Solarstandort Konstanz empört über Wirtschaftsminister Rösler

Green City übt scharfe Kritik an Bundesregierung – Erklärung des Netzwerks Photovoltaik/regenerative Energien Konstanz

Konstanz. Durch ausgezeichnete Arbeits- und Forschungsbedingungen ist Konstanz ein attraktiver Standort für die Solarbranche geworden. In Konstanz haben sich mehrere Solarfirmen angesiedelt. Jetzt sind sie alarmiert und das Netzwerks Photovoltaik/regenerative Energien Konstanz meldet sich zu Wort. Wissenschaftler und Unternehmer empören sich über Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler. Zu den Unterzeichnern gehört auch der Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank. Sie Solarbranche ist genauso wie die IT Branche eine Zukunftstechnologie, auf die der Wirtschaftsstandort Konstanz setzt. Durch eine Entscheidung des Takeda-Konzerns hatten gerade erst das Life Science Network und Konstanz als Standort der Lebenswissenschaften einen schweren Rückschlag hinnehmen müssen. Unumstritten ist die Position der Green City aber nicht: Während die Solarbranche durch die Politik die Energiewende gefährdet sieht, sagen Kritiker, dass Solarlobbyisten nur ihre Geschäftsmodelle verteidigen wollten.

Netzwerk weist Novellierung des EEG zurück

In einer Erklärung von Green City heißt es, Teile der schwarz-gelben Bundesregierung, voran Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), wollten das  Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) in seiner erst kürzlich novellierten Fassung ändern oder gar abschaffen und insbesondere den Ausbau des Solarstroms massiv beschneiden. Sie argumentierten mit den Kosten der EEG-Umlage und verwechselten dabei Vergangenheit und Zukunft.

Solar war neue Technologie

Richtig sei, dass die Kosten für die Erzeugung von Solarstrom in den Anfängen im Vergleich zu anderen Energiequellen höher lagen. „Dies war im Wesentlichen bedingt durch die Entwicklungskosten der Anfangsjahre und die zunächst niedrigeren Stückzahlen der Produktion“, heißt es in der Erklärung. Hierin spiegelten sich also Faktoren wider, die bei der Einführung vieler neuer Technologien eine Rolle spielen.

Solarstrom billiger geworden

Richtig sei aber auch, dass die Kosten pro erzeugter Kilowattstunde durch die Anstrengungen der Solarstrom-Branche in den vergangenen Jahren erheblich gesunken sind. Lege man aktuell (Anfang 2012) Kosten von rund 2.000 Euro je installiertem Kilowatt bei mittelgroßen Aufdachanlagen zugrunde, dann lägen die Erzeugungskosten für Solarstrom bei unter 20 Cent je Kilowattstunde und damit gleichauf mit den Stromkosten (Haushaltsstrom) frei Steckdose.

Eigenstromnutzung im Vordergrund

Die Einspeisung von Solarstrom verliere also gegenüber der Eigenstromnutzung perspektivisch an Bedeutung. Dabei stehe die nächste Absenkung der Einspeisevergütung gemäß geltendem EEG bereits zur Jahresmitte 2012 mit weiteren bis zu 15 Prozent an. Seriöse Gutachten belegten, dass sich der weitere Ausbau von Solarstromanlagen vor dem Hintergrund dieser imposanten Photovoltaik-Lernkurve nur noch geringfügig auf die EEG-Umlage auswirke.

Wider die Deckelung

„Es wäre daher unbegründet, kurzsichtig und industriepolitisch der falsche Weg, gerade jetzt die Einspeisevergütungen noch stärker abzusenken oder gar eine Mengenbegrenzung durch die sogenannte Deckelung einzuführen“, heißt es in der Erklärung.

Photovoltaikindustrie in schwieriger Lage

Die Photovoltaikindustrie befinde sich gegenwärtig in einem schwierigen Marktumfeld und sei auf verlässliche politische Rahmenbedingungen und eine koordinierte Energiepolitik unabdingbar angewiesen. Auf dem Spiel stünden viele zehntausend Arbeitsplätze in der Branche und die erfolgreiche Umsetzung der Energiewende.

Branche braucht verlässliche Rahmenbedingungen

Das Solarenergienetzwerk Konstanz fordert die Bundesregierung und die Politiker aller Parteien auf, das erfolgreiche EEG beizubehalten und verlässliche Rahmenbedingungen für die weitere positive Entwicklung der Photovoltaikindustrie zu gewährleisten.

Kritik an politischer Entscheidung

Es sei fraglich, ob es sinnvoll war, die energieintensive Industrie von der ohnehin schon sehr reduzierten EEG-Umlage ganz zu befreien. Dadurch hat sich die Umlage für die kleinen Haushalts- und Gewerbekunden unnötig erhöht. Das Gegenteil macht Sinn: Volkswirtschaftliche Belastungen solidarisch auf möglichst viele Schultern verteilen.

EEG-Umlage anders berechnen

Die vermehrte Einspeisung von Solarstrom um die Mittagszeit habe eine deutlich strompreisdämpfende Wirkung und führe damit paradoxerweise zu einer Erhöhung der EEG-Umlage. Diese werde ja gerade als Differenz zwischen der (festen) Vergütung und dem (schwankenden) Börsenpreis ermittelt. Es sei dringend geboten, die Berechnung der EEG-Umlage auf eine zeitgemäße Grundlage zu stellen, welche auch die strompreisdämpfende Wirkung (Merit-Order-Effekt) berücksichtige.

Vergleich mit Offshore-Windkraft

Wer bei Solarstromvergütungen von nur noch 24 ct/kWh (Aufdachanlagen bis 30 kW) in der höchsten und 18 ct/kWh in der niedrigsten Vergütungsklasse (Freilandanlagen) mit den „zu hohen Umlagekosten“ argumentiere, müsse konsequenterweise auch die Vergütung für Offshore-Windkraft zur Diskussion stellen. Diese beträgt nämlich bis zu 19 ct/kWh. „Es ist auffällig, dass dazu keine kritischen Stimmen zu hören sind“, heißt es in der Erklärung.

Mehr als 5 Prozent Solarstrom

Die Unterzeichner sind zuversichtlich, dass Deutschland auf dem bestem Wege ist, in den nächsten zwei Jahren die 5 Prozent Hürde des Solarstroms im deutschen Stromnetz zu überschreiten. Die neuen politischen Vorstöße zum EEG von Wirtschaftsminister Rösler gefährden diese positive Entwicklung.

Über das Solarenergienetzwerk Konstanz

Im Solarenergienetzwerk Konstanz haben sich namhafte Unternehmen und Forschungseinrichtungen in und um Konstanz organisiert, welche entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Photovoltaik und in angrenzenden Technologien tätig sind. Ziel des Netzwerks ist es, kostengünstigen Solarstrom im Mix erneuerbarer Energieträger für die zuverlässige Energieversorgung von morgen zu etablieren.

Die Unterzeichner

Die Unterzeichner der Erklärung sind Stadt Konstanz, Horst Frank, Oberbürgermeister und Friedhelm Schaal, Wirtschaftsförderer, Hochschule Konstanz Technik, Wirtschaft und Gestaltung, Dr. Kai Handel, Präsident, Prof. Dr. Gunter Voigt, Vizepräsident Forschung, Prof. Dr. Richard Leiner, Prof. Dr. Udo Schelling, Prof. Dr. Reinhard Nürnberg, Prof. Dr. Thomas Stark, ZHAW – Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften, Prof. Dr. Franz Baumgartner, ISC e.V. – International Solar Energy Research Center Konstanz, Dr. Kristian Peter, Mitglied des Vorstands, Dr. Radovan Kopecek, Mitglied des Vorstands, Rudolf Harney, Mitglied des Vorstands, GP Solar, Dr. Eric Rüland, Managing Director Petra Hoffmann, Managing Director, Centrotherm AG, Dr. Peter Fath, Mitglied des Vorstands, Centrotherm Cell & Module GmbH, Dr. Steffen Keller, Division Director Technology, Sunways AG Michael Wilhelm, Vorstandsvorsitzender, Roland Burkhardt, Mitglied des Vorstands, Jörg von Strom, Mitglied des Vorstands, Jürgen Frei, Mitglied des Vorstands, Stadtwerke Konstanz, Kuno Werner, Sprecher der Geschäftsführung, Von Roll Solar AG, Dr. Olivier Carnal, General Manager, tas2k GmbH – Technisches Ausbildungszentrum für Silizium & Solarenergie Konstanz, Dr. Sven Seren, geschäftsführender Gesellschafter, solarcomplex AG, Bene Müller, Mitglied des Vorstands, Rena GmbH, Dr. Hartmut Nussbaumer, Entwicklungsleiter, zebotec GmbH, Franz Reichenbach, Geschäftsführer, Sunny Solartechnik GmbH, Michael Simon, Geschäftsführer, Zahn Solartechnik, Titus Zahn, Geschäftsführer, neonsee GmbH, Hannes Deuser, Geschäftsführer, Martin Maier, Geschäftsführer, Prof. Dr. Ernst Bucher.

Hintergrund

Mit einem neuen Kürzungsmodell will die Bundesrgierung die Förderung der Solarenergie zurückfahren. Diese soll nicht wie bislang halbjährlich sinken, sondern Monat für Monat. Die Subventionslasten für  Sonnenstrom haben, wie Kritiker warnen, die 100-Milliarden-Euro-Grenze überschritten und gefährden die Energiewende. Das Magazin der Spiegel berichtete zum Beispiel, die Solarpark-Betreiber und Hausbesitzer mit Solarplatten auf dem Dach kassierten 2011 mehr als acht Milliarden Euro Subventionen, trugen aber nur gut drei Prozent zur Stromversorgung bei, und das zu unberechenbaren Zeiten. Eine Wende bei der Förderung von Solar-Energie würde auch Geschäftsmodelle gefährden.

Foto: Rainer Sturm PIXELIO www.pixelio.de

 

3 Kommentare to “Solarstandort Konstanz empört über Wirtschaftsminister Rösler”

  1. Fafnir
    3. Februar 2012 at 17:08 #

    Staatliche Planwirtschaft! In Spanien haben sie aufgrund klammer Kassen die Solarförderungen gestrichen. In Deutschland wird jeder Arbeitsplatz in der Solarbranche mit 250.000 EUR Steuergeld subventioniert. (Aber was heißt „Steuergeld“? Im Fall macht der Staat dafür Schulden.) Hausbesitzer lassen sich die Einspeisevergütung ihrer Solardächer auch vom Hartz-IV-Empfänger bezahlen. Wieso maßt sich eine Regierung an, zu wissen, welche Energieversorgung in 20 Jahren die richtige ist? Würde man alle Solardächer in Deutschland stilllegen, würde die Kilowattstunde Strom statt 24 Cent nur noch 14 Cent kosten. Und wieso will man den Wirtschaftsstandort Konstanz mit politischen Weisungen erzwingen? Und wieso ist die Solarbranche eine Zukunftstechnologie? Das ist reines Wunschdenken.

  2. Jürgen
    4. Februar 2012 at 19:48 #

    Der Preiseffekt an der Börse bedeutet lediglich, dass jede neue PV-Anlage den Solarstrom wertloser macht. Das ist auch klar, da keine Stromerzeugung so punktuell auftritt und am Bedarf vorbei geht. Nur auf den Tag bezogen ist die Last mittags wie das Angebot, übers Jahr ist PV exakt entgegen dem Bedarf, zur Höchstlast am Winterabend gibt es keine PV, so wie an 2/3 der gesamten Jahreszeit auch nicht. Der Meritordereffekt ist auch nur ein betriebswirtschaftlicher Umverteilungseffekt,, die hohen Kosten des Solarstroms ein volkswirtschaftlicher. Die Verrechnung ist falsch. Kann man beim BMU sogar nachlesen. Ferner kann man mit den Solarumrichtern kein Netz betreiben. Die Leistungsfrequenzregelung muss den EE-Strom ausregeln, selber kann der das nicht. Die Privilegien für die PV-Industrie waren nie gerechtfertigt, die Milliarden vergeudet. Umweltfreundlich ist das Ganze auch nicht, wenn man sich anschaut, wieviel Giftmüll bei der Produktion anfällt, welcher für alle Zeit verwahrt werden muss.

  3. Samuel
    11. Februar 2012 at 22:12 #

    Hallo,
    die Pressemittellung finde ich sehr gelungen. Endlich wird der Sachverhalt wieder einmal richtig dargestellt!
    Lieber Fanir und Jürgen. Ich finde es sehr schade, dass nicht nur von einigen wenigen Politikern mit Sonnenallergie und wahrscheinlich Verträgen mit großen Energiekonzernen, sondern auch von ein paar Bürgern die Tatsachen falsch dargestellt werden. Man sollte sich schon vorher selbst informieren, bevor man Artikel, die von Kern und Kohle Lobbyisten veröffentlicht werden, nachblabbert.
    Es kostet schon teilweise Überwindung in ein neues Zeitalter zu treten… das Auto und das Telefon wurden früher auch verteufelt. Entspannt euch ein wenig: die Photovoltaik kommt so oder so. Vor 10 Jahren hatten wir PV-Strom in Deutschland im Promillebereich – dieses Jahr werden es 5% sein. Auch ihr könnt euch sogar ausrechnen, wie es weiter geht. Zu behaupten, dass 2/3 des Jahres kein Strom aus PV-Anlagen generiert wird zeigt auch wieder einmal, wie uninformiert die Leute sind. Es stimmt, dass bei indirekter Sonneneinstrahlung weniger generiert wird, es ist aber nicht 0. Ein gesunder Mix aus regenerativen Energien ist die Lösung. Übrigens: man zahlt wegen der EEG Umlage nicht 10ct pro kWh mehr sondern ca. 4ct und 2 davon wegen PV. Das ist, glaube ich, ein geringer Preis für die Etablierung einer sauberen Energiequelle für die Zukunft. Wenn wir so weiter machen, wird in ca. 3 Jahren keine Förderung mehr notwendig sein.
    Dass auch bei der Produktion von Solarzellen und Modulen, wie bei allen Hightech Verfahren, Chemikalien verwendet werden, ist klar. Die Ökobilanz für Solarzellen ist sehr positiv und die Forschung arbeitet daran dies noch besser zu machen.
    Also bitte: erst informieren, dann erst kommentieren.

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