „So wie es heute ist, kann es nicht bleiben.“ Im Klartext: Nur Konstanz und Singen bleiben übrig. Die Radolfzeller könnten tatsächlich eine Fachklinik bekommen. Aber aus Konstanzer Sicht eben nicht das Vincentius-Krankenhaus.

Macht der Klein-Anleger

Spielverderber könnten in Sachen Vincentius-Krankenhaus übrigens die Klein-Aktionäre, unter ihnen der ehemalige Chefarzt der Klinik, sein. Die waren schon gegen den Umzug der Orthopädischen Fachklinik an den Standort des Konstanzer Klinikums, wo neu gebaut werden soll. Einer Verlagerung der Klinik nach Radolfzell dürfte diese Gruppe – die Spitalstiftung hält nur 93 Prozent der Anteile – kaum zustimmen, so ein Beobachter.

Keine Doppelstrukturen mehr bezahlbar

Klar ist außerdem, dass neben den kleinen Häusern auch die großen Häuser der Zentralversorgung in Konstanz und Singen, die selbstverständlich ihre allgemein chirurgischen und allgemein internistischen Abteilungen behalten würden, Federn lassen müssen. „Wegen eines Blinddarms muss niemand nach Singen“, so ein Konstanzer Stadtrat. Ein weiterer Bettenabbau steht aber bevor. Gespart werde bei einem Zusammenschluss wohl außerdem in der Verwaltung, im Labor, bei der EDV und beim Personal. Synergieeffekte machen Einsparungen möglich. „Natürlich keine betriebsbedingten Kündigungen“, so ein Beobachter. Dass es in Zukunft in Konstanz und Singen jeweils noch Kinderheilkunde, eine Urologie oder Thoraxchirurgie gibt, sei aber sehr unwahrscheinlich. Ohne Kürzen wird es nicht gehen. Denn eine bittere Wahrheit ist, dass die Kliniken im Kreis Konstanz durch Wachstum nicht effizienter werden können. Schon heute lassen sich 81 Prozent aller Patienten im Kreis behandeln. Mehr Fälle wird es nicht geben.

Alternative Privatisierung der Kliniken

Falls sich die Kommunalpolitiker im Kreis Konstanz nicht zusammen raufen sollten, stünde mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Privatisierung der Krankenhäuser im Kreis Konstanz bevor. Selbst die Konstanzer Klinik könnte ohne Kooperation und Kostenverringerungen nur noch wenige Jahre überleben, so ein Kenner der Krankenhaus-Szene.

Das von Pricewaterhouse-Coopers vorgestellte Gutachten, ist zwar im Konstanzer Kreistag öffentlich präsentiert und zum Beispiel auch an alle Gemeinderatsmitglieder in Konstanz verteilt worden, der Presse liegt es aber nicht vor. Mehr über das Gutachten unter http://www.aktuelles-bodensee.de/2010/06/bombe-bei-klinik-debatte-im-konstanzer-kreistag-geplatzt/.

Foto: Klinik Konstanz/Kinderklinik

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