Seit drei Jahrzehnten Judaica-Bibliothek Konstanz

Konstanz. Die Jüdische Bibliothek in Konstanz besteht seit 30 Jahren. Für Thomas Uhrmann, Ehrenamtlicher Leiter der Dr.-Erich-Bloch-und-Lebenheim-Bibliothek (Judaica) der Israelitischen Kultusgemeinde Konstanz ist das Anlass, zurückzuschauen. Aufgebaut hatte die Bibliothek der Konstanzer Historiker und Schriftsteller Dr. Erich Bloch, der 1967 aus dem israelischen Nahariya in seine Heimatstadt zurückgekehrt war. Später leitete Else Levi-Mühsam, eine Nichte des Schriftstellers Erich Mühsam, bis zu ihrem Umzug nach Jerusalem im Herbst 1995 die Bibliothek. Außer Büchern zur jüdischen Religion, Philosophie, Geschichte, zu jüdischem Leben in Deutschland und anderen Ländern, zu Fragen des christlich-jüdischen Verhältnisses, zu Antisemitismus und zur Schoa sowie Bänden zu Kunst und Wissenschaften finden sich zahlreiche Biografien jüdischer Persönlichkeiten und Zeitzeugen aus den verschiedensten Epochen in der Dr.-Erich-Bloch-und-Lebenheim-Bibliothek.

 Hoher Bekanntheitsgrad der Judaica-Bibliothek

Als erste Judaica-Bibliothek, die nicht einer Hochschule angegliedert ist, und zugleich als erste Bibliothek einer jüdischen Gemeinde in Deutschland wurde die Bibliothek im Jahre 2001 in einen Bibliotheksverbund aufgenommen, berichtet Thomas Uhrmann. Die Teilnahme am Südwestdeutschen Bibliotheksverbund (SWB) und die damit verbundene Internetpräsenz haben entschieden zu ihrem überregionalen Bekanntheitsgrad beigetragen, so der Bibliotheksleiter. „Das beweisen nicht nur Anfragen von weither nach seltenen Buchtiteln, die sich nur im Bestand dieser Bibliothek befinden, sondern auch vermehrt Schenkungen von Privatleuten aus der Stadt, aus der Region, aus der benachbarten Schweiz und sogar von der British Library in London“, schreibt Thomas Uhrmann. Über die Bibliothek berichtet hatten in der Vergangenheit auch überregionale Zeitungen und Zeitschriften sowie jüdische Publikationen und die israelischen Nachrichtenwebseiten News1.

Begründer Dr. Erich Bloch

Aufgebaut hatte die Bibliothek der Konstanzer Historiker und Schriftsteller Dr. Erich Bloch, der 1967 aus dem israelischen Nahariya in seine Heimatstadt zurückgekehrt war, mit finanziell großzügig unterstützt durch Alfred Lebenheim, einem Mitglied der Gemeinde. Am 12. November 1982 konnte Shimon Nissenbaum, der Gründer der israelitischen Nachkriegsgemeinde in Konstanz, wie die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung in ihrer Ausgabe vom 17. Dezember 1982 unter der Überschrift „Neues Leben blüht aus den Ruinen – Dr.-Erich-Bloch-Bibliothek der Israelitischen Gemeinde Konstanz eingeweiht“ berichtete, feierlich die Bibliothek eröffnen.

Nachfolgerin Else Levi-Mühsam

Wesentlichen Anteil am Aufbau hatte über viele Jahre Else Levi-Mühsam, eine Nichte des Schriftstellers Erich Mühsam, von 1982 bis zu ihrem Umzug nach Jerusalem im Herbst 1995 leidenschaftlich und fachkundig die Bibliothek leitete. Seither liegt die ehrenamtliche Leitung in den Händen von Thomas Uhrmann.

Einblicke in jüdisches Leben

Neben Gemeindemitgliedern und nichtjüdischen Lesern aus Konstanz und Umgebung, vor allem auch aus der unmittelbar benachbarten Schweiz, nutzen vermehrt Schüler und Studenten die Bibliothek. „Schulklassen und andere Gruppen verbinden ihren Besuch oft mit einer Führung in der kleinen, stilvoll gestalteten Synagoge im gleichen Haus und der Mikwah, um sich neben jüdischer Literatur aus erster Hand über jüdische Religion, Tradition und das Gemeindeleben vor Ort zu informieren“, so Uhrmann. Der Bibliotheksleiter weiter: „Genau an jenem Ort, an dem bis zu ihrer Zerstörung in der Reichspogromnacht 1938 die frühere Synagoge stand.“

Über den Bestand der Bibliothek

Außer Büchern zur jüdischen Religion, Philosophie, Geschichte, zu jüdischem Leben in Deutschland und anderen Ländern, zu Fragen des christlich-jüdischen Verhältnisses, zu Antisemitismus und zur Schoa sowie Bänden zu Kunst und Wissenschaften finden sich zahlreiche Biografien jüdischer Persönlichkeiten und Zeitzeugen aus den verschiedensten Epochen in der Dr.-Erich-Bloch-und-Lebenheim-Bibliothek. Ein umfangreicher Teil ist mit unterschiedlichen Themenkreisen dem Land Israel gewidmet. In der Abteilung Belletristik findet der Besucher Romane, Dramen und Gedichtbände jüdischer Autoren aus Amerika, Europa und Israel. Kunstbildbände, verschiedene Periodika und auch Kinder- und Jugendbücher runden das Angebot – hauptsächlich Titel in deutscher Sprache – für die Benutzer ab. Durch eine Schenkung der British Library London gehört auch eine Auswahl jiddischer Literatur in Originalsprache und hebräischer Schrift zum Bestand.

Texte in hebräischer und deutscher Sprache

Die grundlegendsten Fundamente einer jüdischen Bücherei, wie der Talmud und weitere rabbinische Literatur in hebräischer bzw. aramäischer Sprache ergänzen als Handbibliothek den für die Ausleihe bestimmten Bestand, wobei Teile dieser rabbinischen Literatur ebenfalls in deutscher Sprache vorhanden sind.

Pionierarbeit in Konstanz

Der Online-Katalog des SWB weist inzwischen knapp über 4.300 Titel für die Bibliothek nach. Im Februar 2009 waren die Bibliothek der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg und die Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde Konstanz die ersten Bibliotheken in Deutschland, die begannen, ihren hebräischen Bestand online in der Originalschrift zu katalogisieren. Damit können die Benutzer im Online-Katalog des SWB auch mit hebräischen Schriftzeichen nach Autor und Titel suchen.

Bildungsauftrag

Im Jahr 2001 war die Bibliothek an den 4. Baden-Württembergischen Bibliothekstagen beteiligt. Seit 2005 richten Gemeinde und Bibliothek in Zusammenarbeit mit der Stadt Konstanz mit verschiedenen Veranstaltungen den jährlich stattfindenden „Europäischen Tag der jüdischen Kultur“ in Konstanz aus und beteiligten sich 2007 auch am bundesweiten Wissenschaftsjahr, das in Konstanz sowie den Städten Münster und Wittenberg unter dem Motto „Freiheit der Religionen“ stand. Die Veranstaltungen zum „Europäischen Tag der jüdischen Kultur 2009“ waren in das „Jahr der Wissenschaft 2009 – grenzenlos denken“ des Amtes für Schulen, Bildung und Wissenschaft eingebunden. Unter dem Titel „Baum des Lebens und gedeckter Tisch – Torah, Talmud, Schulchan Aruch und andere Quellen des Judentums“ oder „Torah, Tauchbad, Traditionen“ finden regelmäßig Veranstaltungen für die Volkshochschule Konstanz statt.

Ausleihe an alle Interessierten

Zu weiteren Aktivitäten gehörten auch die Beratung und Begleitung des Ausstellungs-, Publikations- und Dokumentarfilmprojekts „Jüdische Jugend heute in Deutschland“ (Schirmherr: Paul Spiegel sel.A., Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland) von Studenten des Studiengangs Kommunikationsdesign der Hochschule Konstanz (HTWG) und des Buchprojektes „Der interreligiöse Stadtführer – Wege durch Konstanz“ von Schülern des Ellenrieder-Gymnasiums Konstanz im Rahmen des bundesweiten Schülerwettbewerbs „Europäische Identität und kultureller Pluralismus“ der Herbert-Quandt-Stiftung. Kirchengruppen, Schulklassen, Studenten des Lehrstuhls für die Geschichte der Religionen und des Religiösen in Europa sowie Bibliothekare aus dem In- und Ausland organisierten in all den Jahren immer wieder Besuche in der Konstanzer Sigismundstraße. Mit diesen zusätzlichen Angeboten möchten die Israelitische Kultusgemeinde und ihre Bibliothek über die Möglichkeit der Ausleihe für alle interessierten Bürger hinaus einen Beitrag zum interreligiösen und interkulturellen Dialog leisten.

Programmhinweis

Der Deutschlandfunk wird am Freitag,  4. Januar 2013, um 15.50 Uhr in der Sendereihe „Schalom – Jüdisches Leben heute“ über die Judaica-Bücherei in Konstanz berichten.

Webseiten der Bibliothek: http://www.bsz-bw.de/eu/blochbib/ 

Quelle: Thomas Uhrmann, Ehrenamtlicher Leiter der Dr.-Erich-Bloch-und-Lebenheim-Bibliothek (Judaica) der Israelitischen Kultusgemeinde Konstanz – קהילת קונסטאנץ ספרית הד“ר-אריך-בלוך-ולבנהיים.

Das Foto zeigt Else Levi-Mühsam und Dr. Erich Bloch.

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