Studiticket steckt in Sackgasse

Studentische Vollversammlung an Uni Konstanz beschließt Proteste

Konstanz (wak) Das Konstanzer Studiticket könnte vor dem Aus stehen. Seit der ASTA der Universität Konstanz am Mittwochabend, kurz bevor die Konstanzer in den Schmotzigen Dunschtig taumelten, die Urabstimmung zum Studententicket ausgezählt hatte, ist raus: Die Mehrheit der Studierenden ist mit der von den Konstanzer Stadtwerken beabsichtigten Preiserhöhung nicht einverstanden. 1717 Studenten stimmten in der Abstimmung für Proteste. Es geht um die Umverteilung von mehreren hundert tausend Euro aus Studententaschen in die Kasse der Busbetriebe. Am Rosenmontag will sich der ASTA mit seinem weiteren Vorgehen befassen.

Zur Abstimmung standen Vorschläge der Stadtwerke

Von 38 Euro auf mindestens 52 Euro möchten die Stadtwerke das Studententicket verteuern. Zwei Alternativen hat das Unternehmen, das den Stadtbus betreibt, vorgeschlagen. Entweder das Ticket kostet in Zukunft 52 Euro pro Semester und alle Studierenden der Universität Konstanz zahlen einen Solidarbeitrag von 15 Euro pro Semester, so die Stadtwerke, oder ein Ticket kostet ab dem kommenden Wintersemester 59 Euro und alle Studierenden auf dem Gießberg zahlen einen Solidarbeitrag von 12,50 Euro pro Semester. Der Solidarbeitrag ist eine Zwangsabgabe – im Gegenzug dürfen alle Studierenden mit Ausweiß ab 19 Uhr in Konstanz kostenlos mit dem Linienbus fahren. 9525 Studierende wären wahlberechtigt gewesen. Abgestimmt haben 2079, was eine Wahlbeteiligung von 21,83 Prozent ergibt. Fabian Parsch vom ASTA legt Wert auf die Feststellung, dass das eine vergleichsweise hohe Wahlbeteiligung war. Bei der Uniwahl hatten nur 1492 Studenten ihre Stimme abgegeben.

Studierende stimmen für Proteste

Das Wahlergebnis war eindeutig: 80 Prozenten der Studenten kreuzten bei der ersten Option nein an, bei der zweiten waren es sogar 92 Prozent. 93 Prozent oder 1717 schließlich stimmten für Proteste für den Fall, dass beide Vorschläge für eine Preiserhöhung von der Mehrheit der Studenten abgelehnt würden. Genau das ist nun passiert, weshalb in Konstanz die Wahrscheinlichkeit steigt, dass demnächst 1717 Studenten lautstark protestieren. Das Studententicket steckt zumindest in einer Sackgasse. Noch steht zwar das Votum der Studierenden der HTWG am Seerhein aus. Sollten sich die Stadtwerke aber nicht bewegen, könnte es mit den Unistudenten bald gar kein Studiticket mehr geben.

SPD Seite an Seite mit Studenten

Die erst vor wenigen Wochen gewählte neue Vorsitzende des Konstanzer SPD-Ortsvereins, Natalie Wöllenstein, beeilte sich und versandte noch am Abend der Auszählung eine Erklärung: „Die Konstanzer Sozialdemokraten begrüßen das Ergebnis der Urabstimmung unter den Studierenden der Universität Konstanz zum Studi-Ticket als klare Verhandlungsposition gegenüber den Stadtwerken.“ Natalie Wöllenstein in der Erklärung wörtlich: „Eine breite Mehrheit hat sich gegen die überhöhten Angebote der Stadtwerke zur Erhöhung der Semesterticket-Preise ausgesprochen. Das ist ein klares Signal für die Verhandlungsführer auf Studierendenseite, dem sich auch die Stadtwerke nicht verschließen können.“ Die hohe Wahlbeteiligung verdeutliche nach Ansicht der SPD den hohen Stellenwert, den das Thema ÖPNV auch im studentischen Umfeld habe.

Umverteilung aus schmalen Studentengeldbeuteln

Ist das Angebot der Stadtwerke aber tatsächlich ein so überhöhtes wie Studenten und SPD behaupten? Die Differenz dürfte für Käufer eines Studitickets pro Semester gerade einmal 14 Euro betragen. Auf den Monat umgerechnet wäre das etwa 2,30 Euro. Allerdings würde auch der Solidarbeitrag aller einen Sprung von 9,70 Euro auf 15 Euro machen. Zum Vergleich: Ein Studententicket kostet 38 Euro pro Semester, das sechs Monate dauert, ein Schülerticket kostet 26 Euro pro Monat und ein Umweltticket 39 Euro. Berufstätige, die auf den Bus angewiesen sind, kaufen sich ein Umweltticket – viele arbeiten zu vergleichsweise niedrigen Löhnen oder in Teilzeit zum Beispiel im Handel. Fair ist der Vergleich oder gar das Umrechnen des Studitickets auf einen Monatspreis aber trotzdem nicht: Denn einen Solidarbeitrag, der den Stadtwerken fixe Einnahmen garantiert, bezahlen Berufstätige schließlich nicht. Derzeit gibt es in Konstanz immerhin 13.000 bis 14.000 Studenten an der Uni und der HTWG. Etwa 7.000 haben ein Studiticket. Zusammen zahlen die Studenten also – inklusive des Zwangsbeitrags – ungefähr: 13.000 x 9,70 Euro + 7.000 x 38,00 Euro. Das macht 392.100 Euro pro Semester. In Zukunft könnte die Rechnung, ginge es nach den Stadtwerken so aussehen: 13.000 x 15,00 Euro + 7.000 x 52,00 Euro. Das wären 559.000 Euro pro Semester oder ein Plus von 166.900 pro Semester oder von 333.800 Euro pro Jahr. Die Stadtwerke hätten also eine satte Mehreinnahme aus Studentengeldbeuteln. Eine solche Betrachtung macht die Heftigkeit des Widerstands erst verständlich: Unterm Strich geht es eben nicht nur um ein paar Euro pro Monat. Dass Studierende empfindlich reagieren, ist kein Wunder: Es geht schließlich nicht nur um ein Busticket, sondern auch um Studiengebühren, Mieten, rare Ferienjobs und alles, was Studierenden den Zugang zu Hochschulen sonst noch erschwert. Nirgendwo gibt es einen so engen Zusammenhang zwischen Bildungschancen und sozialer Herkunft wie in Deutschland. Die Zahl der Arbeiterkinder, die es an eine Universität schaffen, ist schon wieder geringer geworden. So gesehen könnte sogar die heftige Reaktion der Konstanzer SPD-Vorsitzenden Sinn machen.

Foto: Studierende an der Uni Konstanz, Michael Latz Universität Konstanz

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