Seegfrörne am Bodensee – Über eisige Grenzen

Seegfrörne Ausstellung in HagnauHagnau. Nachkriegszeit. Eiszeit. Eisige Stimmung zwischen Deutschland und der Schweiz. Doch dann baute ein Naturphänomen eine Brücke zwischen den Ländern. Vor 50 Jahren, 1963, fror der Bodensee zu. Der bislang letzten Seegfrörne widmet die Gemeinde Hagnau eine eindrucksvolle Sonderausstellung mit dem Titel „Über eisige Grenzen“. Von Alexander Kopp

 Zeitzeugen und Schmalfilme

Über ein Jahr dauerten die Vorbereitungen des Heimat- und Geschichtsvereins zur Ausstellung, zu der auch ein Buch mit gleichem Titel erschienen ist. Das Team um den Vorsitzenden Rudolf Dimmeler und Buchautor Diethard Hubatsch sammelten und sichteten viele Quellen. Neben Fotografien, zeitgenössischen Zeitungsartikeln und einem Schmalfilm waren es vor allem die Aussagen und Gespräche von Zeitzeugen, die sie für die Ausstellung verarbeiten konnten. An einer „Hörbar“ können sich die Besucher die emotionalen Schilderungen auch selbst anhören. Auf dem Boden liegt der Bodensee in Klein. Auf der sieben Meter großen Plexiglas-Seefläche sind die Überquerungsrouten mit Entfernungen eingezeichnet. Von Hagnau nach Altnau immerhin sieben Kilometer. „Das wäre heute gar nicht mehr möglich. Da wären bestimmt direkt die Ordnungshüter da“, kommentiert ein Besucher den ruckelnden Film, der in einer Endlosschleife läuft. So war es auch damals. Die Schweizer Grenzpolizisten wiesen anfangs noch darauf hin, dass es sich schließlich um einen „Illegalen Grenzübertritt“ handele – doch angesichts der dann einsetzenden „Schwäbischen Invasion über den Bodensee“, an manchen Tagen bis zu 20.000 Menschen, drückte die Obrigkeit bald ein Auge zu. Wagemut und Furcht gingen bei den Eisläufern einher.

Zurück mit dem Bus

Doch es ist gerade die Hagnauer Jugend, die sich am 6. Februar ohne Bedenken und in großer Zahl aufmacht und den Spuren der ersten Eisläufer nach Altnau folgt. „Mausi ist schon vorbei“ können sie unterwegs im Schnee lesen. Die 16jährige Mathilde Schatz, genannt „Mausi“, lief auf Schlittschuhen allen voran und hinterließ ihren Freunden diese vergängliche Nachricht. Sie schaffte die sieben Kilometer in knapp einer Stunde. Auch ihre Freundinnen, die Schulfrei hatten, folgten spontan. In Altnau kehrten sie in der „Krone“ ein, wo sie freudig begrüßt wurden. Noch viele andere folgten an diesem Tag. 57 Hagnauer zählen die Schweizer am späten Nachmittag in der „Krone“. Der Rückweg über das Eis wird ausgeschlossen und alle werden mit dem Bus nach Konstanz gebracht.

Zu Pferd, mit Schlittschuhen und Fahrrad

Die Seegfrörne zog natürlich auch viele Neugierige aus dem Hinterland an. Da das Phänomen in die Fasnetszeit fiel, wurden auch viele kostümierte Eisläufer gesichtet. Auf dem Höhepunkt versuchten sich bis zu 20.000 Menschen auf dem Eis. Hagnau erstickte im Verkehrschaos. „Der wohl erste Stau in Hagnau“, kommentiert Bürgermeister Simon Blümcke, der sich an die heutige Situation erinnert fühlt. Per Fuß, auf Schlittschuhen, mit Schlitten oder sogar mit dem Fahrrad waren sie unterwegs. Dokumentiert ist auch, dass die Haflinger-Stute „Monica“ es über das Eis wagte.

Eisprozession über den See

Auch die Geistlichkeit blickt gespannt auf den gefrorenen See. „Hält das Eis?“ ist die bange Frage. Denn nur dann ist ein alter Brauch möglich: Die Eisprozession. Am 12. Februar war es dann soweit. Dem Brauch entsprechend soll die Büste des Heiligen Johannes Evangelista über das Eis wieder an das andere Ufer, in die Klosterkirche nach Münsterlingen geholt werden. Um 9 Uhr morgens sammeln sich die Pilger für die Eisprozession in Münsterlingen. Der Pfarrer bittet die Gläubigen beider Konfessionen für die großen Anliegen der Christenheit – Weltfrieden und Ökumene – zu beten. Dann beginnt der Marsch über das Eis. Geistliche Herren, Gemeindevorsteher, örtliche Prominenz, Erwachsene, Schulkinder und eine Musikkapelle folgen dem Ruf. Auf einem Schlitten werden drei Fässchen Wein als Gastgeschenk mitgeführt.

Kopie der Büste in Ausstellung

Bis zur nächsten Seegfrörne steht die Büste in der Münsterlinger Klosterkirche. In der Ausstellung ist allerdings eine originalgetreue Kopie zu sehen.

Multimedia

Wer den Gang durch die Ausstellung gemacht hat, kann an einem Multimedia-Terminal sein Wissen rund um die Seegfrörne testen.

Seegfrörne immer unwahrscheinlicher

Bleibt die Frage: Wann ist die nächste Seegfrörne?“ Natürlich ist es unmöglich, das vorauszusagen. Die Meinungen gehen aber in die Richtung, dass die Wahrscheinlichkeit abgenommen hat. Grund sind unter anderem der Klimawandel und auch die zugenommene Bewegung des Wassers durch den Schiffsverkehr.

ÖFFNUNGSZEITEN:

Bis 25. Oktober. Sonntags und feiertags von 15-17 Uhr. Zusätzlich ab 1. Mai auch donnerstags von 16-18.30 Uhr. Führungen und Gruppenbesuche auch zu anderen Terminen möglich. Information: 07532 / 430043.

httpv://www.youtube.com/watch?v=4MCPLNlTrS4

httpv://www.youtube.com/watch?v=6Ky3o7-XVTo

Ausstellungseröffnung links Bürgermeister Simon Blümcke

Schwarzweißfotos in Seegfrörne-Ausstellung in Hagnau

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