Singener Klinik sieht Versorgung von Frühgeborenen gefährdet

Hegau-Bodensee-Klinikum klagt wegen neuer Mindestmengenregelung für Frühgeborene unter 1250 Gramm – Ärzte sehen Versorgungslücke am westlichen Bodensee und Hochrhein

Singen. Alarm in der Singener Kinderklinik: Die Klinik sieht die Versorgung der Frühgeborenen aufgrund einer neuen bundesweiten Regelung in Gefahr. Doch das will Chefarzt PD Dr. Andreas Trotter nicht so ohne weiteres hinnehmen – er klagt dagegen vor dem Landessozialgericht Berlin-Brandenburg gemeinsam mit zwölf weiteren Kliniken aus Baden-Württemberg, aus Bayern und aus Berlin. Der Arzt weist auch auf gute Behandlungsergebnisse hin.

Versorgung kleinster Frühgeborener in Singen seit 2006

Seit 2006 werden in der Singener Kinderklinik im sogenannten Perinatalzentrum des Levels 1 auch sehr kleine Frühgeborene auf höchstem Niveau versorgt, teilte der HBH-Verbund mit. Und dies geschehe mit großem Erfolg und zur vollsten Zufriedenheit der betroffenen Eltern und einweisenden Ärzte wie die stetig steigenden Fallzahlen zeigten. Waren es in 2006 noch zwölf kleine Frühchen mit einem Geburtsgewicht unter 1250 Gramm, rechnet Trotter, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche Singen, zu welcher das Perinatalzentrum gehört, mit 25 Frühgeborenen unter 1250 Gramm in diesem Jahr. Spezialisierte Ärzte und Pflegekräfte stehen nach Auskunft der Klinik rund um die Uhr zur Verfügung, um in Zusammenarbeit mit der benachbarten Frauenklinik im Falle einer Frühgeburt für das Überleben des Kindes zu sorgen. Die betroffenen Eltern wüssten die wohnortnahe Versorgung auf höchstem Niveau zu schätzen, sie kommen aus dem ganzen Landkreis und darüber hinaus nach Singen, um hier eine optimale Versorgung ihres frühgeborenen Nachwuchses zu erhalten – das gelte auch für die Neugeborenen über 1250 Gramm.

Ab 2011 bräuchte Klinik mindestens 30 kleine Patienten im Jahr

Doch die bewährte wohnortnahe Versorgung könnte bald der Vergangenheit angehören. Ab dem kommenden Jahr soll die neue Mindestmengenregelung des Gemeinsamen Bundesausschusses in Berlin gelten: statt wie bisher 14 soll die jährliche Mindestmenge der Frühgeborenen unter 1250 Gramm auf 30 steigen. Das würde das Aus für das Singener Perinatalzentrum in der jetzigen Struktur bedeuten – und für weitere Perinatalzentren im Land.

Chefarzt Andreas Trotter befürchtet Verschlechterung der Versorgung

„Die Versorgungssituation für Frühgeborene im Land wird schlechter und bestehende, gut funktionierende Strukturen werden ohne einen überzeugenden Grund auf einen Schlag zerstört“, zieht Chefarzt Andreas Trotter das Fazit aus der neuen Mindestmengenregelung. Von den derzeit bestehenden 22 Perinatalzentren mit Level 1 in Baden-Württemberg würden dann noch zehn übrig bleiben, fünf davon im Großraum Stuttgart, rund 150 Kilometer von Singen entfernt. Das wollen Trotter und weitere Perinatalmediziner nichtuniversitärer Kliniken, vornehmlich aus dem Südwesten des Landes, nicht ohne weiteres hinnehmen. Sie gehen gemeinsam vor dem Landessozialgericht Berlin-Brandenburg mit einer Anfang Oktober eingereichten Normenkontrollklage gegen die neue Mindestmengenregelung vor, um diese zu Fall zu bringen.

Hohe Zahl an versorgten Frühgeborenen angeblich kein Erfolgsgarant

Denn in ihren Augen machen im Falle der Versorgung von Frühgeborenen schlichte Mindestmengen keinen Sinn, um die Qualität weiter zu steigern. Sie verweisen auf eine aktuelle Studie mit Daten aus Baden-Württemberg, die ergab, dass eine hohe Zahl an versorgten Frühgeborenen kein Garant für gute Behandlungsergebnisse ist. Sprich: Mehrmengen bedeuten nicht zwangsläufig ein besseres Überleben der kleinen Frühgeborenen. Vielmehr zeige die BW-Studie deutlich, dass kleinere Kliniken bessere Ergebnisse haben können als größere wie beispielsweise Unikliniken, so Trotter. Das bestätigt auch ein im Jahr 2008 beim unabhängigen Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitssystem (IQWiG) vom Gemeinsamen Bundesausschuss in Auftrag gegebenes Gutachten.

Behandlungserfolge einzelner Kliniken nicht berücksichtigt

Wenn man wirklich die Frühgeborenenversorgung weiter verbessern wolle, so Trotter, müsse man sich an den Behandlungsergebnissen einzelner Kliniken orientieren und auf dieser Grundlage entscheiden. Nur auf dieser sachlichen Grundlage könne glaubhaft vermittelt werden, dass es um die Versorgungsqualität und nicht um Zentralisierungspolitik gehe.

Bessere Versorgung Schwangerer kann Frühgeburten verhindern

Wichtig für die Qualität eines Perinatalzentrums sei  zudem die Qualität der dazu gehörenden Frauenklinik. Deren oberstes Ziel müsse die Vermeidung von Frühgeburten sein. Arbeite die Frauenklinik gut, führe dies zwangsläufig zu einer geringeren Anzahl an Frühgeborenen. Was aber nichts anderes bedeute, als dass sie sich, wenn der neue Beschluss umgesetzt werde, künftig der Grundlage ihres Handelns entziehe.

Klinik bekäme Behandlung ab 2011 nicht mehr bezahlt

Um bis zur Klärung der Mindestmengenfrage auch nach dem 1. Januar 2011 Mütter und ihre Frühgeborenen weiter behandeln zu können, haben die gleichen 13 Kliniken, die auch die Klage unterschrieben haben, einen zusätzlichen Antrag auf einstweiligen Rechtsschutz gestellt. Sollten sie nicht erfolgreich sein, bekommen sie die Behandlung ab Januar nicht mehr vergütet.

Singener Doppelstrategie: Klage und Antrag auf Ausnahmegenehmigung

Darüber hinaus haben die Singener ganz aktuell einen Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung beim Sozialministerium Baden-Württemberg gestellt. Dieses ist für die Krankenhausplanung des Landes Baden-Württemberg verantwortlich und kann auf Antrag eines Krankenhauses über die Nichtanwendung der Mindestmenge bestimmen, wenn die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung auf dem Spiel steht, teilte die Klinik weiter mit. Dass dies bei der Frühgeborenenversorgung am westlichen Bodensee der Fall sei, dessen sind sich die Singener ganz sicher.

Fotos: HBH-Verbund

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