Richard Holderied, der Piraten-Käpt`n Sparrow aus Ravensburg

Sieben Monate vor der Landtagswahl setzen Piraten in Oberschwaben Segel

Ravensburg (wak) So wie Käpt’n Sparrow als Kapitän der Black Pearl auf die See hinaus segelt, nehmen die Piraten Kurs auf die Landespolitik. Die Piratenpartei in Oberschwaben hat bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr nicht ganz so gut abgeschnitten wie die in Konstanz. Mit Blick auf die Landtagswahl am 27. März 2011 haben aber auch die 65 Piraten in Verband Ravensburg-Bodensee Segel gesetzt. Im Wahlkreis Bodensee tritt Stephan Hestermann an und in Ravensburg ist Richard Holderied Direktkandidat. Wir haben bei dem 34 Jahre Diplom-Informatiker aus Ravensburg einmal nachgefragt.

Wenn wir richtig informiert sind, müssen Sie in ihrem Wahlkreis erst einmal 150 Unterstützerunterschriften sammeln, um überhaupt antreten zu können. Haben Sie schon mit dem Sammeln angefangen und wie viele Unterschriften haben Sie zusammen?

Wir sind schon aktiv geworden und versuchen, in nächster Zeit an den Marktsamstagen in der Ravensburger Innenstadt mit Infoständen präsent zu sein. Aktuell haben wir ca. 25 Prozent der benötigten Unterschriften gesammelt – an dieser Stelle auch ein herzliches Dankeschön an alle Unterstützer.

Seit wann sind Sie selbst Mitglied der Piratenpartei?

Meinen ersten aktiven Kontakt zur Piratenpartei hatte ich im Januar 2009. Nach einer längeren Phase als Sympathisant trat ich am Tag der Europawahl im Juni 2009 in die Partei ein.

Inwieweit würden Sie sich als einen typischen Piraten bezeichnen?

Allein schon durch mein Berufsbild und Geschlecht bediene ich natürlich das typische Piratenbild – dies scheint mir jedoch nicht ausschlaggebend. Viel wichtiger ist für mich, dass sich meine Ansichten mit den Kernthesen des „typischen Piraten“ decken.

Nennen Sie doch bitte einmal Ihre zwei, drei wichtigsten politischen Ziele?

Ich bin ein überzeugter Gegner des Überwachungsstaates, bin klar gegen die Auswüchse des Patent- und Urheberrechtswesens und für eine möglichst hohe Chancengleichheit im Bezug auf Bildung – deswegen will ich unsere Forderung nach kostenfreier Bildung zu 100 Prozent unterstützen. Auch glaube ich, dass der Bürger als Souverän in unserem Staat mehr und direkter an Entscheidungen wie zum Beispiel Stuttgart 21 beteiligt werden muss.

Was hat sie veranlasst, sich politisch zu engagieren?

Im Kern? Die Unfähigkeit der etablierten Parteien und mein Vater, der immer gesagt hat: „Nichtwählen gibt es nicht. Wenn die Konzepte und Vorgehensweisen der etablierten Parteien nicht deine Wünsche für ein gerechtes und freies Staatswesen widerspiegeln, musst du selbst aktiv werden.“

Was sagen Sie, wenn Sie Wahlkampf machen und Ihnen Menschen auf der Straße vorhalten, die Piratenpartei sei eine Ein-Themen-Partei?

Ich war dabei, als auf zwei jeweils zweitägigen Parteitagen ein umfassendes Wahlprogramm für Baden-Württemberg verabschiedet wurde. Noch befindet sich dieses in redaktioneller Bearbeitung, aber es umfasst auf mehr als 50 Seiten Aussagen zu weit über 100 gesellschaftlich relevanten Fragen. Ein Beispiel? Wir möchten Jugendliche an unseren demokratischen Prozessen beteiligen. Deshalb fordern wir das Wahlrecht auf Landesebene bereits ab 16, auf Kommunalebene ab 14. Wir sind der Überzeugung, dass es wichtig ist, junge Menschen bereits früh politisch mitgestalten zu lassen und Demokratie zu leben.

Apropos Wahlkampf. Wie wird denn der Wahlkampf der Piratenpartei aussehen? Unterscheidet er sich von dem der bereits im Parlament vertretenen Parteien?

Neben dem klassischen Wahlkampf wird es sicher interessante Aktionen geben – da diese jedoch noch bezüglich der Realisierungsmöglichkeiten geprüft werden müssen, sind mir leider noch keine konkreten Ankündigungen möglich.

Welche Rolle spielen das Internet und die sozialen Netzwerke?

Das Internet ist ein Medium, das durch eine überwiegend junge, kritische und technikaffine Klientel bevölkert und belebt wird. Viele dieser User sympathisieren mit unserem Zielen, weswegen wir bei Umfragen in sozialen Netzwerken zur letzten Bundestagswahl zeitweilig vor den etablierten Parteien lagen. Deshalb werden wir natürlich versuchen, auch über das Internet für unsere Ziele zu werben. Wie gut uns das gelingt, wird von den Multiplikatoren, also den vielen Bloggern, den aktiven Foren, der Internetpresse abhängen – ich bin überzeugt, dass es dort trotz vergangener, oftmals berechtigter Kritik an den Piraten auch wieder eine breite Unterstützung für unsere Ziele geben wird.

Woher sollen denn die Stimmen kommen, die die Piratenpartei bräuchte, um die 5-Prozent-Hürde zu überspringen? Wo vermuten Sie Ihre Wähler?

Ich erhoffe mir, dass wir hier in Baden-Württemberg ein politisch interessiertes Volk haben, das wahrnimmt, wie sich die etablierten Parteien um wesentliche Belange herumdrücken – so gibt es (obwohl ja fast alle etablierten Parteien angeblich für mehr direkte Demokratie sind) in Banden-Württemberg immer noch derartig Hürden, dass es bis heute noch kein einziges erfolgreiches Volksbegehren gab.

Piraten behaupten ja, das Links-Rechts-Schema sei überholt. Wo sollen Sie die Wählerinnen und Wähler einordnen? Mit wem würden Sie in Stuttgart am liebsten koalieren, vorausgesetzt, die Piratenpartei schafft es über die 5-Prozent-Hürde und es ziehen tatsächlich sechs Abgeordnete in den Landtag ein?

Die Standardantwort lautet: Wir sind vorn – aber das wäre mir zu plump. Was einen Pirat auszeichnet, ist eben nicht, ob er eine liberale oder soziale Wirtschaftspolitik wünscht, auch nicht, ob er eher konservativ oder progressiv ist. Pirat ist man, wenn man an die Demokratie glaubt, an Chancen für unser Land durch freie, gute Bildung, an die Freiheit von Wissen und Kultur sowie die Bewahrung der Privatsphäre.

Sagen Sie uns doch bitte noch, was so schlimm an Netzsperren ist?

Nehmen wir an, dass es eine „böse“ Firma BöseTel mit Telefonnummer gäbe, die man anrufen kann, was aber der Staat nun verhindern möchte. Diese Telefonnummer sei in allen Telefonbüchern (national und international) als BöseTel mit Nummer XYZ eingetragen.

Statt nun also die Nummer XYZ endgültig zu löschen, geht die Sperre her und löscht nur den Telefonbucheintrag von BöseTel in den nationalen Telefonbüchern. Wer aber ein ausländisches Telefonbuch verwendet (was am Internet binnen Minuten möglich ist) oder die Nummer XYZ kennt oder diese von einem „Freund“ mitgeteilt bekommt, der kann natürlich weiterhin dort anrufen. Dieses ist die Ineffektivität der Sperre.

Nun aber zum wesentlich übleren Teil: Um zu vermeiden, dass gerade die Sperrlisten als Inhaltsverzeichnis für Perverse dienen, müssen diese geheim gehalten werden. Es wird also eine spezielle Behörde eingeführt, die im Geheimen festlegt, was der Normalnutzer am Internet sehen darf und was nicht – die Veröffentlichung der Liste (via leaking) wäre natürlich auch strafbar.

Wie verträgt es sich mit einer freien Demokratie, dass es geheime Zensur gibt, die nicht legal hinterfragt und geprüft werden kann? Dieses ist die Gefahr der Sperre.

Was haben Sie gegen den biometrischen Personalausweis?

Gegenfrage: Warum muss ich mich als unbescholtener Bürger erkennungsdienstlich behandeln lassen? Denn nichts anderes sind ein biometrisches Foto, ein Fingerabdruck und ein RFID Chip, der ausgelesen werden kann, ohne dass ich es bemerke. Ich will in unserem Staat keine eindeutige (Steuer-)Nummer in einer Datenbank sein, zu der dann gespeichert wird, wie oft ich krank bin (elektronischer Entgeltnachweis, elektronische Gesundheitskarte), welche Überweisungen ich tätige (Kontenabfrage Finanzamt und SWIFT), ob und welche sexuellen Neigungen ich habe (Fluggastdatenaustausch mit den USA), mit wem ich von wo aus telefoniere (die verfassungsgerichtlich gekippte Vorratsdatenspeicherung) und dergleichen Schnüffeleien mehr.

Wer sich mit den Piraten im der Region Bodensee-Oberschwaben treffen möchte, könnte, wenn wir es richtig wissen, einfach einmal bei einem Ihrer Stammtische vorbei kommen. Wo und wann finden die Treffen denn statt?

Wir treffen uns monatlich jeden zweiten Montag im K42 in FN, jeden dritten Mittwoch im Café Drops in Leutkirch und jeden letzten Mittwoch im Gasthaus Ochsen in Ravensburg. Weitere Informationen zu Aktionen und Treffen findet man unter http://wiki.piratenpartei.de/Stammtisch_Bodensee-Oberschwaben.

Die Fragen an den Direktkandidaten und Kreisvorsitzenden Richard Holderied stellte Waltraud Kässer.

Kontakt: http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:PiratenRV und: richard.holderied@piraten-rvfn.de

4 Kommentare to “Richard Holderied, der Piraten-Käpt`n Sparrow aus Ravensburg”

  1. Fenedig
    12. August 2010 at 11:10 #

    Nischen gibt es politisch in D besonders ganz weit links oder ganz weit rechts – zum Teil sogar vom Verfassungsschutz als beobachtungswürdig beurteilt, wie man weiss. Für die Anliegen des Herrn Holderied lässt sich auch in anderen Parteien trefflich streiten. Und erst noch mit einflussreicherer Strategie als in einem kleinen Häufchen aufrechter Netzfans. Sowohl „Grün“, als auch „die Vereinigung gegen spätrömische Dekadenz“, harmoniert mit den wichtigsten Grundanliegen des Informatikers. Es ist nur eine Frage des Geschmacks, wohin man sich wendet. Das politische Verzetteln mag auf Provinz- oder Kommunenebene derzeit populär, der aufmüpferische Gestus gar in lokalen Sachfragen – Stichworte: Umfahrungsstrasse, Antennenmast, freies Grillen, Kultur, usw. – ab und zu erfolgreich sein, ein Bürgermeister auch mal hinauskatapultiert werden. Doch in der grossen Politik stellt sich ein Verzetteln (oder gar Spalten) in der Regel als negativ für ein Staatswesen heraus. Da muss man nicht mal bis Weimar zurück greifen – bei allem Verständnis für einen persönlichen, punktuellen Frust durch Mehrheitsentscheide in so genannt „etablierten Parteien“. Das ist halt in einer Demokratie so. Sie lässt sogar auch ein Absondern zu – und damit Sinn und Unsinn freien Lauf. Auf eigenes Risiko!

  2. piratenRV
    12. August 2010 at 23:03 #

    Die Piratenpartei war, wie man weiss, noch NIE unter Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Dass man für die genannten Hauptanliegen auch in anderen Parteien einen Kampf gegen Windmühlen kämpfen könnte, ist in der Aussage trivial genug, um unwiederlegbar zu sein.
    Das Problem der angesprochenen Grünen und der FDP ist jedoch, dass andere Kernbereiche in diesen beiden Parteien Priorität genießen – für die Grünen geht es im Kern immer noch um Umweltpolitik (Ökosteuer, Dosenpfand und ähnliches), wohingegen die FDP ihren Fokus auf eine Liberalisierung im Wirtschaftsbereich legt (Kopfpauschale ohne Beteiligung der Arbeitgeber, Kürzungen am liebsten im Sozialbereich wie im aktuellen „Sparpaket“).
    Dabei werden die im Interview genannten, eigentlich wichtigeren Themen dann gerne geopfert, um im Kernbereich zu triumphieren (z.B. Grosser Lauschangriff, beschlossen unter schwarz/gelb).
    Was mir bei meinem Vorposter nun allerdings bedenklich scheint, ist, dass es als Risko bezeichnet wird, wenn neue politische Kräfte eine Chance erhalten würden. Im Gegenteil: Hier sind noch Idealisten am Werk, die nicht von Mövenpick gesponsort werden oder bei Gazprom oder der bayrischen Landesbank im Aufsichtsrat sitzen. Insbesondere die basisdemokratische Kultur innerhalb der Piratenpartei (jeder Pirat kann auf dem Parteitag das Wort ergreifen, Anträge stellen und frei Abstimmen) ermöglicht einen Weg, der schon in der Partei zu echten, demokratischen Entscheidungen führt.
    So bleibt mir nur zu antworten: Wer wieder die etablierten Parteien wählt und auf (positive) Veränderung hofft: Auf eigenes Risiko!

  3. Fenedig
    13. August 2010 at 10:45 #

    Lieber Vorpirat: Dass Vielparteiensysteme politisch nicht das Gelbe vom Ei sind, zeigt sich in manchen – auch europäischen – Länderparlamenten, hat sich bekanntlich auch in Deutschland mal gezeigt. Was ist an dieser Feststellung falsch? Und selbstverständlich sind Piraten oder andere Kleingruppierungen nicht für sich ein Risiko, sondern der Staat selbst nimmt demokratisch das Risiko auf sich (allerdings bewusst mit den prozentualen Einschränkungen, die Sie ja selbst spüren). Und die „Idealisten“, die da aufkreuzen sollen, werden – nach dem sie gewählt sind, sich ebenso nicht entziehen können (wie z.B. auch Gewerkschafter), in diesem oder jenem Aufsichtsrat Einsitz zu nehmen. Schliesslich möchte man ja für die eigene politische Arbeit wissen, was auf dieser Schiene so abgeht – ganz abgesehen von der Bezahlung! Und Sponsoren werden ebenso eintrudeln und sind in einer bestimmten Art und Weise auch ein notwendiges Übel. Natürlich fängt jede Gruppierung „basisdemokratisch“ an – das ist gut, merkt dann in der Regel erst später, dass dieser Idealismus in seiner totalen Ausprägung zu Nichtentscheiden, zum Kuddelmuddel neigt, so dass diese lobenswerte Anfangsidee durch eine kommunikativ und konstruktiv zweckvollere Ordnung ersetzt werden muss, um für andere verständlich zu bleiben. Einigen wird das dann nicht mehr passen und sie werden die Partei wieder verlassen, wie die Erfahrung zeigt. Grüne sind da geradezu „vorbildhaft“.

  4. dk
    13. August 2010 at 13:16 #

    Zum Vordenker (oder besser Nachdenker?) – das Zitat:

    „… so dass diese lobenswerte Anfangsidee durch eine kommunikativ und konstruktiv zweckvollere Ordnung ersetzt werden muss, um für andere verständlich zu bleiben. …“

    Da wird man etwas nachdenklich …

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