Überlinger Heimatzeitung Südkurier empört sich schon wieder über Oberbürgermeisterin

Skandalisierende Berichterstattung nicht ganz uneigennützig – Überlinger Lokalzeitung erregt sich wegen Amtsblatt-Kündigung

Überlingen. Verdutzt hat sich der geneigte Leser der Heimatzeitung Südkurier am Samstagmorgen die Augen gerieben. Die Lokalzeitung in Überlingen empörte sich, weil sich die Stadt ein schickeres Mitteilungsblatt als das „Hallo Ü“ wünscht. „Peinliche Posse aus der Provinz“, so ein Kommentar auf Facebook.

Skandalisierender Aufmacher

Die Oberbürgermeisterin will aufräumen und hat den Vertrag mit dem Primo-Verlag zum 31. Dezember 2012 ordentlich gekündigt. Sabine Becker findet das bleiwüstige, im Erscheinungsbild seit 16 Jahren nahezu unveränderte Mitteilungsblatt der Stadt anscheinend nicht mehr zeitgemäß. Der Leiter der Überlinger Lokalredaktion, Martin Baur, nicht ganz zufällig hingegen möglicherweise schon noch. Er widmet dem unerhörten Vorkommnis einer ordentlichen Kündigung in der Samstagsausgabe einen skandalisierenden Aufmacher samt Karikatur und Kommentar.

Empörung wie Wiesenblumen gepflückt

Baur sammelte schnell ein paar empörte Stimmen von Gemeinderatsmitgliedern. Er pflückte sie wie einen Sommerblumenstrauß auf einer Wiese. CDU, ÜfA, Freie Wähler und SPD fordern, wie der Südkurier schreibt, das Thema in der nächsten Gemeinderatssitzung öffentlich zu debattieren. Die Delinquentin Becker lässt Baur in einem Wortlaut-Interview zu Wort kommen. Nein, zu verheimlichen habe sie nichts und auch kein Unrechtsbewusstsein, erklärt die Oberbürgermeisterin sinngemäß. Die Stadtverwaltung hole gerade Angebote von mehreren Verlagen – darunter auch eines vom Primo-Verlag – ein. So oder so ähnlich wird die Oberbürgermeisterin zitiert. Das gehöre zu den Geschäften der laufenden Verwaltung. Und überhaupt, es gebe keinen Skandal. In einer der nächsten Sitzungen will die Oberbürgermeisterin die Räte über den Sachstand informieren.

Baur mag hässliche Entlein

Was die Heimatzeitung ihren Lesern lieber verschweigt: Baur findet das „Hallo Ü“ mutmaßlich gerade deswegen so toll, weil es ein hässliches Zeitungsentlein ist, das, bevor die nicht besonders zeitgemäß aufgemachten ersten Stadtnachrichten folgen, erst einmal über Öffnungszeiten der Stadtverwaltung und verwaltungsinterne Telefondurchwahlen informiert. Das Werbeumfeld im Mitteilungsblatt wirkt mutmaßlich weniger anziehend als die Seiten im durch Relaunches immer wieder aufgehübschten Südkurier und seines Anhängsels Seewoche.

Bloß kein neuer Wettbewerber

Das Medienhaus hat eher kein Interesse daran, dass die Stadt ihr Mitteilungsblatt attraktiver gestaltet und es der Südkurier im schrumpfenden Werbemarkt für Printprodukte plötzlich mit einem neuen Wettbewerber zu tun bekommt. „Da hat wohl eher der ,Südkurier‘ Angst, dass er in Überlingen nicht mehr der sich alles erlaubende Platzhirsch sein könnte….“, ist auf Facebook zu lesen.

Moderne Verwaltung reagiert auf Wandel

Der Kommentator im sozialen Netzwerk dürfte mit seinem Post nicht ganz schief liegen. Denn Printzeitungen befinden sich im freien Fall. Das Durchschnittsalter von Abonnenten liegt bei vielen Regionalzeitungen jenseits von 60 Jahren. Jüngere informieren sich heute lieber im Web. Moderne Verwaltungen reagieren darauf. Längst informieren Städte auf ihren Websites ihre Bürger direkt. Auch Oberbürgermeisterin Sabine Becker tut das immer öfter und immer besser. Das Mitteilungsblatt und auch der Internetauftritt der Stadt seien die Visitenkarten Überlingens und somit auch Teil des Stadtmarketings, meint die Oberbürgermeisterin. Sie sagte im Südkurier-Interview, die Stadtverwaltung und Gemeinderat wollten die bestmögliche Öffentlichkeitsarbeit für die Stadt.

RIS macht Schluss mit Herrschaftswissen

Nicht gefallen haben kann Martin Baur und seinen Kollegen unabhängig von der Kündigung des „Hallo Ü“ auch, dass die Stadt seit April dieses Jahres Sitzungsunterlagen und Tagesordnungen von Gemeinderatssitzungen in einem Bürger- und Ratsinformationssystem (RIS) online stellt. Früher verschickte die Stadt ihre Sitzungsunterlagen nur an die Ratsmitglieder und an die Medien. Die Informationen waren Teil des Herrschaftswissens von Redakteuren, die ihre Leser über kommunalpolitische Entscheidungen so informierten, wie sie es für richtig hielten. Heute müssen Bürger die Kommunalpolitik nicht mehr durch die Brille des Redakteurs anschauen. Auch die Lokalzeitung hat ihre Torwächterfunktion verloren.

So viel Bürgernähe wie möglich

Oberbürgermeisterin Sabine Becker sagte in der Vergangenheit immer wieder, sie wolle Transparenz und mit den Bürgern auf Augenhöhe diskutieren. Deswegen tingelt sie auch von Stadtteilgespräch zu Stadtteilgespräch, wo sie Bürgern Rede und Antwort über die Stadtpolitik steht. Der Südkurier berichtet nie. Wenn das Amtsblatt einen neuen Namen braucht, möchte die Oberbürgermeisterin die Bürger nach ihren Ideen fragen. Verkehrt ist das sicher nicht.

Nachrichten zeitgemäß aufbereiten

In Konstanz lag die Wahlbeteiligung bei der Oberbürgermeister-Wahl im Juli bei 44 Prozent. Über Kommunales sind viele Bürger, was sich gerade auch im OB-Wahlkampf zeigte, heute nur noch sehr schlecht informiert. Eine Demokratie braucht aber informierte Bürger, sonst funktioniert sie nicht mehr. Wenn eine Stadt ihre Bürger selbst informiert, müsste das also grundsätzlich in Ordnung sein. Der Hauptamtsleiter oder eine Mitarbeiterin im Vorzimmer des Oberbürgermeisters kann das aber in keiner Stadt nebenbei tun. Die Verwaltung muss die Nachrichten, wenn sie die Menschen erreichen sollen, so aufbereiten, dass sie nicht sofort im Müll landen, weil jedes Supermarktprospekt und jede Nachrichtenseite im Web ansprechender aussieht. Auch Martin Baur wird das wissen, auch wenn er das so nie sagen würde.

Wer Wind sät, wird Sturm ernten

Wer Wind im Rat sät, wird Sturm ernten. Das ist auch im Journalismus so. Martin Baur hat seinen Aufmacher wohlüberlegt lanciert. Nicht erfunden hat Martin Baur trotzdem die O-Töne, die Stimmen von honorigen Gemeinderatsmitgliedern, die Baur in seinem Beitrag über das Überlinger Amtsblatt zitiert. Doch wer fragt, bekommt auch Antworten, die er hören will. Klar ist, dass Gemeinderatsmitglieder immer kritisch auf ein städtisches Mitteilungsblatt schauen. 2014 ist schließlich wieder Kommunalwahl in Baden-Württemberg. Dass aus einem Mitteilungsblatt die „Prawda“ der Oberbürgermeisterin wird, worüber Martin Baur anscheinend gern mit spekuliert, dürfen sie selbstverständlich nicht zulassen. Fraktionen müssen im Mitteilungsblatt zwingend eigene Seiten haben, auf denen sie informieren. Aber Vorsicht, wenn sie das tun, statt ihre Meldungen ausschließlich an die Lokalredaktion weiterzureichen und Herrn Baur Stoff zu liefern, könnten sie womöglich genauso wie Oberbürgermeisterin Sabine Becker beim Südkurier und Martin Baur in Ungnade fallen. Fortsetzung könnte folgen.

Persönliche Anmerkung

Auch der Südkurier gehört zu den Verlagen, die das Leistungsschutzrecht unterstützen. Deswegen setze ich keine keine Links mehr auf Seiten des Südkurier.

7 Kommentare to “Überlinger Heimatzeitung Südkurier empört sich schon wieder über Oberbürgermeisterin”

  1. Günter Hornstein
    2. September 2012 at 10:38 #

    Wer die Zusammenhänge kennt, kann diese Mitteilung richtig einschätzen. An Peinlichkeit nicht zu überbieten. Frau Kässer

    • wak
      2. September 2012 at 11:23 #

      @Günter Hornstein. Ich trenne scharf zwischen PR-Aufträgen und meinem Blog. Der Südkurier hat ja dankenswerter Weise bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass ich einzelne Beiträge für das Amtsblatt „Hallo Ü“ produziere. Die Stadt Überlingen ist aber nur ein Kunde von vielen und das Blog ist in seiner Berichterstattung selbstverständlich frei. In der Regel lasse ich Überlinger Themen auf dem Blog trotzdem vorsorglich außen vor, manchmal kann ich aber nicht anders, weil es hier meiner Meinung nach der Aufklärung bedurfte. Hier schlägt das Herz der Journalistin. ;-)

  2. Roland Hipper
    2. September 2012 at 16:33 #

    Frau Kässer empört über Südkurier
    Als geneigter Leser des Südkurier und Leser von See-Online (obwohl schon über 60 J) habe ich mir gleich zweimal die Augen gerieben, obgleich ich die von Herrn Hornstein angedeuteten Zusammenhänge nur erahnen kann. Sicherlich wäre eine Modernisierung des Erscheinungsbildes des „Hallo Ü“ vorteilhaft. Die (moderne) Stadtverwaltung sollte allerdings auch „vor der eigenen Haustüre kehren“ und den Internetauftritt der Stadt Überlingen endlich modernisieren um die vielfältigen Möglichkeiten der Präsentation von Information auch zu nutzen. Ein städtisches Mitteilungsblatt (ob in Hochglanz oder nicht) wird nie so aktuell informieren können wie eine Homepage oder der Südkurier. Die von Ihnen angesprochene „Brille des Redakteurs“ stört mich nicht solange die Artikel über kommunalpolitische Themen mit Namen gekennzeichnet sind. Mal ehrlich Frau Kässer, schreiben Sie Ihre Auftragsarbeiten immer ganz ohne „Brille“?

    Das RIS gibt in der Tat eine gute Möglichkeit sich zu informieren. Wenn dann (später mal) auch noch die Protokolle der Ratssitzungen im RIS nachgelesen werden können ist ein großer Schritt in Richtung Transparenz gegenüber den Bürgern gegeben.

    Der Gemeinderat Herr Dreher hat sicher Recht wenn er meint es gäbe in Überlingen doch Wichtigeres als ein Streit über das „Hallo Ü“

    • wak
      2. September 2012 at 17:07 #

      @Roland Hipper Der Trend geht dahin, dass sich Menschen direkt informieren und sich die Welt nicht mehr von Zeitungsredakteuren erklären lassen. Sie haben so den direkten Blick und nicht mehr den gefärbten durch die Brille eines Redakteurs. Das ist gemeint. Ich mache gern ein Beispiel: Wenn der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel zu einem Thema auf Facebook Stellung nimmt, dann lesen die Nutzer, das was Gabriel tatsächlich gesagt hat und nicht etwa eine Interpretation seiner Aussage durch einen Dritten, einen Journalisten. Wenn ich journalistisch arbeite, habe ich natürlich wie alle Autoren einen Standpunkt. Schon durch die Nachrichtenauswahl teilen Journalisten Nachrichten in wichtige oder weniger wichtige ein. Warum schreibe ich über ein Thema oder wie mache ich den Beitrag auf? Vollkommene Neutralität gibt es nicht. Nur noch zur Klarstellung: Nicht zu verwechseln sind journalistische Texte mit PR-Texten. In diesem Fall ist es vollkommen egal, was Texter persönlich meinen oder für richtig halten, sie tun das, was der Auftraggeber von ihnen erwartet und produzieren zum Beispiel Texte für Unternehmens- oder Wahlkampfzeitungen. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn ich für eine solche Publikation die Architektur eines Gebäudes beschreiben soll, tue ich das – selbstverständlich unabhängig davon, ob mir persönlich die Architektur gefällt oder nicht.

  3. dk
    2. September 2012 at 20:32 #

    Vor wenigen Tagen habe ich nach Links zu einer Scriptsprache gesucht und folgenden dabei gefunden:
    http://www.digitalerwandel.de/

    Den Grund des Suchergebnisses erschliesst sich den ersten Blick; sehr interessant dürfte aber die linke Spalte die „Blogroll“ mit entsprechenden Links zu Blog zum Thema „digitale Medien“ sein.

    z.B. ist bei der ersten Webadresse zu finden:
    http://www.blog-cj.de/blog/2012/08/17/viel-zu-spaet-um-zu-frueh-zu-sein/

    Ich habe die Blogs nur ansatzweise angesehen, aber den Link bei mir mit dem Stichwort „digitale Medien“ und hoher Priorität abgespeichert.

  4. Reinhard A. Weigelt
    3. September 2012 at 07:14 #

    Hallo Frau Kässer
    auch wenn ich Ihren Artikel nicht aufwerten will, hier ein kleiner Kommentar und ein Rat frei nach bekannter Vorlage:
    „Hätten Sie geschwiegen, wären Sie ein Philosoph geblieben“. Soviel unverblümter Eigennutz, wie Sie ihn, verbrämt unter dem Deckmäntelchen des Journalismus, öffentlich betreiben, tut schon weh; aber wenn Sie meinen, das hilft…
    Noch was: Ich erinnere mich daran, dass es mal eine Zeit gab, in der Sie ganz froh waren, bei dem, wie Sie es jetzt nennen, „Südkurier-Anhängsel“ SeeWoche arbeiten und Geld verdienen zu dürfen; aber was interessiert früher.

    Ansonsten gilt das, was Kollege Hornstein schon geschrieben hat.

    P.S. Im Übrigen bin ich gespannt, wie lange mein Kommentar von Ihnen nicht gelöscht wird, denn andere Meinungen sind wie neue Wettbewerber: Man mag sie nicht überall.

    • wak
      3. September 2012 at 08:01 #

      @Reinhard A. Weigelt Noch ein Überlinger Stadtrat. Dass die Stadt Überlingen den Vertrag mit dem Primo-Verlag gekündigt hat, habe ich in der vergangenen Woche erfahren. Es ist nicht meine Entscheidung, mit wem die Stadtverwaltung zusammenarbeitet oder nicht. Ich liefere – wie auch für andere Auftraggeber – einzelne Beiträge zu und verstehe Ihre persönliche Anfeindung ehrlich gesagt nicht. In den vergangenen vier Monaten war ich vorrangig mit anderen Projekten befasst und habe die kommunalen Themen in Überlingen nur am Rande verfolgt. Eines habe ich aber verstanden, die Lokalzeitung schreibt die Oberbürgermeisterin runter, egal was sie tut. Ich halte die Berichterstattung der Überlinger Lokalredaktion in Teilen für unsachlich, unangemessen und auch für unfair. Sie skandalisiert statt zu berichten. Jetzt habe ich auf meinem Blog einfach einmal etwas dazu gesagt. Und nur der Vollständigkeit halber: Mindestens 2 x mal hat die Heimatzeitung in Zusammenhang mit skandalisierender Berichterstattung über die Oberbürgermeisterin meinen Namen genannt. Ich empfinde das als rufschädigend. Ich nenne ja auch nicht den Namen Ihres Friseurs, Herr Weigelt, wenn ich eigentlich Sie abwatschen wollte.

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