Streitfall Wilhelm-von-Scholz-Weg

Straßenbenennungskommission trifft Entscheidung

Konstanz (wak) Die Ruhestätte des Dichters Wilhelm von Scholz befindet sich auf dem „Allmannsdorfer Friedhof“ in Konstanz. Sie sollte 2008 abgeräumt werden, wurde dann aber unter Denkmalschutz gestellt. Bis heute gibt es in Konstanz auch noch einen Wilhelm-von-Scholz-Weg, dessen Umbenennung aber heftig diskutiert worden ist. Am heutigen Montag tagte in Konstanz die sogenannte Straßenbenennungskommission. Die Linke Liste Konstanz forderte vorab, den Weg, der zur Konstanzer Bodensee-Therme führt, in Zukunft nach Konstanzern zu benennen, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Hitler nicht verherrlicht hatten und auch keine Mitläufer waren, sondern Widerstand leisteten.

Seit zwei Jahren Streit um Wilhelm von Scholz

Seit zwei Jahren schwelt in Konstanz die Auseinandersetzung um den wegen seiner Haltung im Dritten Reich umstrittenen Dichter Wilhelm von Scholz (1874-1969). Nachdem die Mehrheit des Gemeinderats mit dem Versuch scheiterte, das Familiengrab auf dem Allmannsdorfer Friedhof einzuebnen, wird aktuell darüber diskutiert, den Wilhelm-von-Scholz-Weg umzubenennen.

Tiefe Gräben von Konstanz bis Greifswald

Debatten wie die, die derzeit in Konstanz geführt wird, gibt es an vielen Orten. Oft geht es um Straßennahmen, um die Namen von Schulen und Hochschulen. Für Schlagzeilen gesorgt hatte zuletzt die Greifswalder Universität. In der vergangenen Woche stimmten die Greifswalder Studenten über den Namen ihrer Universität ab. Im März soll der Senat dann endgültig entscheiden, ob die Uni weiter nach Ernst-Moritz Arndt heißen soll. Ernst Moritz Arndt (1769-1860), Literat, Historiker und bisher Namenspatron der Greifswalder Uni, gilt als „Judenhasser“ und „Franzosenfresser“. In Greifswald studierte er Theologie und lehrte später an der Uni. Kritiker bezeichnen ihn als Vordenker des „Dritten Reichs“ und als Judenfeind. Eine Studenteninitiative wollte den ungeliebten und umstrittenen Namen Arndt streichen, eine knappe Mehrheit stimmte in Greifswald aber überraschend für Arndt.

Die wissenschaftliche Karriere von Scholz

Wilhelm von Scholz wurde als Sohn des späteren preußischen Finanzministers Adolf von Scholz geboren, wuchs zunächst in Berlin auf und bezog 1890 mit seinem Vater das Familiengut „Schloss Seeheim“. Die alte Villa beim Konstanzer Freibad Horn heißt im Volksmund bis heute „Villa Scholz“. Nach dem Abitur am Konstanzer Gymnasium studierte Scholz Literaturgeschichte und Philosophie. 1897 wurde er an der Ludwig-Maximilians-Universität München promoviert. Er hatte über die Lyrikerin Annette von Droste-Hülshoff geschrieben.

Noch ein Fall – Ludwig-Maximilians-Universität

Ausgerechnet der Name der Münchner Universität, an der Scholz seinen Doktor machte, ist aber ebenfalls fast so umstritten wie der Name des Wilhelm-von-Scholz-Weges in Konstanz: Münchener Studenten forderten jahrzehntelang, die Uni in „Geschwister-Scholl-Universität“ umzubenennen, um an den Widerstand der Gruppe die „Weiße Rose“ zu erinnern. Die Ludwig-Maximilians-Universität, heißt aber weiterhin nach dem Gründer Herzog Ludwig, der als Judenhasser galt.

Aufstieg des Wilhelm von Scholz

Noch während des Ersten Weltkriegs wurde Wilhelm von Scholz 1916 erster Dramaturg und Spielleiter am Hof- bzw. Landes-Theater Stuttgart. Im November 1926 wurde Scholz Präsident der Sektion für Dichtkunst in der Preußischen Akademie der Künste. Von diesem Amt trat er jedoch bereits 1928 wieder zurück und zog wieder nach Konstanz.

Glorifizierende Verse auf Hitler

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten unterzeichnete er am 16. März 1933 eine Loyalitätserklärung der Deutschen Akademie der Dichtung. Im Oktober 1933 gehörte er zu den 88 Schriftstellern, die das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichneten. 1939 nahm er seine früheren philosemitischen Äußerungen zurück. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung Polens publizierte er in der nationalsozialistischen „Krakauer Zeitung“. Noch 1944 schrieb er in der Anthologie „Lyrik der Lebenden“ glorifizierende Verse auf Hitler. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nahm Adolf Hitler Scholz im August 1944 in die „Gottbegnadeten-Liste“ der wichtigsten Schriftsteller auf, was ihn von einem Kriegseinsatz, auch an der Heimatfront befreite. Nach Kriegsende wurden zwei seiner Werke in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt. (Mehr Infos über den Dichter gibt’s unter http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Scholz.)

Linke Liste spricht von „ geiferndem Antisemiten“

Die Linke Liste Konstanz behauptet nun, eine Mehrheit der Konstanzer Bevölkerung und auch des Gemeinderates sei dafür, den Scholz-Weg umzubenennen. „Bis zum letzten Kriegstag gebärdete sich der Dichter als geifernder Antisemit und bekannte sich zum Nationalsozialismus. Noch kurz vor Ende des Krieges forderte Scholz in einem Zeitungsartikel die hiesige Jugend auf, sich für das mörderische NS-System abschlachten zu lassen. Die Umbenennung des Weges ist überfällig“, so Stadtrat Holger Reile.

Hermann-Hesse-Weg zu einfallslos

Weiter heißt es in der Erklärung: „Am 18.Januar wird die Straßenbenennungskommission darüber beraten. Offensichtlich will man den Scholz-Weg in Herrmann-Hesse-Weg umbenennen. Das ist uns von der LLK zu dürftig und auch zu einfallslos. Gerade bei einer Entscheidung, die eng verbunden ist mit dem historischen Gewissen einer Stadt, sollte sorgfältiger vorgegangen werden.“

Weg nach Konstanzer Verfolgten benennen

Der Stadtrat aus der Fraktion der Linken stellt klar: „Nichts gegen Herrmann Hesse, der erklärter Antifaschist war. Wir aber plädieren dafür, bei der Umbenennung vor allem an Konstanzer Bürgerinnen und Bürger zu erinnern, die für ihren Mut mit ihrem Leben bezahlen mussten.“ Die Linke Liste macht denn auch gleich ein paar Vorschläge: Das Konstanzer Ehepaar Risch, damals wohnhaft in der Scheffelstraße 8, habe sich offen gegen den Nationalsozialismus ausgesprochen und wurde daraufhin von Mitarbeitern ihres eigenen Betriebes denunziert. Der Volksgerichtshof verurteilte die Konstanzer wegen sog. defaitistischer Äußerungen und Wehrkraftzersetzung Ende 1943 zum Tode durch das Schafott. Würdig um als Namensgeber zu fungiere,n wäre aus Sicht der Linken aus das Konstanzer Ehepaar Durst aus der Turnierstraße 26. „Zwar gibt es nicht sehr viele Unterlagen, doch klar ist: Schon in den 30-er Jahren brachten die beiden politisch Verfolgte über die Grenze in die Schweiz und schmuggelten illegale Druckschriften von der Schweiz nach Deutschland. Die Dursts haben fast täglich ihr Leben riskiert und wurden dafür von der Gestapo im Mai 1938 verhaftet, eingesperrt und abgeurteilt“, heißt es in einem Papier der Linken.

Vorsicht mit vorschnellen Urteilen

Wahr ist sicherlich, dass es eine ganze Reihe von Konstanzern gibt, nach denen Straßen oder Plätze benannt werden könnten. Doch wo anfangen und wo aufhören? Zur Erinnerung: 1946 wurde der Sozialdemokrat Fritz Arnold zuerst Oberbürgermeister und dann Technischer Bürgermeister in Konstanz. Zuvor, nach seiner Absetzung 1933, hatte der Offizier und Ex-Bürgermeister ungeduldig darauf gewartet, „dass ihn Hitlers Wehrmacht mitmachen lässt“, schreibt der Historiker und Direktor der Städtischen Museen, Tobias Engelsing, im Katalog zur im Januar gerade erst zu Ende gegangenen Ausstellung „Sommer ’39 – Alltagsleben am Anfang der Katastrophe“. War Fritz Arnold, nach dem eine Straße in Konstanz benannt ist, deswegen ein Militarist? Oder was ist mit dem Namen Stromeyer? 1885 kaufte das Unternehmen am Seerhein in Konstanz ein 150.000 Quadratmeter großes Gelände auf und baute darauf eine Fabrik. Bis heute heißt das Quartier noch Stromeyersdorf. Hauptabnehmer der Stoffe aus der Fabrik waren anfangs die Eisenbahnen und das Militär. Auch während des zweiten Weltkrieges produzierte Stromeyer für die deutsche Wehrmacht militärische Artikel, für deren Herstellung Kriegsgefangene eingesetzt wurden.

Foto: wak

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