Szene-Treff drittes Stuttgarter Barcamp endet am Sonntagmittag

Über Sessions, Trends, „Techie“-Sprech, #bcs3 und viele Sponsoren

Stuttgart. Die Stuttgarter können alles. Sogar Sponsoren organisieren. Am zweiten Wochenende im September hat sich die Web 2.0 Community beim Barcamp in Stuttgart getroffen. Etwa 250 Blogger und „Techies“ nahmen an der Unkonferenz teil. Zwei Tage  lang tauschte sich die Web 2.0 Szene im Literaturhaus über Trends im Netz, die Programmiersprache HTML 5, Recht und Web 2.0, die Emotionalität von Websites oder die Notwendigkeit von Apps aus.

Twitter und alles, was Recht ist

Ein Thema, das praktisch alle angeht, die im Web 2.0 unterwegs sind, ist das Thema Recht. Carsten Ulbricht von der Stuttgarter Kanzlei Diem und Partner www.rechtzweinull.de ist ein Experte. In seiner Sessions ging es um Twitter, Social Media, Blogs und alles, was Nutzer unbedingt über „Dos“ und „Dont`s“ wissen sollten. Los geht es schon beim Account Name, der zum Beispiel keine Markenrechte verletzten darf. Fake Accounts sind erlaubt. Prominamen oder Zeitschriftentitel sind tabu. Einen Namen checken können Einsteiger unter www.namechk.com.

Vorsicht vor Abmahnanwälten

Aufpassen müssen alle, die einen Twitteraccount haben, auch beim Profilbild. Zu beachten sind Urheberrechte, das Recht am eigenen Bild und auch dass Markenzeichen, wie der Mercedesstern, nicht erlaubt sind. Firmen, die twittern, haben eine Informationspflicht. Nötig ist ein Link zum Web, wo das Impressum mit zwei Klicks erreichbar sein muss. Für Ebay und Facebook besteht die Impressumspflicht noch nicht. Das Problem: Wer einen rechtlichen Fehler macht, kann leicht zum Opfer von Abmahnanwälten werden.

Besser die eigene Meinung twittern

Ulbricht wies, die Inhalte von Tweets betreffend, darauf hin, dass Tatsachenbehauptungen objektiv nachweisbar sein müssen, während der Artikel 5 GG die Meinungsfreiheit schützt, so dass Meinungsäußerungen eher unproblematisch sind, solange sie die Grenze zur Beleidigung und Verschmähung nicht überschreiten. In der Vergangenheit sind bereits Nutzer von Twitter wegen Tweets verklagt worden.

Linkhaftung nicht ausgeschlossen

Unternehmen müssen beim Twittern zudem das Wettbewerbsrecht im Auge behalten. Direct Messages können als Spam deklariert werden. Werbemails sind nur mit Zustimmung der Empfänger erlaubt. Massenmails sind nicht erlaubt. Vorsicht geboten ist grundsätzlich auch bei Links. Dass es keine Linkhaftung gibt, ist falsch. Wer rechtswidrige Seiten verlinkt und sich den Inhalt zueigen macht und sich nicht individuell distanziert, hat ein Problem.

Urheberrecht und Zitate

Wer eigene Inhalte und damit eine persönliche geistige Schöpfung ins Netz stellt, kann sich aufs Urheberrecht berufen. Allerdings muss eine „hinreichende Schöpfungshöhe“ erreicht sein. Fotos im Netz sind grundsätzlich urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht verwendet werden. Bei Texten sind Zitate erlaubt. Auch ein Screenshot ist ein Zitat.

Notwendige Schöpfungshöhe bei Tweets nicht erreicht

Wer in seinem Blog Tweets zitieren möchte, kann das tun. In 140 Zeichen werde die notwendige Schöpfungshöhe nicht erreicht, so Ulbricht. Retweeten ist ebenso erlaubt, weil Tweets nicht urheberrechtlich geschützt sind. Problematisch wäre allerdings aus Datenschutzgründen die Nennung des Accountnamens.

Kommentare müssen nicht freigeschaltet werden

Wichtig für Blogger und Forenbetreiber, die Kommentare auf ihren Seiten zulassen: Der Plattformbetreiber oder Diensteanbieter muss Kommentare nicht freischalten. Es gibt keine Pflicht zur Vorabkontrolle. Verantwortlichkeit beginnt, wenn Rechte Dritter verletzt werden, erst ab Kenntnis. Die Regel heißt „Notice“ und „Take Down“. Dass der Diensteanbieter Kenntnis hatte, muss die Gegenseite nachweisen. Es reicht, den Inhalt dann zu löschen. Für Abmahnungen und Unterlassungserklärungen gibt es keine Rechtsgrundlage.

Webstore ist Marketing – Apps nicht zwingend

Um ein anderes spannendes Thema, um Mobile Web-Anwendungen, ging es in einer anderen Session, über die www.cocktailberater.de mit Interessierten diskutierte. Merke. Endkunden, also Firmen, die Websites betreiben, und Informatikdienstleistern haben nicht dasselbe Interesse. Die Frage lautete: Brauchen alle Unternehmen ein App, das Nutzer im Apple Store kaufen können? Die Antwort heißt in diesem Fall offenbar eher nein. Nützlicher sei eine einfache Version fürs Web mit reduzierten Inhalten. Ein App sei eher ein Marketinginstrument – ähnlich wie eine Zeitungsanzeige. Das sei bei 50 Prozent der Firmen so. Geld werde über Apps kaum verdient. „Hat schon jemand etwas mit Apps gemacht?“, fragte ein Sessionteilnehmer. Problematisch sind Apps auch, weil es für verschiedene Geräte wie das iPhone oder das Google Androide Handy unterschiedliche Apps braucht. Fünf verschiedene Apps zu entwickeln, nütze am ehesten der Softwarefirma. Das ist so, auch wenn iPhone-Besitzer bei nur aufs Web angepassten Seiten auf ein paar Bedienelemente verzichten müssten.

Emotionen auf Websites

Ein Thema, das sich gleich durch mehrere Sessions zog, war das der Emotionalität von Websites. Die Konstanzer Softwareautorin Ute Hauth diskutierte in ihrer Session mit den Sessionteilnehmern darüber, welche Web Sites emotional sind. Wie seriös muss eine Seite sein? Wie viel Humor ist erlaubt? Wann wird es albern? Wie funktioniert Kommunikation? Welche Seiten sprechen den Verstand an und welche bewegen? Eine originelle Teamvorstellung kann witzig sein, während sich Nutzer bei einer Blödel 404 Fehler Seite eher auf den Arm genommen fühlen könnten. Professionell müssen auch emotionale Seiten zwingend wirken. Eine Agentur, die sich kompetenter und kreativer als eine andere präsentieren möchte, muss sich etwas Pfiffiges einfallen lassen. Die Maxime heißt aber: Funktionalität hat Vorrang.

Unsexy Shops im Netz

Unsexy können aber nicht etwa nur Websites von Unternehmen sein, sondern auch Onlineshops. Eigentlich wisse jeder, was man mache oder eben nicht, so ein Suchmaschinenoptimierer in seiner Session. Er berichtete von Fehlern wie dass, das Ablaufdatum der Kreditkarte nicht eingegeben werden kann, oder dem Onlineanbieter von Autoreifen, der keine Preise angibt und auf dessen Seite sich potenzielle Kunden erst einmal einloggen müssen. In einem anderen Fall gibt es eine Info über Versandkosten erst nach Bestellung einer Ware per Mail. Offenbar gibt es auch noch immer Shops, bei denen Bestellungen nicht ausreichend sicher sind.

Online Einkaufen muss sexy sein

Alles nur nicht sexy ist auch eine Seite, die aus einer Textwüste besteht. Bis zum Produkt würde niemand scrollen. „Das spricht nicht an“, so der Suchmaschinenoptimierer. Schlechte oder gar keine Fotos sind ein Lustkiller. „Einkaufen muss Spaß machen.“ Emotionen müssten geweckt und das Design entsprechend angepasst werden. Irreführende Domainnamen sind ein weiterer verhängnisvoller Fehler. Ein Beispiel: Die Bezeichnung FlorisXX: Statt Blumen gibt es auf der Seite Sonnencreme zu kaufen. Wer einen Onlineshop eröffnen wolle, müsse mindestens 8000 bis 12 000 Euro investieren. Ohne Design, Rechtsanwalt für die AGBs, ausreichend Serverplatz oder Webspace und ein Marketingkonzept gehe nichts.

Open Source kontra selbst entwickelte Software

Ein weiteres Thema, das sich gleich durch mehrere Sessions zog, war das Thema Open Source. Egal, ob es um Onlineshops oder eine Onlinezeitung wie see-online geht, die sich auf dem Stuttgarter Barcamp nach ihrem Relaunch neu vorstellte, sei es sinnvoll, Open Source zu benutzten. Solange es mit einem Programm von der Stange gehe, sollten Seitenbetreiber unbedingt Open Source Programme wie zum Beispiel WordPress nutzen. Ansonsten machten sich Plattformbetreiber zu sehr von einem Programmierer abhängig, so die Botschaft. „Wenn der Programmierer unter einen LKW kommt, habt Ihr ein Problem.“ Auch eine ganze Softwarefirma könnte mit dem Flugzeug abstürzen, wandte ein Teilnehmer bei der see-online Session ein. Ganz so schlimm wäre es aber in diesem Falle nicht: see-online läuft weiterhin auf WordPress. Verzichtet hat see-online lediglich auf einige Plugins, die bei der Ursprungsversion erhebliche Probleme verursacht hatten. Die Richtung ist klar: So viel WordPress wie sinnvoll und nur so viel vom Informatikdienstleister miradlo in Konstanz programmierte Software wie nötig. Software ist wie ein Auto kaufen Vertrauenssache. Wer kein Fachwissen hat, muss sich auf einen Dienstleister verlassen.

Teilnehmer ziehen positive Fazits

Die meisten, die beim Szenetreff in Stuttgart dabei waren, zogen am Samstagabend eine positive Zwischenbilanz. Wichtig waren der Austausch, das Sehen und Gesehen werden, private Sessions am Rande und persönliche Begegnungen von Menschen, die ansonsten im Netz kommunizieren. Die meisten Teilnehmer kamen übrigens aus der Region Stuttgart. Unter ihnen waren etwa zwölf Prozent Frauen. Auch aus Konstanz waren einige nach Stuttgart gefahren. Der Student Thomas Heidrich sagte: Er sei habe zum Beispiel an der HTML 5 Session teilgenommen und Informationen „live“ vermittelt bekommen, über die er sonst hätte in der Fachliteratur lesen müssen. Der „Techie“, der nach dem Blogcamp in Zürich in Stuttgart an seinem zweiten Barcamp teilnahm und seine erste Session hielt, sagte, er habe vom Barcamp profitiert. Diplom-Informatikerin Ute Hauth, die eine ältere Häsin mit jeder Menge Barcamp Erfahrung ist, bot zwar ebenfalls eine Session an. Statt andere Sessions zu besuchen, nutzte sie aber die Zeit vor allem für Fachgespräche am Rande. Wer konkrete Fragen hat, bekommt beim Barcamp unkompliziert Antworten, die viel Recherche ersparen können, sagte sie. Außerdem sei es wichtig, sich in der Szene zu zeigen. Die letzten Sessions fanden am Samstagabend übrigens noch nach dem Abendessen statt. Beide Barcamptage waren von großzügigen Sponsoren finanziert. Zu Ende gingen die Sessions erst am Sonntag. Das nächste Barcamp in Stuttgart ist am 12. November.

Mehr Infos:

http://bcstuttgart3.mixxt.de

2 Kommentare to “Szene-Treff drittes Stuttgarter Barcamp endet am Sonntagmittag”

  1. Ute
    12. September 2010 at 18:00 #

    Schöner Artikel vom gewohnt top organisierten Barcamp Stuttgart, dankeschön. :)

    Techies ziehen es ja vor HTML 5 nicht als Programmiersprache zu bezeichnen, sondern als Markup-Language…

    Ergänzend noch: auch die von miradlo eingesetzte Software die WordPress ergänzt ist freie und offene Open-Source-Software auf Basis von PHP, dem Standard im Web derzeit. :)

    Das nächste „echte“ Barcamp in Stuttgart wird höchstwahrscheinlich nächstes Jahr im September stattfinden. Das am 12. November stattfindende Creativity & Communication Camp ist themenspezifisch und findet erstmals statt.

  2. Thomas Heidrich
    13. September 2010 at 12:27 #

    Über die Geschichte, was HTML5 ist, kann man sich streiten. Für mich ists nicht mehr als ein Standard, in welchem steht, was ein Webbrowser unterstützen muss, um sich selbst HTML5-fähig nennen zu dürfen. CSS3, JavaScript und HTML5.0 sind glaube ich die Sprachen

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