„Sommer '39“ bewegt eine ganze Stadt

Ein Tag vor 70 Jahren: Auch Überlinger Kinder hätten Fragen an Eltern

rosgartenmuseum 2)Konstanz (wak) Mehr als 19.000 Besucher haben in Konstanz die Ausstellung „Sommer ’39 – Alltagsleben am Anfang der Katastrophe“ gesehen. Erwachsene Kinder kamen mit ihren alten Eltern. Der „Sommer ’39“, die Ausstellung, die vom Zweiten Weltkrieg und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft berichtet, hat die Museumsbesucher berührt und aufgewühlt wie es kaum eine andere Schau im Konstanzer Rosgartenmuseum je getan hat. Museumsdirektor Tobias Engelsing hätte es sich auch einfacher machen können und eine zusammen geliehene Ausstellung zeigen können wie es die Städtische Galerie „Fauler Pelz“ in Überlingen gern macht. Auch ins Städtische Museum in Überlingen würde eine zeitgeschichtliche Ausstellung besser passen als eine Kunstausstellung. Kulturreferent Michael Brunner hat aber offenbar andere Interessen.

Sommer im Freibad Horn

rosgartenmuseum 1)Der „Sommer ’39“ knallte mitten in den Sommer 2009. Die Bilder schienen sich zu gleichen: Die Konstanzer trafen sich am Hörnle oder sonnten sich im Rheinstrandbad. 1939 sang Schlagerstar Rosita Serrano im Konzil – 2009 sollte Oasis bei Rock am See im Bodensee Stadion spielen. Die Ausstellung „Sommer ’39“ holt die Besucher in ihrem Alltag ab, machte sie neugierig und bewegte die Konstanzer dazu, noch einmal auf Dachböden zu steigen und alte Fotoalben heraus zu kramen. Ähnliche Schätze bergen und sie als Leihgaben dem Städtischen Museum überlassen könnten sicher auch Überlinger Familien. Alltagsgenstände aus der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft würden gut ins Städtische Museum passen, dass Alltagsgegenstände aus vielen Epochen zeigt und dessen Konzept es ist, es so aussehen zu lassen als ob eine Überlinger Familie den Raum gerade erst verlassen hätte.

Gespräch der Generationen

Schon am Ende des Sommers 2009 war es Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Sie fiel, nicht nur, was die Besucheranzahl angeht, positiv aus. „Kinder fragen ihre Eltern“, berichtete ein begeisterter Tobias Engelsing, Historiker und Direktor der Städtischen Museen. Er hatte schon in den ersten Ausstellungswochen unzählige Gespräche geführt und Gruppen aus Deutschland und der Schweiz die Ausstellung gezeigt. Die „Kriegskindergeneration“, Frauen und Männer, die heute zwischen 65 und 80 Jahre alt sind, haben die Sonderausstellung besucht. Manche, sagt Engelsing, kamen mehrmals, erinnerten sich erst wieder und brachten dann ihre Kinder mit. Engelsing spricht vom Bildungsauftrag, den das Museum hat, und von einem „Gespräch der Generationen“, das Familien im Museumsgarten miteinander führten.

Von Opfern und Tätern

„Alles kann traumatisierend sein“, sagt Engelsing. Im Sommer vor 70 Jahren, als der Krieg begann, waren die jungen Konstanzer Mitläufer, Täter und Opfer. Das Verhältnis zu den Schweizern änderte sich radikal. Dass sie Schau den Konstanzern – und übrigens auch den Nachbarn – nahe geht, dürfte viel damit zu tun haben, dass das Museum einfach nur Alltägliches zeigt. Museumsdirektor Engelsing, der lange Jahre als Lokaljournalist in Konstanz gearbeitet hat, hat nicht zufällig viel Mühe auf die Texte im Ausstellungskatalog und Flyer verwandt. Er beschreibt anschaulich und schnörkellos – genauso wie er die Ausstellung aufgebaut hat.

Fangfrische Felchen

Typisch sind Momentaufnahmen: „Der Sommer 1939 ist heiß und schön“ oder Sätze wie „Fischhändler Einhart inseriert fangfrische Felchen.“ Der Ausstellungsbesucher ahnt: Ein bisschen könnte der Sommer ’39 wie der heiße unbeschwerte Sommer ’09 gewesen sein – nur dass heute vielleicht nicht mehr so viele Felchen im See schwimmen und vor 70 Jahren die Katastrophe begann. Der lohnende Ausstellungskatalog ist in einer ersten Auflage von 2.000 Exemplaren erschienen. 95.000 Euro wird die Reise zurück in den „Sommer ’39“ am Ende gekostet haben. 30.000 Euro kamen durch Spenden zusammen.

Nicht für Juden

rosgartenmuseum 12)Die Ausstellung, die ein Erzählexperiment sein will, ist so etwas wie das „Gedächtnis der Stadt“, sagt Engelsing. Der Rundgang durch die Schau beginnt an einem Badehäuschen. Ein Schwarzweißfoto zeigt junge Frauen und Männer in Badebekleidung. „70 Prozent unserer Ausstellungstücke sind Leihgaben aus Familien“, erzählt Engelsing. Bilder zeigen den Krieg, der scheinbar als Abenteuer begann. Zu sehen ist das Gebetsbuch eines jüdischen Mädchens, das es zum Abschied einer arischen Freundin schenkte. Der mächtige Ledermantel eines Gestapo-Mannes ist genauso ausgestellt wie das Bündel Briefe, das nach Konstanz zurück kam, weil der Adressat gefallen war. An einer Parkbank ist ein Schild „Nicht für Juden“ angeschraubt.

Noch bis 10. Januar verlängert

Kultur ist nicht apolitisch, sagt Engelsing. Der Museumsdirektor macht keinen Hehl daraus, dass er von elitären Ausstellungen, die sich nur ein paar Bildungsbürger anschauen, nur wenig hält. Er zeigt lieber Elastolin-Soldaten und hilft Schulklassen zu verstehen, was sie so besser begreifen können als in einer abstrakten History-Doku m Fernsehen. Die Ausstellung „Sommer ’39“ ist verlängert worden und noch bis 10. Januar im Konstanzer Rosgartenmuseum zu sehen.

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