Reinhard Ebersbachs Vision von der „Stadtentlastungsstraße“

Dreißig Jahre Verkehrsdebatte und geplatzte Träume in Überlingen

Überlingen (wak) Wenn Alt-Oberbürgermeister Reinhard Ebersbach Recht gehabt hätte, wäre Oberbürgermeisterin Sabine Becker ohne Chance, das Verkehrsproblem in Überlingen in den Griff zu bekommen.

„Stadtentalstungsstraße“


Bei einer Bürgerversammlung sagte Ebersbach 1979, also vor ziemlich genau 30 Jahren, über die „Stadtentlastungsstraße“: „Wir sehen keine andere Alternative, um mit dem Verkehr fertig zu werden.“ 30 Jahre später findet am 11. Mai 2010 wieder eine Bürgerversammlung statt. Die Oberbürgermeisterin heißt jetzt Sabine Becker. Geändert hat sich sonst seither nicht sehr viel. Eine „Stadtentlastungsstraße“ ist nie gebaut worden. Konkret: Sie ist nie zu Ende gebaut worden.

Stadt hat es vermasselt

Neu ist: Ebersbachs „Stadtentlastungsstraße“ kann auch nicht mehr Wirklichkeit werden, weil statt der „Stadtentlastungsstraße“ längst eine schmale Wohnstraße im Bereich Zahnstraße und Schättlisberg gebaut worden ist. Die Stadt hat es vor einigen Jahren vermasselt, als sie den Schättlisberg, einschließlich der Straße, von einem privaten Überlinger Büro planen ließ und dem Planer nicht auf die Finger guckte. Das Verkehrsproblem hat sich seither nur noch vergrößert.

Kein Platz mehr für Straße

Ebersbachs neue „Stadtentlastungsstraße“ sollte vor 30 Jahren über die St.Ulrich-, Hitzler-, Wiestor- und Zahnstraße über den Schättlisberg beim Krankenhaus zur Landesstraße führen. Platz für eine solche leistungsfähige Straße ist nun dort aber nicht mehr. Verkehrsgerechte Straßen, so sieht es 2010 aus, werden in Überlingen nicht mehr gebaut werden können, weil kein Platz mehr für sie ist. Auch eine Grabentrasse wäre wohl nur eine Notlösung. Ein Tunnelprojekt konnte zuletzt aus finanziellen Gründen nicht weiterverfolgt werden. Also zurück auf Los.

Vision von der autofreien Stadt 1989

Den Überlingern hilft nun nur noch neu und anders zu denken. Wenn die Annahme richtig ist, dass es tatsächlich keine andere Möglichkeit außer einer „Stadtentlastungsstraße“ gibt, um mit dem „Verkehr fertig zu werden“, und gleichzeitig keine „Stadtentlastungsstraße“ mehr gebaut werden kann, bleibt nur noch eine Alternative: die Verkehrsmenge zu verringern. Bereits vor 20 Jahren war eine teilweise verkehrsfreie Innenstadt Thema in Überlingen. 1989 bekam ein Büro Bender und Stahl den Auftrag, zu untersuchen wie die Verkehrsströme im Stadtgebiet gelenkt werden könnten, wenn die Münster- und Christophstraße sowie die Franziskanerstraße und der Münsterplatz für den Verkehr gesperrt würden. Es gab mehrere Planungsfälle. Auch der verstorbene Oberbürgermeister Klaus Patzel schlug Pflöcke ein. Er machte den Bahnhof Stadtmitte zum Zentralen Omninbus Bahnhof und plante das Torhaus mit dem Parkhaus West. Straßen aus allen Himmelsrichtungen führen nun zu einem der drei Parkhäuser rund um die historische Altstadt. Wäre die Innenstadt autofrei, wären es von den Parkhäusern Post, Stadtmitte und West jeweils nur wenige Schritte in die Fußgängerzone Innenstadt. Tatsächlich ist in Überlingen bisher aber nur die Münsterstraße Fußgängerzone (Foto).

Der Kampf der Bürgerinitiativen

Weil noch immer viel zu viele Autos durch Überlingen fahren, hat sich die Lage immer mehr zugespitzt: Durch die Straßen der Altstadt und angrenzende Wohngebiete quält sich der Verkehr. Mehrere Bürgerinitiativen wehren sich: Während die WOGE ZaNeLi ausschließlich für die Interessen des neuen Wohngebiets im Bereich Zahnstraße kämpft, in dem eine schmale Straße in einem reinen Wohngebiet zu einer wichtigen Ausfallstraße umfunktioniert wurde, beschwert sich die Initiative zur Verkehrsberuhigung der Innenstadt vor allem über die Belastung der historischen Altstadt, den Verkehr in der Franziskaner- und Christophstraße. Vor allem die vielen Busse sind den Mitgliedern der Initiative zu Verkehrsberuhigung der Innenstadt ein Dorn im Auge. Groß ist der Verdruss angesichts der auf schmalen Gehwegen parkenden Autos und Lastwagen und wegen des angeblichen Wegsehen des Ordnungsdienstes, das die Bürgerinitiative beklagt.

Faupel kämpft für nicht-motorisierte Verkehrsteilnehmer

„Gerade dieser Zustand des ,darüber hinweg Sehens` stört die schwächeren Verkehrsteilnehmer unterhalb der motorisierten Ebene“, schrieb zuletzt wieder der Anwalt Hermann Josef Faupel der Oberbürgermeisterin. Das Wegsehen fällt ihm persönlich besonders schwer. Wenn er ein Fenster in seiner Kanzlei an der Franziskaner Straße öffnet, sieht er wie Fußgänger und Radfahrer wie Hasen zwischen Autos die Straße überqueren und wie große Busse und Lastwagen über Gehwege fahren, wenn die Fahrbahn durch haltende Autos blockiert ist. Faupel hält das Dorf für chronisch überlastet. 1989 kämpfte er wenigstens für einen Gehweg in der Aufkircherstraße und brachte sogar ein Normenkontrollverfahren auf den Weg.

Reise in die Vergangenheit

Bei der Bürgerversammlung am 11. Mai ab 19 Uhr im Überlinger Kursaal sollen auch alle alten Überlegungen und Vorschläge zur Lösung des Überlinger Verkehrsproblems noch einmal dargestellt werden. Das ist der Wunsch von Martin Horn, Moderator des Prozesses zur Lösung des Verkehrsproblems. Oberbürgermeisterin Sabine Becker hat es schon einmal angekündigt.

Foto: wak/Reinhard Ebersbach; Faupel/Momentaufnahme in der Fußgängerzone Münsterstraße

5 Kommentare to “Reinhard Ebersbachs Vision von der „Stadtentlastungsstraße“”

  1. dk
    29. April 2010 at 08:00 #

    Da bleibt eigentlich nur noch der Bodensee, der etwas aufgeschüttet werden kann, damit Überlingen auch eine breite Auto-Promenade erhält.

    Wenn man dabei auf (kostenlosen) Müll wie in KN verzichtet und Qualitäts-Kies verwendet, sind die Voraussetzungen für ein Konzert- und Tagungszentrum in der weiten Zukunft bestens erfüllt.

    Die hohen Mietpreise in KN würde ich heute nicht mit dem „bösen Vermieter“ begründen, sondern z.T. auch mit Baukosten durch miserablen Baugrund (Lehm, Grundwasser und natürlich Müll).

  2. sparring
    29. April 2010 at 11:11 #

    Sintflut-Mentalität

    Bisher lief Verkehrsberuhigung in Überlingen nach dem Muster ab : Ich will Vorteile für meine kleine Froschperspektive — nach mir die Sintflut !
    Weil aber die Sintflut regelmäßig in die Wohngebiete schwappte,
    wurde dann denjenigen, die sich darüber beklagten, nachgesagt,
    ihnen (den Opfern) fehle das Gemeinverständnis.
    Ein Musterbeispiel von Demagogie ! Die Hoffnung bleibt, daß es
    die neue Verkehrsdiskussion (moderierte Bürgerbeteiligung)
    besser richtet. Es wird langsam Zeit (s.Artikel Ebersbach).

    — sparring —

  3. Rüdiger v.der Linde
    29. April 2010 at 13:23 #

    Ebersbach’s und Faupel‘ s Verkehrsvisionen

    Herr RA Faupel schreibt : „Wenn er ein Fenster in seiner Kanzlei an
    der Franziskaner Straße öffnet, sieht er, wie Fußgänger und Radfahrer
    wie Hasen zwischen Autos die Straße überqueren“.

    Dieser Vorwurf ist m.E. irreführend und bedarf einer Art von kurzer
    Rechtsbelehrung. Unsere Straßenverkehrsordnung sieht vor, daß in
    vielbefahrenen Straßen Fußgänger die Fahrbahn nur dort regulär über-
    queren dürfen, wo eine entsprechende Kennzeichnung besteht ( z.B.
    Ampel / Zebra u.ä.).

    Wer als Fußgänger (oder Radfahrer) stark frequentierte Geschäfts-
    straßen trotzdem außerhalb der offiziellen Überwege überquert, der
    spielt mit seinem Leben eindeutig „Russisches Roulett“. Dieses be-
    wußt eingegangene Risiko kann ihm keine Macht der Welt abnehmen.
    Hier beginnt die Eigenverantwortung (auch für Herrn Faupel).

    Rüdiger v.der Linde

    • wak
      29. April 2010 at 13:28 #

      Viele Fahrradfahrer nutzen die Route Gradebergstraße, Lindenstraße, Münsterplatz, Franziskanerstraße, da die Münsterstraße für Fahrradfahrer gesperrt ist. Eigentlich ist das ein Skandal, denn es geht hier immerhin um ein Stück des Bodenseeradwegs. Übrigens ist die Stadt bisher noch nicht einmal auf die Idee gekommen, die „Umleitung“ für Radler auszuschildern…

  4. H.J.Faupel
    1. Mai 2010 at 13:43 #

    Sehr geehrter Herr von der Linde,

    haben Sie schon einmal die Beschilderung der Franziskanerstrasse mit 30 km/h wahrgenommen ?

    In welchem § der StVO stehen denn Ihre Weisheiten über das Überqueren einer Strasse ?

    Fahren Sie auch in die Stadt mit dem PKW, weil Ihre Erkenntnisse Ihnen das Überqueren der Zahnstrasse als Fußgänger verbieten ?

    Freundliche Grüße

    H.J.Faupel

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