So steht die SPD im Bodenseekreis wieder auf

SPD-Ortsvereine nach verheerendem Ergebnis der Ortsvereins-Befragung hell wach

Friedrichshafen/Überlingen (wak) Nachdem eine bundesweite Befragung von 10.000 SPD-Ortsvereinen ein schonungsloses Bild des Zustands der ältestens Volkspartei Deutschlands gezeigt hat, weht der Wind der Veränderung auch durch die Ortsvereine im Bodenseekreis. In Friedrichshafen und Überlingen zieht die lokale Basis der Partei Konsequenzen. Acht Monate vor der Landtagswahl brechen in der SPD neue Zeiten an.

SPD in Friedrichshafen setzte Zeichen

Nur 44 Prozent der Ortsvereine hatten sich an der Befragung beteiligt. Anlass der bundesweiten Umfrage war das Wahldesaster der SPD bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr. Die gute Nachricht für die SPD: Nicht alle Ortsvereine, die die Fragen nicht beantwortet haben, sind abgetaucht oder inaktiv. Obwohl sich zum Beispiel auch der Friedrichshafener Ortsverein nicht an der Befragung beteiligt hat, haben die Friedrichshafener längst Konsequenzen aus dem schlechten Abschneiden der SPD bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr gezogen. Schon zwei Wochen nach dem Wahldesaster trafen sich die Genossen zu einer Mitgliederversammlung im „Schlossgarten“ in Friedrichshafen. „Bevor der Landes- oder Bundesverband dies initiiert hatte“, sagte Dieter Stauber, stellvertretender Ortsvereinsvorsitzender in Friedrichshafen See-Online. Die Friedrichshafener SPD wollte damit, ein Signal an die Öffentlichkeit senden. Als die Bundes-SPD im April und Mai nachfragte, waren die Friedrichshafener schon einen Schritt weiter.

Mitglieder wollen ernst genommen werden

Die bundesweite Befragung zeigte schonungslos, dass die SPD nicht mehr ausreichend vernetzt ist mit Verbänden, Vereinen, Initiativen oder „sonstigen Foren der gesellschaftlichen Engagements“. „Wir müssen deshalb unsere Parteistrukturen – auch Gewachsenes, Gewohntes, Liebgewonnenes, Bequemes – kritisch hinterfragen und so verändern, dass wir die Möglichkeit zum Engagement erweitern“, heißt es deswegen jetzt bei der SPD. „Wir sind und bleiben Programmpartei. Wir sind Volkspartei. Wir müssen wieder Mitmachpartei werden.“ Eine weitere neue Erkenntnis der Bundes-SPD: „Die Mitglieder wollen ernst genommen und eingebunden werden.“ Die SPD müsse „Wege zur Beteiligung“ suchen. Es brauche eine Struktur, die „Mitmach-Möglichkeiten“ schaffe.

Im Web 2.0 von der Piratenpartei überholt

Wie das gehen soll, ist aber noch nicht ganz klar. Nur sieben Prozent der Ortsvereine sind zum Beispiel im Web 2.0, also bei Facebook, Twitter, Blogs oder Foren aktiv. Im Wahlkampf vor Ort finden zwar 24 Prozent eine eigene Homepage wichtig – aber nur fünf Prozent nutzen Netzwerke wie Twitter oder Facebook. Eigene, lokale Medien, Plakate oder Flyer halten die SPD-Ortsvereine für wesentlich wichtiger als das Internet. Auch bei der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung setzen nur elf Prozent auf jeden Fall aufs Web 2.0. Die junge Piratenpartei hat der alten SPD, die so gern wieder die modernste Partei Deutschlands werden möchte, wenigstens im Internet mittlerweile den Rang abgelaufen. „Stammtische“ der Piratenpartei finden zum Beispiel in Städten wie Konstanz wöchentlich statt und bei den Piraten sind auch Nicht-Mitglieder willkommen.

SPD bietet neu SPD-Stammtisch im Zeppelindorf an

Die SPD Ortsvereine schlafen aber auch nicht mehr. „Je nachdem, was man als politische Veranstaltung zählt, haben wir fünf bis zehn pro Jahr“, so Stauber. Die nächste ist nach der Fußball-WM am 14. Juli geplant. Mit dabei ist im Graf-Zeppelin-Haus an dem Abend der Bundestagsabgeordnete Martin Gerster. Thema ist die Haushalts-, Finanz- und Sparpolitik. Auf jeden Fall gibt es in Friedrichshafen etwa fünf Mitgliederversammlungen pro Jahr, sagt Dieter Stauber. Traditionell ist die SPD ist am 1. Mai bei der Maifeier im Uferpark mit einem Infostand dabei und nimmt in Friedrichshafen zum Beispiel auch an der jährlichen Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus teil. Die Großunternehmen hatten während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter beschäftigt. Außerdem lädt der Ortsverein im September am Ende der Sommerferien zu einem Sommerfest ein. Ein fester Termin ist auch die Jahresabschlussfeier, bei dem die SPD ihre langjährigen Mitglieder ehrt. Neu ist seit zwei Monaten jeden letzten Donnerstag im Monat ein SPD-Stammtisch ab 19 Uhr im Dorfkrug im Zeppelindorf in Friedrichshafen – ohne festes Thema oder Referenten.

Überlinger SPD-Fraktionssitzung offen für Mitglieder

Ein Ruck geht auch durch die SPD in Überlingen. Nach dem schlechten Abschneiden der Partei im vergangenen Jahr zuerst bei den Kommunalwahlen und dann bei der Bundestagswahl hat auch die SPD in Überlingen die Weichen in Richtung Zukunft gestellt. Am 21. Juni findet um 19 Uhr im Gasthaus „Krone“ ab 19 Uhr eine Vorstands- und Fraktionssitzung statt. Sie ist für alle Parteimitglieder offen. Um 20 Uhr geht es dann mit einer Mitgliederversammlung weiter. Auf der Tagesordnung steht die Präsentation der aktuellen bundesweiten Ortsvereins-Befragung. Gründen will der Überlinger SPD-Ortsverein jetzt auch eine Zukunftswerkstatt. Auf die Frage, ob die Ortsvereine in den letzten Jahren offene Projekte wie Zukunftswerkstätten, Bürgerwerkstätten oder Stadtteilkonferenzen mit Bürgerinnen und Bürgern angeboten hätten, hatten bei der aktuellen Mitgliederbefragung noch 66 Prozent mit nein geantwortet.

Hier geht’s zu den Ergebnissen der Befragung und hier zu einer ersten Bestandsaufnahme nach der Umfrage durch die Bundesgeschäftsführerin der SPD.

Foto: Archiv See-Online/Verleihung des Hecker-Huts an den Münchner OB Christian Ude in Konstanz. Rechts im Bild der Generalsekretär der Landes-SPD Peter Friedrich.

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