Überlinger Erstwähler weder politikverdrossen noch haben sie null Bock

Politikmarkt an Constantin-Vanotti-Schule mit vier Parteien – Fünfstündiger Marathon für Landtagskandidaten

Überlingen. Vier Politiker stellten sich beim Politikmarkt an der Constantin-Vanotti-Schule fast fünf Stunden lang den Fragen von Jung- und Erstwählern. „Wir wählen“, sagen die Schüler. Von Politikverdrossenheit ist  in Überlingen nichts zu spüren. Eine ganz andere Frage dagegen ist, wen die jungen Wähler wählen. Ins Gespräch kamen Schüler mit den Landtagsabgeordneten Ulrich Müller (CDU), Norbert Zeller (SPD) und Hans-Peter Wetzel (FDP) sowie dem Kandidaten Martin Hahn (Bündnis 90/Die Grünen). Noch längst nicht alle jungen Wähler haben sich entschieden. „Wählen zu dürfen ist etwas Tolles“, sagt der Lehrer Andreas Glöser von der Politik AG, die den Markt mitorganisiert hat. „In arabischen Staaten gehen Menschen für das Wahlrecht auf die Straße und werden erschossen.“

Schüler interessieren sich für Netzpolitik

Die Überlinger Jungwähler haben so wie Matthias Walter und Johannes Dato verstanden. Die beiden Schüler machen im kommenden Jahr Abitur und dürfen bei der Landtagswahl am 27. März zum ersten Mal wählen. Die beiden sagen, dass sie wählen gehen, sei klar.Noch nicht endgültig entschieden haben sie dagegen, welcher Partei sie ihre Stimme geben. Ihnen und ihren Mitschülern geht es zum Beispiel um Studiengebühren, das dreigliedrige Schulsystem, die Ausstattung von Universitäten und auch um das Internet. Sie fordern differenzierte Antworten ein. Datenschutz und Vorratsdatenspeicherung sind Politikfelder, die die Schüler interessieren. Es geht plötzlich um Gesichtserkennung, Datenabgleich und die Identifizierung zufällig fotografierter fremder Personen. Der Landtagsabgeordnete Wetzel fragt: „Wollen wir das wirklich?“

Nur vier Marktstände in Constantin-Vanotti-Schule erlaubt

Matthias Walter und Johannes Dato finden es gut, die Kandidaten an ihren Wahlständen im Eingangsbereich der Schule zu treffen. In ihrer Freizeit hätten sie sich wahrscheinlich nicht so intensiv informiert. Das sagen sie freimütig. Nicht so gut finden sie es aber, dass sich nur die vier im Landtag bereits vertretenen Parteien zeigen dürfen. „Wenn, dann sollten alle das gleiche Recht haben“, sagen sie. Wetzel meint: „Ich hätte kein Problem damit.“ Auch Lehrer Andreas Glöser macht keinen Hehl daraus, dass er am liebsten alle auf dem Wahlzettel stehenden Parteien eingeladen hätte. Die Schüler hätten das Recht, sich zu informieren. Vor fünf Jahren seien auch die Bibeltreuen Christen mit einem Stand auf dem Marktplatz vertreten gewesen.Dieses Mal hat es das Kultusministerium verboten.

Grüner Martin Hahn spürt Wind des Wechsels

Martin Hahn war sichtlich überrascht. Die jungen Wähler interessierten sich nicht etwa für Öko-Möhrchen oder Grüne Agrarpolitik. Sie fragten den Biobauern nach dem neuen E10 Benzin, dem ein Bioethanolanteil von 10 Prozent beigemischt ist und das nicht alle alten Autos vertragen. „Seit 8 Uhr bin ich da und es ist ganz spannend“, sagt Martin Hahn, als er fast vier Stunden später noch immer am Stehtisch mit Schülern diskutiert. Die Schüler sprachen mit ihm über Energie- und Bildungspolitik. Hahn glaubt, so etwas wie Wechselstimmung zu spüren. In der vergangenen Wochen kamen, was ihn überraschte, gerade einmal 500 Interessierte zum T-City Tag nach Friedrichshafen. Mehr wollten den Ministerpräsidenten Stefan Mappus und Bundeskanzlerin Angela Merkel anscheinend nicht live erleben. Hahn schließt daraus, dass die CDU ein Problem habe, ihre Wähler zu mobilisieren. Apropos CDU-Regierung: Hahn hat kein Verständnis dafür, dass sich in der Schule nur die vier im Landtag vertretenen Parteien präsentieren durften. „Mir sind die Piraten hier drin lieber als draußen“, sagt Hahn.

CDU-Abgeordneter Müller rechnet mit hoher Wahlbeteiligung

Auch der Landtagsabgeordnete Ulrich Müller (CDU) kennt die aktuellste Wahlumfrage von Emnid, bei der CDU und FDP auf 46 Prozent und SPD und Grüne auf 45 Prozent der Stimmen kommen. Von Wechselstimmung spricht er nicht, sondern davon, dass viele Menschen auf keinen Fall eine rot-grüne Regierung wollten. Er sagt, er sei zuversichtlich. „Der Wahlkampf ist spannender“, so Müller. Er rechnet mit einer höheren Wahlbeteiligung als bei der letzten Landtagswahl. Je näher der Wahltag rücke, desto mehr Wähler würden sich für Schwarz-Gelb entscheiden. Müller hat sich mit vielen Schülern unterhalten – an Podiumsdiskussionen nimmt er nicht teil, mit jungen Wählern spricht er gern. Er habe massive Zustimmung zum Ja der CDU zu Stuttgart 21 gespürt. Piraten und Linke oder ÖDP vermisste er auf dem Marktplatz anscheinend nicht. Dass das Kultusministerium nicht im Landtag vertretene Parteien während des Wahlkampfs bei Veranstaltungen an Schulen ausschließt, kann der CDU-Politiker nachvollziehen. „Es war hier bisher kein Thema“, sagte Müller nach knapp vier Stunden Diskussionen mit Schülern.

Rennen um die Jungwähler

Leon Hahn, Kreisvorsitzender der Jusos im Bodenseekreis, sieht das anders. Er sagt, aus demokratischen Gründen sei es nicht korrekt, nicht alle Parteien einzuladen. Hahn ist sich sicher: Viele Schüler sind noch unentschlossen. So gesehen dürfte es tatsächlich ein Vorteil für die etablierten Parteien sein, dass sie im Rennen um die Jungwähler an der Constantin-Vanotti-Schule nicht auch noch mit Roberto Salerno (Linke) und Stephan Hestermann (Piraten) um die Unentschlossenen konkurrieren mussten. Cornelius Veithen von der Politik AG sagt, über die Anweisung des Kulturministeriums habe sich die Schule nicht hinwegsetzen können. Abiturient Konstantin Kaiser sitzt lässig auf einem Sofa am Rande des Marktplatzes. Er outet sich als einer, der sich bereits entschieden hat, wen er am 27. März wählen wird. Wahlkämpfern auf dem Leim gehen dürfte der Jungwähler nicht. Er sagt: „Die Politiker sagen uns hier, was wir hören möchten.“

S 21 anscheinend nicht wahlentscheidend

SPD-Kandidat Norbert Zeller, Vorsitzender des Ausschusses für Schule, Jugend und Sport, ist erleichtert. Er sagt, dass Stuttgart 21 auf dem Marktplatz eher keine Rolle gespielt habe. Bildungsfragen und Bildungspolitik – das sind Themen mit denen die SPD punkten möchte. Sie standen im Vordergrund und die Partei verspürt seit der Bremen-Wahl Aufwind. Das längere gemeinsame Lernen bewege die Schüler, sagt der Bildungspolitiker. Und auch sonst läuft es für ihn gut am Montag. „Kein einziger wollte die Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken“, fühlte sich Zeller bestätigt. Die Schüler hätten mit ihm über regenerative Energien und ihre zukünftigen Arbeitsplätze gesprochen. „Sie haben klare Vorstellungen“, so Zeller. „Es war kein einseitiges Gespräch“, sagt Zeller nach viereinhalb Stunden und muss dringend einen Schluck trinken. Dass sich nur die vier im Landtag vertretenen Parteien auf dem Marktplatz präsentieren durften, war für Zeller anscheinend kein größeres Problem. Dass es das Kultusministerium verfügte, findet er aber nicht richtig. Er sagte, das sollte jede Schule eigenverantwortlich entscheiden.

Fotos: wak

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