Über Ulrike Blatters dritten Roman: Nicht nur ein nackter Krimi

Autorin schreibt fesselnden, vielschichtigen Gesellschaftsroman mit Konstanzer Kommissar

Konstanz. Blöd, eine Krimiautorin zu treffen, ohne ihr Buch gelesen zu haben. An Ulrike Blatter liegt es nicht, sie hat den Roman rechtzeitig geschickt. Es ist ihr dritter. Tatsächlich ist der mehr als 300 Seiten dicke Krimi, Prolog und Nachwort eingeschlossen, ein spannender Gesellschaftsroman, der Spots auf 70 Jahre Zeitgeschichte wirft. Ulrike Blatter, die im Hegau lebt und von Beruf Ärztin ist, erzählt scheinbar Kriminalfälle,  in Wirklichkeit aber berichtet sie von noch größeren Verbrechen. Die Kriegsenkelin, wie sie sich selbst bezeichnet, beschreibt wie die Gespenster der Vergangenheit mit langen Krakenarmen nach der Gegenwart greifen.

Forschungsinteresse treibt Autorin

Auf Seite 16 erreicht ihr Kommissar Erich Bloch gerade den Fundort der weiblichen Leiche in einem Puff mitten in der Konstanzer Altstadt. Ulrike Blatter schreibt besser als viele andere Krimiautoren und streng genommen ist sie auch gar keine Kriminalschriftstellerin. Sie erzählt nicht, um einen Bestseller zu verfassen, sondern weil sie ein Forschungsinteresse antreibt. Am Anfang steht eine persönliche Erfahrung. Es ist die Geschichte einer Beinahe-Freundschaft. Eine Frau, die fast schon eine Freundin war, unterschlägt Geld. Es ist eine lächerliche Summe, und das Geld, wie die Beinahe-Freundin später erklärt, anscheinend so etwas wie eine Entschädigung für ertragenes Leid. Die Autorin arbeitet diese reale Begebenheit in ihrem Roman auf und seziert Geschehnisse. Ulrike Blatter selbst ist, wie sie freimütig berichtet, eine Getriebene.

Realität trifft Fiktion

Krimis mit Serienkillern mag Ulrike Blatter nicht. Zu tun hat das auch damit, dass sie entsetzt ist, wie brutal Gewalt in das Leben von Menschen einbricht. Einem sterbenden Mops begegnen ihre Romanfiguren seltsamerweise mit mehr Empathie als den toten Menschen. In Zürich hat die Autorin Leichen seziert. „Mord ist kein Konsumartikel“, sagt Ulrike Blatter auch deshalb mit fester Stimme. Zu tun hat diese Absage an das Sujet Mord, das zur Gattung des Kriminalromans zu gehört, also mit persönlichen Erfahrungen. Lange Zeit arbeitete Ulrike Blatter als Rechtsmedizinerin an der Limmat. Ulrike Blatter erzählt, wenn sie schreibt, auch das reale Leben. Wenn sie in ihrem Buch über das Elend Drogenabhängiger am Rande der slowenischen Gesellschaft berichtet, ist das nicht reine Fiktion. In der Stadt an der Limmat hatte Ulrike Blatter auch mit Süchtigen vom Needle Park zu tun. Sie kennt den Platzspitz.

Gute Schreibe gelernt

„Zuerst war das Schreiben“, sagt die Ärztin. Damals war sie noch ein Kind. Am Anfang schrieb sie Geschichten, Gedichte und zweiseitige (!) Romane. Ukrike Blatter lacht. Acht Jahre alt sei sie damals gewesen. Lehrer hätten ihr Mut gemacht. Sie lernte von kleinauf, an ihren Texten zu arbeiten. „Deutsch Leistungskurs“, erzählt die Autorin. Es folgte dann aber ein naturwissenschaftliches Studium. Weil sie ein sehr gutes Abitur gemacht hatte und daheim in Köln die Oma mit pflegte, studierte sie Medizin. Am Ende hat sie nebenher drei Romane geschrieben. Der dritte, „Nur noch das nackte Leben“, ist eigentlich der erste.

Biografie in Stichworten

Ulrike Blatters Leben im Zeitraffer und die Aneinanderreihung von Stationen, die darin vorkommen, könnte sich so lesen: Köln, Schwarzwald, Zürich, Slowenien, Gottmadingen. Da ist ein Mann, dem sie aus Liebe stets hinterhergezogen ist, ein Sohn, eine Tochter, der Hund. Ulrike Blatter hat in der Vergangenheit Tagebuch geschrieben. Ihre Reisetagebücher sind heute ein Fundus, aus dem sie zitiert, wenn sie ihre Texte schreibt. Sie verfasste  journalistische Beiträge für die Lokalausgabe von Zeitungen oder Texte für eine Broschüre eines Kurdistanprojekts. Ulrike Blatter arbeitete auch schon für „medico international“.

Die Pathologin

Rechtsmedizinerin war nicht ihr Traumberuf. Wieder einmal folgte sie ihrem Mann. „In Zürich war keine chirurgische Stelle zu bekommen“, sagt die Ärztin. Sie redet über Gynäkologie. Deshalb bewarb sich Ulrike Blatter auf eine Stelle in der Rechtsmedizin. Im Keller zeigte ihr der Chef Präparate, man könnte auch sagen Leichenteile, und fragte, ob sie das könne. Sie sagte, sie könne es. Ihre einzige Bedingung war, dass sie in Zürich ihre Doktorarbeit schreiben konnte. „Es war eine tolle Zeit in der Pathologie“, sagt sie. Ulrike Blatter hat Leichen obduziert. Das Problem, sagte sie, war immer die Gewalt, die dahinter steckt. Die Medizinerin erzählt vom vierjährigen Kind, das der eigene Großvater erschossen hatte und von der Gewalt gegen Frauen, die ihr in ihrem beruflichen Alltag begegnet ist. Ulrike Blatter entschied sich nach so viel Gewalt von der Pathologie in die Sozialpsychiatrie – vom Obduktionstisch zum Platzspitz – zu wechseln. Sie sah geschundene Junkies vom Drogenstrich am Zürichsee. Es ging wohl auch um sexuelle Gewalt. „Die Gewalt hat mich weiter verfolgt“, sagt die Medizinerin. Später arbeitete sie für ein Projekt in Slowenien.

Drei Romane nach der Doktorarbeit

Ihre Doktorarbeit hat den Titel „Endoskopische Methoden in der Rechtsmedizin.“ Die Ärztin untersuchte damals eine Mumie. Es folgten dann aber keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern drei Romane. Die Orte, die sie in ihren Romanen beschreibt, gibt es wirklich. Nur die Handlungen und Menschen hat sie frei erfunden. Immer wieder begegnete Ulrike Blatter Menschen, die sie förderten, ihr Wege aufzeigten, ihr einen Rat gaben und sie ermutigten.

Prädikat wertvoll

In diesem Jahr ist der Kriminalroman „Nur noch das nackte Leben“ erschienen. Das Ergebnis ihrer Recherche und ihres Schreibens ist ein packender, sehr beachtlicher, weil nicht nur spannender, sondern auch tiefgründiger Roman. Erschienen ist er in der KBV Verlags- und Mediengesellschaft. Er hätte auch zu Suhrkamp oder Diogenes gepasst. Doch es ist gar nicht so leicht, einen Verlag zu finden, nicht einmal für einen guten Roman. Deswegen bedankt sich Ulrike Blatter im Nachwort auch eigens bei Verleger Ralf Kramp.

Vergangenheit niemals vorbei

„Nur noch das nackte Leben“ ist eines jener Bücher, die Leser nur ungern aus der Hand legen. Ulrike Blatter erzählt mehrere Geschichten nebeneinander – es sind Handlungsstränge, die parallel laufen und doch miteinander verwoben sind. Da sind zum Beispiel die Geschichte des Kommissars Erich Bloch und die der slowenischen Journalistin Alenka. Beide Romanfiguren sind Kriegsenkel und Flüchtlingskinder, wenn auch in anderen Zeiten und unter anderen Umständen. Beide verbindet außer ihrer Zuneigung auch ihre Unfreiheit. Die Vergangenheit ist niemals vorbei, so lautet eine Botschaft von Ulrike Blatter. Sie prägt Menschen und Erfahrungen, die die Großmütter und Mütter oder Väter machten, beeinflussen selbst die nachgeborene Generation der Enkel noch.

Erfahrungen beeinflussen Generationen

Ulrike Blatter erzählt von Krieg und Entwurzelung. Die Autorin treibt die Frage um, wie das Leben trotzdem gelingen kann. Gewalt und traumatische Erfahrungen würden über Generationen weitergegeben. So sagt sie es. Erfahrungen prägen den Charakter und verändern, wie Wissenschaftler sagen, sogar die DNA. Viele Probleme seien keine individuellen, sagt Ulrike Blatter. Sie redet von Zeitphänomenen. Jammern liegt der Autorin fern. Je früher hingehört werde, desto besser könne geholfen werden, sagt sie. Für einen Kriminalroman wäre das viel zu viel, weshalb „Nur noch das nackte Leben“ auch viel eher ein zeitgeschichtlicher Roman geworden ist – und ein großartiger in jedem Fall.

Ulrike Blatter, Nur noch das nackte Leben, KBV, ISBN 978-3-942446-12-9, 9,90 €

Foto: http://www.ulrike-blatter-krimi.de

Wir freuen uns über Ihren Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.