Takeda erhöht Abfindungen und verbessert Image

Nycomed-Chefs entzweien die Konstanzer Belegschaft – Arbeitsrechtler rät zur individuellen Prüfung des Angebots

Konstanz. Takeda bietet Schnellentschlossenen zum Abschied einen goldenen Handschlag an statt mit den Arbeitnehmervertretern in langwierige, zähe Verhandlungen über einen neuen, für die Arbeitnehmer besseren Sozialplan zu treten. Michael Wirlitsch, Fachanwalt für Arbeitsrecht, sagte, dass Angebot des Unternehmens komme für ihn nicht vollkommen überraschend. Takeda gehe es auch um das Image des Konzerns, der auf dem deutschen Markt Medikamente verkaufen wolle. Ob das Angebot zum einvernehmlichen Ausscheiden gut oder schlecht sei, hänge von der individuellen Situation ab. Einen pauschalen Rat könne er nicht geben, sagte der Konstanzer Arbeitsrechtler am Donnerstag See-Online.

Zeit läuft

Es geschah am vergangenen Mittwoch, dem Tag nach dem Valentinstag, als Nycomed/Takeda seinen Mitarbeitern ein scheinbar unwiderstehliches Angebot machte. Das passierte nicht aus Nettigkeit. Die Geschäftsleitung informierte in einem Newsletter über das „Angebot zum Einvernehmlichen Ausscheiden“. Nur wenige Stunden später empörten sich auch schon der Betriebsrat und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie bereits lautstark über das ihrer Meinung nach unanständige Angebot.

Takedas Konter

Die Arbeitnehmervertreter wollten sich Zeit lassen und über einen neuen Sozialplan und eine Transfergesellschaft verhandeln. Die Arbeitnehmerseite durfte sich der öffentlichen Solidarität gewiss sein und drohte unverhohlen nach der großen Demonstration im Januar auch noch mit weiteren aufsehenerregenden Protestaktionen. Mit ihrem Angebot vom Mittwoch machten die Bosse der Arbeitnehmerseite nun aber einen Strich durch die Rechnung.

Pokerspiel hat begonnen

Das Schlimmste aus Sicht von Betriebsrat und Gewerkschaft dürfte sein: Das Angebot entzweit Betriebsrat und Belegschaft und auch die Mitarbeiter untereinander. Die einen möchten schnell Klarheit, andere wollten ihren Abschied so lange wie möglich hinauszögern. Wenn von den 700 Beschäftigten, die ihre Stelle verlieren sollen, ein paar Hundert das Angebot annehmen, braucht der Betriebsrat nicht mehr weiterzuverhandeln. Seine Position ist dann so geschwächt, dass kaum mehr Aussicht auf einen Verhandlungserfolg besteht. Das Pokerspiel hat begonnen.

Brutto-Monatsgehälter zusätzlich

Manches, was die Arbeitnehmerseite erst noch hätte erkämpfen müssen, legt Nycomed/Takeda jetzt freiwillig auf den Tisch. Der Konzern steht finanziell gut da und kann sich großzügige Abfindungen leisten. Der aktuell gültige Sozialplan soll gelten. Über einen neuen will der Konzern, so wie es aussieht, sowieso nicht verhandeln. Der Faktor der Berechnung der Abfindungssumme wird, was für die Mitarbeiter sehr entscheidend ist, freiwillig von 1,25 auf 1,5 erhöht. Zusätzlich erhält jeder Mitarbeiter, der das Angebot annimmt, sechs Brutto-Monatsgehälter zusätzlich zur Abfindung ausgezahlt.

Abfindungssumme steigt

Für einen Mitarbeiter, der Brutto 4.000 Euro verdient und seit fünf Jahren bei Nycomed arbeitet, bedeutet dies, dass er statt 25.000 Euro, wie es der aktuell geltende Sozialplan vorsieht, 54.000 Euro bekommt. Die Höchstsumme für Abfindungen wird von Arbeitgeberseite von 200.000 Euro Brutto auf 250.000 Euro erhöht. Der große Nachteil aber ist: Wer das Angebot annehmen will, muss sich bis zum 15. März entscheiden.

Arbeitsrechtler sieht Fallstricke

Arbeitsrechtler Wirlitsch rät trotz des Termindrucks zur Vorsicht. Er sagte See-Online, es seien noch viel Fragen offen. Eine der spannenden Fragen sei, was mit den Kündigungsfristen passiere, wenn Beschäftigte ja zum Angebot sagen. Es gebe viele Mitarbeiter mit sehr langen Kündigungsfristen, weiß der Fachanwalt. Sie könnten im Moment noch verlangen, dass ihnen das Gehalt weiterbezahlt wird, bis die Frist endet, und sie, wenn es ihren Arbeitsplatz nicht mehr gibt, freigestellt würden. „Bei einer Kündigungsfrist von neun Monaten und einem Gehalt von 7.000 oder 8.000 Euro wären das schnell rund 70.000 Euro“, rechnet Wirlitsch vor.

Anwalt spricht von Blackbox

Ein Problem hätten jetzt u.a. diejenigen, die schon – vielleicht auch erst vor wenigen Tagen – selbst gekündigt haben. Nach dem freiwilligen Angebot des Arbeitgebers haben diese Arbeitnehmer wohl keinen Anspruch auf die höhere Abfindung. Ob über den Gedanken der Gleichbehandlung ein Anspruch doch besteht, müsse sorgfältig geprüft werden – hier kommt es wieder auf die Umstände des Einzelfalls an, z.B. inwieweit der Arbeitgeber Druck auf den Arbeitnehmer ausgeübt habe, meint Wirlitsch. Wer das Angebot in den kommenden vier Wochen annimmt und zustimmt, könnte auch noch versuchen, zu vereinbaren, dass es einen Nachschlag gibt, sollte der Betriebsrat noch bessere Konditionen aushandeln. Ob das passiert, werden die nächsten Wochen zeigen. Noch unklar ist momentan auch, wie der Inhalt des Aufhebungsvertrags überhaupt aussieht. Der Arbeitsrechtler sagte: „Das ist eine Blackbox.“

Jeder Einzelfall ist anders

Pauschale Ratschläge kann der Fachanwalt nicht geben. Er rät: „Jeder muss seine Situation individuell anschauen.“ Die Mitarbeiter und jeder für sich müsse durchrechnen, was am Ende heraus kommt. Dies kann man aber erst dann, wenn ein individuelles Aufhebungsvertragsangebot auf dem Tisch liegt. Mitarbeiter sollten bei diesen Verhandlungen vorsichtig sein und nur sehr gut informiert in die Gespräche gehen, meinte der Fachanwalt. Die Arbeitgeberseite führe solche Gespräche öfter. „Sie sind mit allen Wassern gewaschen“, sagte Wirlitsch.

Takeda verbessert Image

Warum macht Nycomed/Takeda dieses Angebot – und weshalb jetzt? Michael Wirlitsch hat sich da so seine Gedanken gemacht. Er sagte, das Angebot laufe der Taktik des Konzerns entgegen. Außerdem ende in Japan das Geschäftsjahr zum 31. März. Und auch Wirlitsch glaubt, dass es dem Konzern auch um das Image geht. Der deutsche Markt sei wichtig und Takeda verkaufe Medikamente, da müssten die Menschen dem Konzern vertrauen.

Nokia, Schlecker, Takeda

Noch längst nicht vergessen ist die Zeit, in der es nach der Schließung eines Nokia-Werks in Bochum plötzlich nicht mehr schick war, ein Nokia-Handy zu kaufen. Und auch die Drogeriemarktkette Schlecker könnte am Ende einen hohen Preis für den Umgang mit Mitarbeitern bezahlt haben. Kunden ließen die Läden links liegen und heute ist die Kette insolvent und arbeitet an einer Sanierung und Restukturierung des Unternehmens.

6 Kommentare to “Takeda erhöht Abfindungen und verbessert Image”

  1. Profiteur?
    18. Februar 2012 at 10:15 #

    Mit Angst und Streik laesst sich Geld verdienen, und mit Anteilen von Abfindungen ebenso. Anwaelte leben von Streit.Um die Leute in die Kanzlei zu kriegen laesst man gerne auch mal Spekulationen raus ohne wirklich Hintergrundwissen zu haben.
    Image ist das Letzte was hier verbessert werden soll.
    Es ist ein eiskaltes ausnutzen von Altlasten und Vereinbarungen um schnellstmoeglich umsetzen zu koennen. Zeit spart Geld und steigert eigene Boni.

    • wak
      18. Februar 2012 at 10:31 #

      @Profiteur Je länger die Verhandlungen dauern und je mehr Empörung in der Öffentlichkeit, desto negativer fürs Image eines Unternehmens und desto lästiger. Also handelt Takeda nur konsequent. Die Frage wäre, was hat der Betriebsrat zu bieten? Der alte Sozialplan ist schlechter als die Bedingungen jetzt. Ich hatte übrigens den Eindruck, dass der Anwalt durchaus über Hintergrundwissen verfügt und seine Aussagen auch belegen konnte. Schließlich habe ich hier keinen Wald- und Wiesenanwalt zitiert, sondern einen Arbeitsrechtler, der wohl auch Mandanten aus dem Bereich Takeda haben dürfte.

  2. Vahldieck
    18. Februar 2012 at 12:55 #

    Nycomed/Takeda

  3. Profiteur?
    18. Februar 2012 at 14:01 #

    Weder habe ich mit dem Betriebsrat was am Hut noch mit dem Stellenabbau ins Konstanz, aber so wie ich das verstehe, kann der Betriebsrat noch nichts bieten, weil die Verhandlungen gerade erst angefangen haben.
    Andererseits provoziert der Arbeitgeber nun den Betriebsrat indem er einfach und gegen jede Sozialpartnerschaft und Mitbestimmung ein verbessertes Angebot raushaut, voellig ueberraschend.
    Das dient dann also der Imageverbesserung? Achso.

    Wenn der zitierte Anwalt Insiderwissen hat, so wohl kaum ueber betroffene Mitarbeiter die er vertritt. Anwaelte duerfen nicht oeffentlich werben, so kommt es doch sehr gut, seinen Name und sein Konterfei mit offensichtlichem insider- Wissen in solchen einem Medium zu positionieren. Da war doch vor kurzem schon mal etwas.
    Wie man bis zum angeblichen Ende des Wirtschaftsjahres Ende Maerz eine Freiwilligenregelung, deren Medlung bis Mitte Maerz terminiert ist und unter Beruecksichtigung der Kuendigenszeitraueme, die tariflich bis zu 6 Monate zum Quartal reichen abwickeln und bilanztechnisch darstellen will, das wuerde ich gerne mal erfahren.

    Ich habe mir der gesamten Region nichts am Hut, aber es waere dann korrekt auch alle andere Anwaelte fuer Arbeitsrecht der Region ebenso zu benennen.

    • wak
      18. Februar 2012 at 14:20 #

      @Profiteur? Wer seine Mitarbeiter schlecht behandelt, verliert. Siehe Nokia, oder wollen Sie das wegreden? Also versucht es das Unternehmen mit einem großzügigen Angebot an die Mitarbeiter. Das ist nicht verwerflich. Ein Gespräch mit einem Arbeitsrechtler muss ja wohl erlaubt sein. Mit Gewerkschaften habe ich es nicht so. Wer auf meinem Blog werben will, kann Bannerwerbung kaufen. Die Redaktion ist frei. Ach ja, geworben haben hier schon jeweils mit einem Banner die Rechtsanwaltskanzleien Reiser und Wetzel aus Überlingen. Und ansonsten würde ich die Kanzlei Wunsch, Wallauer-Friedrich aus Konstanz weiter empfehlen. Ich schätzen sie als kompetent und zuverlässig. Sind das jetzt ausreichend viele Namen?

  4. Profiteur?
    18. Februar 2012 at 21:34 #

    Nur noch eines, weshalb ist das Angebot grosszuegig?
    Glauben Sie das oder wissen Sie das? Vergleiche aus der Branche waeren hilfreich. Ich zumindest weiss von weitreichenden Fruehpensionsmodellen, weit grosszuegigeren Deckelungen und auch besseren Konditionen in dieser Branche.

    Aber das ist hier nicht mein Interesse, mich aergern nur Behauptungen die eher subjektiver als objektiver Natur sind.

    Ich habe uebrigens auch nichts mit Gewerkschaften am Hut, aber ich glaube an die Notwendigkeit des Gleichgewicht der Kraefte.

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