Taximord: Angeklagter Andrej W. schweigt vor Gericht

Zeugenvernehmung begann mit Schilderung der Singener Tat – Scharfe Einlasskontrollen im Konstanzer Landgericht

Taximord-Prozess in KonstanzKonstanz. Heute, Dienstagvormittag, hat der Taximordprozess vor dem Konstanzer Landgericht begonnen. Der mutmaßliche Mörder ist des Mordes und des versuchten Mordes angeklagt. Gegen 9.45 Uhr und damit eine dreiviertel Stunde später als geplant, eröffnete der Vorsitzende Richter  Jürgen Bischoff die Verhandlung. Der Angeklagte wurde in Fußfesseln in den Saal und später wieder hinaus geführt. Sein Gesicht verbarg er unter einer schwarzen Motorradhaube, die er erst abnahm, als Fotografierverbot herrschte.

Aufwändige Sicherheitskontrollen am Einlass

Bereits eine halbe Stunde vor dem ursprünglich geplanten Beginn der Verhandlung um 9 Uhr hatte sich im Gerichtsgebäude eine lange Schlange aus Pressevertretern und Zuschauern gebildet. Während der Einlass der Medienvertreter, für die im Saal Stühle in den ersten beiden Reihen reserviert waren, noch zügig ging, dauerte es etwa eine Stunde, bis auch die Zuschauer, die den Prozess verfolgen wollten, auf ihren Plätzen saßen. Die Zuschauer mussten scharfe Sicherheits- und Personenkontrollen über sich ergehen lassen. Erst eine dreiviertel Stunde, nachdem der Prozess ursprünglich beginnen sollte, wurde die Türe zum Gerichtssaal für Besucher geschlossen. Etwa ein Dutzend Fotografen und Kameraleute hatten die Wartezeit genutzt, um Personen, die wie die Dolmetscherin,  der Pflichtverteidiger des Angeklagten Andrej W. oder die Anwältin der Nebenklage bereits im Saal waren, zu filmen.

28-jähriger Angeklagter schweigt

Der 28-jährige Angeklagte, der aufgrund von DNA-Spuren identifiziert worden ist, wird beschuldigt, eine Taxifahrerin in Singen verletzt und vergewaltigt und am darauffolgenden Tag eine Taxifahrerin in Hagnau im Bodenseekreis ermordet zu haben. Äußern mochte sich Andrej W. auch vor Gericht weder zu seiner Person noch wollte er Angaben zu den bestialischen Verbrechen machen, die ihm zur Last gelegt werden. Das sagte sein Pflichtverteidiger, der Konstanzer Anwalt Klaus Frank. Während der Verhandlung zeigte der Angeklagte keinerlei Gefühlsregung.

Mutmaßlicher Mörder betrat mit Sturmhaube Gerichtssaal

Als der Angeklagte gegen 9.45 Uhr den Gerichtssaal durch einen Nebeneingang betrat, richteten sich unzählige Objektive auf den schmalen, schmächtigen Mann. Andrej W., der Fußfesseln trug, hatte sich eine schwarze Motorradhaube über den Kopf gezogen, um sein Gesicht nicht zeigen zu müssen. Langsam ging er, von Wachleuten und einem medizinischen Betreuer begleitet, zu seinem Platz auf der Anklagebank. Erst, nachdem der Vorsitzende Jürgen Bischoff erklärte, dass Bild- und Tonaufnahmen während des Prozesses nicht erlaubt sind, nahm Andrej W. seine Sturmhaube ab und zeigte sein Gesicht. Der Richter hatte ihn dazu aufgefordert.

Schmächtiger Angeklagter

Ohne erkennbare Emotionen setzte sich der eher schwächlich und unauffällig wirkende Angeklagte, der kurzes, lichter werdendes blondes Haar hat und eine blaue Jeans und ein Sweatshirt trug , neben die Dolmetscherin. Seit dem 14. Juni sitzt der 28-Jährige, der am 12. Februar 1982 in Russland geboren ist und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, bereits in Haft. Untergebracht ist er im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg. Per Gefangeneneinzeltransport wurde er zurück an den Bodensee gebracht, wo er seit Dienstag schier unvorstellbar brutaler Verbrechen angeklagt ist.

Staatsanwalt spricht vom Mordabsicht

Andrej W. wird beschuldigt, an einem Dienstag, dem 8. Juni 2010, am Nachmittag gegen 14.15 Uhr in Singen in das Taxi seines ersten Opfers, Adelheid F., gestiegen zu sein. Offenbar hatte sich der Angeklagte das Taxi, das erst an vierter Position in der Reihe am Taxistand stand, gezielt ausgesucht. Der Staatsanwalt geht davon aus, dass der Russlanddeutsche in der Absicht, die Taxifahrerin zu töten und zu vergewaltigen, zu Adelheid F. ins Taxi stieg.

Nekrophile Neigungen des Angeklagten

Er ließ sie zu einem abgelegenen Ort fahren. Mit einem 7,8 Zentimeter langen Springmesser soll Andrej W. die Frau in den Hals gestochen haben. Der Staatsanwalt sprach davon, dass der Angeklagte nekrophile Neigungen habe, also sexuelle Handlungen an Toten bevorzugt. Offenbar vergewaltigte der mutmaßliche Täter die Taxifahrerin, die sich tot stellte, in der Annahme, er hätte sie bereits getötet. Nachdem er sein Opfer sexuell missbraucht hatte, entwendete der mutmaßliche Mörder der Taxifahrerin laut Staatsanwalt noch eine goldene Kette sowie etwa 280 Euro aus dem Taxigeldbeutel.

Taxifahrerin fünf Mal in Hals gestochen

Einen Tag später, am 9. Juni, nahm sich der mutmaßliche Mörder dann gegen 9 Uhr am Stadtbahnhof Friedrichshafen erneut ein Taxi. Die Fahrt endete dieses Mal gegen 11.35 Uhr in einer Sackgasse beim Hagnauer Strandbad, wo der mutmaßliche Mörder sein zweites Opfer brutal erstach. Laut Staatsanwalt habe Andrej W. der alleinerziehenden Mutter bei geöffneter Fahrertüre fünf Mal mit dem Messer in den Hals gestochen. Die Taxifahrerin sei verblutet und an ihrem eigenen Blut erstickt, so der Staatsanwalt. Anschließend wollte der Täter mit seinem zweiten Opfer offenbar ebenfalls an einen abgelegeneren Ort fahren, um die Tote zu vergewaltigen. Er kam aber mit dem Auto, das ein Automatikgetriebe hatte, nicht zurecht und löste versehentlich den automatischen Alarm aus. Anschließend habe der mutmaßliche Mörder noch die Handtasche des Opfers aus dem Taxi genommen und sei zuerst zu Fuß und dann mit dem Fahrrad vom Tatort geflüchtet.

Sicherungsverwahrung eine Option

Im Mittelpunkt stehen dürften im Prozess gegen Andrej W. vor allem die Motive des Angeklagten und seine Schuldfähigkeit. Der Vorsitzende Richter Jürgen Bischoff sagte, statt einer Freiheitsstrafe könnte im Falle einer Verurteilung auch die Einweisung in die Psychiatrie erfolgen. Auch Sicherungsverwahrung komme in Betracht.

Angeklagter angeblich krebskrank

Insgesamt werden an den Verhandlungstagen 45 Zeugen vernommen. Der erste, ein 51-jähriger Kriminalbeamte aus Singen, schilderte noch einmal die Abläufe am ersten Tattag und wie sich am Nachmittag die Spur der Taxifahrerin Adelheid F. in Singen verlor. Sie ist bei dem Verbrechen so schwer verletzt worden, dass sie seither auf der rechten Körperseite gelähmt ist. Der Beamte berichtete auch von Verwandten des Angeklagten in Friedrichshafen-Manzell und einer in Salem lebenden Freundin. Der Freundin gegenüber hatte der Angeklagte offenbar erzählt, dass er krebskrank sei. Die Polizei hält die Angaben aber für falsch. Ergebnislos verlief offenbar auch die Suche nach Ärzten, Psychologen oder Psychotherapeuten, bei denen der Angeklagte in Behandlung gewesen sein könnte. Der Polizist sprach allerdings so leise, dass er trotz Mikrofons im Saal kaum zu verstehen war.

Hilferufe in der Nacht

Der zweite Zeuge, ein 28-jähriger Polizist, schilderte, wie die Besatzung eines Streifenwagens die schwerverletzte Singener Taxifahrerin in einem Gebüsch gefunden hatte. Adelheid F. konnte sich zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht mehr bewegen, rief aber um Hilfe und machte auf sich aufmerksam. Die Beamten hatten Mühe, die Rufe in der Nacht zu lokalisieren. Offenbar fürchteten die Beamten, der Täter könnte noch in der Nähe sein und auch auf sie einstechen. Die Taxifahrerin schilderte den Streifenpolizisten offenbar noch am Tatort, was sich ereignet hatte. Der Polizist gab detailgenau Auskunft und gab in einer naturalistischen Schilderung wieder, was er sah und hörte.

Anschließend wurde die Verhandlung erst einmal unterbrochen, da der nächste Zeuge, der vernommen werden sollte, noch nicht anwesend war.

Mordprozess Einlasskontrolle

Mordprozess Verteidiger Klaus Frank (r)

Mordprozess Fotografenmeute wartet auf Angeklagten

Fotos+Videos: wak

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