Präventionsarbeit statt Glasscherben in Konstanz

OB stellt klar: „Runder Tisch Seestraße und Seerhein“ ist Bürgerbeteiligung

Konstanz. Konstanzer Bürger sollen sich weiterhin unter freiem Himmel in der Seestraße und im Herosépark treffen können. Oberbürgermeister Horst Frank und der „Runde Tisch“ fordern einen „Dialog“ und „klare Regeln für das Verhalten im öffentlichen Raum“. Die Stadt denkt darüber nach, Toiletten und weiterer Mülleimer an den stark frequentierten Orten aufzustellen. Das Glasverbot habe bereits für Entspannung gesorgt. Bei einem Treffen in der Seestraße sollen Interessengruppen miteinander diskutieren können. Der „Runde Tisch Seestraße/Seerhein“ sei Bürgerbeteiligung, so der OB. Die Kritik der Jugendorganisationen der politischen Parteien wies er zurück.

Zeit, dass sich was dreht

Am Ende seien sich die Beteiligten einig gewesen: In Konstanz müsse sich etwas verändern . „Jugendliche wie auch Erwachsene sollen weiterhin Möglichkeiten haben, sich im Freien zu treffen und zu feiern, aber Müll, Lärm und Scherben gehören weder auf die Seestraße, noch auf das Herosé-Areal noch irgendwo anders hin im öffentlichen Raum“, heißt es in einer Mitteilung der Stadt am Mittwochnachmittag.

„Runder Tisch“ ist Bürgerbeteiligung

Oberbürgermeister Horst Frank hatte Vertreter des Konstanzer Schülerparlaments, der Schulen, Elternbeiräte, Mitglieder der Nachtwanderer, Anwohner und Betriebe der Seestraße und des Herosé-Areals, Mitarbeiter des Polizeireviers und der Polizeidirektion sowie Vertreter der städtischen Behörden zu einem „Runden Tisch“ ins Rathaus eingeladen. In einer „guten Atmosphäre“ und einem „konstruktiven Dialog“ hätten sie die aktuelle Situation im öffentlichen Raum besprochen und Lösungsvorschläge diskutiert. „Ganz bewusst war das Treffen als Gespräch mit den betroffenen Bürgerinnen und Bürgern geplant“, so die Stadt. Nicht nachvollziehbar sei, dass diese Bürgerbeteiligung, die in Kommunen eine immer wichtigere Rolle spiele, von Vertretern der Jugendorganisationen der Parteien als „Farce“ abgetan worden ist.

Dialog und klare Verhaltensregeln gefordert

Der Oberbürgermeister wies beim „Runden Tisch“ darauf hin, dass Sanktionen wie ein Glas- oder Alkoholverbot nicht ausreichten, um die Probleme im öffentlichen Raum zu lösen. Er verdeutlichte die begrenzten Möglichkeiten von Polizei und Behörden. Der OB unterstrich die „vorbildliche Präventionsarbeit der Nachtwanderer“, die er selbst schon auf Touren begleitet hatte. Eine Stärkung der Präventionsarbeit sei auch von vielen Teilnehmern des „Runden Tisches“ gefordert worden. Es soll weitere Gesprächemit dem Sozial- und Jugendamtes, aber auch Bündnisse mit Eltern und Präventionsarbeit an Schulen geben. Die Probleme könnten hier in Arbeits- oder Projektgruppen behandelt werden. Eine Teilnehmerin forderte „klare Regeln für das Verhalten im öffentlichen Raum“ und „moderierte Gespräche“ mit Jugendlichen. Auch sollten im öffentlichen Raum weitere Treffen stattfinden, um die Probleme mit den Betroffenen und Akteuren vor Ort gemeinsam zu besprechen und Veränderungen zu erreichen. Der Dialog einerseits, aber auch die Formulierung von klaren Verhaltensregeln andererseits sind am „Runden Tisch“ nach Information der Stadt als die beiden wesentlichen Bedingungen genannt, um zu einer für alle Seiten tragbaren Situation gelangen zu können.

Lärm, Müll und Scherben

Am Anfang des „Runden Tisches“stand eine Bestandsaufnahme. Anwohner der Seestraße und des Herosé-Areals hätten vom Lärm, Pöbeleien, Glasscherben, Vermüllung des Geländes und Sachbeschädigungen gesprochen, Das seien die Hauptprobleme bei den abendlichen Treffen unter freiem Himmel. Alkoholkonsum und die Eigendynamik großer Gruppen von 200 bis 300 Personen führten nach Aussage von Anwohnern dazu, dass die an sich friedlichen Treffen teilweise „gravierende negative Folgen“ hatten. Allein am Seerhein bargen die Anwohner in einer gemeinsamen Aktion rund 180 Liter Glas und Scherben aus dem Wasser.

Glasverbot bringt Entspannung

Übereinstimmend hätten mehreren Seiten bestätigt, dass das zwischenzeitlich ausgesprochene Glasverbot eine Entspannung mit sich brachte. Auch der neue Grillplatz auf Klein Venedig werde teilweise bereits als Treffpunkt angenommen. „Er könnte dazu beitragen, die Treffpunkte zu entzerren und die Situation an der Seestraße und am Seerhein zu entspannen“, heißt es in der Mitteilung der Stadt. Anwesende Schüler bestätigten allerdings auch, dass gerade die Seestraße und das Herosé-Areal als besonders „attraktiv“ angesehen würden. Die Verwaltung prüfe jetzt die Aufstellung von Toiletten und weiterer Mülleimer in den stark frequentierten Gebieten.

Alkohol als Problem Nummer 1

Als besonders problematisch wurde von vielen Anwesenden offenbar das Thema Alkohol bewertet. Viele Jugendliche und Kinder kämen nach wie vor zu leicht an Alkohol. „Koma-Saufen“ sei bei vielen „in“, obwohl erwiesen ist, dass es zu gesundheitlichen Schäden führen kann. „Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz beim Konsum von Alkohol sind häufig an der Tagesordnung“, so die Stadt. Ein temporäres Alkoholverbot für bestimmte Gebiete oder Plätze ist in Baden-Württemberg aufgrund der Rechtsprechung nicht möglich. Das Bürgeramt kündigte jedoch verstärkte Kontrollen und Testkäufe bei den Alkoholanbietern an.

Eltern wissen nicht was ihre Kinder tun

Sehr positiv bewertet wurde der vom Sozial- und Jugendamt initiierte „Präventionsparcour“, der bei etlichen Jugendlichen Nachdenklichkeit und eine Veränderung des Verhaltens bewirkt habe. Die Vertreter des Sozial- und Jugendamtes kündigten eine Wiederholung des Projekts an. Ein weiteren Problem seien die Eltern: Oft wüssten die Eltern viel zu wenig über das Freizeitverhalten ihrer Kinder. Das Sozial- und Jugendamt hätte im vergangenen Jahr rund 450 Polizeimeldungen über „Vorfälle“ in Konstanz erhalten – 380Meldungen betrafen Minderjährige. „In rund 150 Fällen führten Mitarbeiter des Sozial- und Jugendamtes Gespräche mit den Eltern“, heißt es in einer Mitteilung der Stadt.

„Es bewegt sich etwas“

Oberbürgermeister Frank kündigte für den 30. Juni 2011 einen Bericht zum „Runden Tisch“ und eine Diskussion des Themas im Gemeinderat an. Vor der Sitzung soll am 27. Juni nochmals ein Treffen des „Runden Tisches“ im Ratssaal stattfinden. Ebenfalls verabredet wurde ein weiteres Treffen an der Seestraße, um mit Jugendlichen vor Ort zu diskutieren. Auch zwischen Eltern, Schülern und Schulen soll es Gesprächsrunden geben, um gemeinsame Aktionen und Projekte zu besprechen und zu planen. Vielen Teilnehmer hätten den „Runde Tisch“ positiv bewertet. Es bewegt sich was.

Hier geht es zum Seerhein-Blog, auf dem Bewohner schreiben.

Foto: Gaby Stein PIXELIO www.pixelio.de

9 Kommentare to “Präventionsarbeit statt Glasscherben in Konstanz”

  1. MB
    8. Juni 2011 at 17:24 #

    Zitat: „Müll, Lärm und Scherben gehören weder auf die Seestraße, noch auf das Herosé-Areal noch irgendwo anders hin im öffentlichen Raum“

    Alles klar: Fastnacht 2012 ist abgesagt!!

  2. Konstanzer
    8. Juni 2011 at 17:32 #

    Seenachtsfest, Weinfest auch?

  3. BL
    8. Juni 2011 at 18:17 #

    @ MB

    hier geht es um den Sommer und den Badebetrieb. Jung und Alt schwimmt hier gerne und es hat schon zu viele Verletzungen gegeben.

  4. Gymnasiast
    8. Juni 2011 at 18:27 #

    „„Koma-Saufen“ sei bei vielen „in“, obwohl erwiesen ist, dass es zu gesundheitlichen Schäden führen kann.“

    Koma-Saufen wird wohl in 95% aller fälle mit(-unter) hartem Alkohol (Vodka, Rum, Tequilla, …) betrieben.
    Durch das Alkoholverbot ist es nun aber auch den Leuten untersagt an der Seestraße zu ‚chillen‘, die einfach nur zusammen am See sitzen, sich unterhalten und bei einem kühlen Bier den Ausblick genießen wollen.
    Warum wird diesen Leuten eine friedliche Freizeitbeschäftigung genommen? Alkohol ist nun mal ein wichtiger Bestandteil des jugendlichen Lebens, da kann kein territoriales Alkoholverbot etwas dran ändern. Wenn man den Jugendlichen nur verbietet Hart-Alk an besagten Orten zu konsumieren, wäre sowohl denen, die nur gemütlich Wein oder Bier trinken möchten geholfen, als auch denen, die ansonsten im Straßengraben oder im Krankenhaus aufwachen würden.
    Ob die patroullierenden Polizisten nun nach allen möglichen Arten von Flaschen, oder nur nach Hart-Alk Ausschau halten müssen, kann Ihnen ja egal sein. Und wenn sie sehen, dass Jugendliche stark angetrunken sind, obwohl kein solcher stärkerer Alkohol gefunden werden kann, haben sie ja immernoch ihre Platzverweisfunktion.
    Die Idee mit der Installation von Toiletten und zusätzlichen Mülleimern würde auf jeden Fall helfen und vor allem die Mülleimer die Glasscherben reduzieren. Zusammen mit den an den Verstand apellierenden Nachtwächtern, deren Engangement ich bewundernswert finde, könnte so ein friedlicher und hübscher Treffpunkt für Jugendliche erhalten werden und die Lärmbelästigung durch weniger stark Angetrunkene reduziert werden.

    Ich finde es wäre auf jeden Fall einen Versuch wert diesen Freizeitort für Jugendliche zu erhalten, denn durch das Alkoholverbot, werden Jugendliche sicherlich nicht einsichtiger, sondern eher genervt und trotzig nach dem Motto „Polizisten (und mit ihnen die Stadt KN) sind solche Spielverderber“.
    Mir ginge es nebenbei genauso.
    Weiterhin finde ich, genau wie die Facebook-Gruppe „Junges Konstanz gegen Alkoholverbot“, dass die Sitzung „Runder Tisch Seestraße und Seerhein“ nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit hätte stattfinden dürfen. Interessierte Jugendliche hätten ein Recht haben sollen zu erscheinen und ihre Meinung Kund zu tun, denn um diese geht es genauso wie um die Anwohner der Gebiete. Und durch einige Schülersprecher können tausende von Jugendlichen nicht ausreichend repräsentiert werden.

    Mfg, M. Baumann

  5. MB
    8. Juni 2011 at 18:49 #

    @ BL
    Das würde ja bedeuten, dass alle zufrieden wären, wenn die Feiernden nur noch Wein aus Kartons und Bier aus Dosen trinken. Wenn ich mir die Debatte hier anschaue, dann scheint es mir um ganz andere Dinge zu gehen.
    Wenn es nur um die Glasscherben ginge, dann wäre die Lösung die gleiche, wie bei den „großen“ Festen: Die Stadtreinigung wird es schon richten …

    Ich bin alt genug, um mich zu erinnern, wie wir uns als Jugendliche in den 70-iger Jahren den öffentlichen Raum erkämpften und dafür von den braven Bürgern als „Gammler“, „Asoziale“ usw. beschimpft wurden. Wenn jetzt der öffentliche Raum wieder privatisiert werden soll, wehre ich mich dagegen, unabhängig davon, ob mir alles gefällt, was dort geschieht.

    Im Übrigen: In einem freiheitlichen Rechtsstaat müssen Regelübertretungen geahndet werden, ohne die Freiheit aller einzuschränken. Hier gibt es sicher Defizite, über die lösungsorientiert diskutiert werden muss. Pauschalverurteilungen, wie sie auf hier in den Kommentaren zu anderen Beiträgen zu lesen waren, helfen da nicht weiter.

  6. Konstanzer
    8. Juni 2011 at 18:53 #

    Was fehlt den Jugendlichen, die hier beteiligt sind? Wirklich?

    Alkohol? Zertrümmerte Flaschen? Pöbeleien? Grillplätze? Musikschulen? Jugendtheater-Club? G8? Strengere Erziehung? Runde Tische der Erwachsenen? Flatrate-Discos? B-Free-Kampagnen?

  7. Konstanzer
    8. Juni 2011 at 19:24 #

    MB sagte: „Wenn jetzt der öffentliche Raum wieder privatisiert werden soll, wehre ich mich dagegen, unabhängig davon, ob mir alles gefällt, was dort geschieht. “
    Ja, dem kann ich nur zustimmen. Die Stadt(verwaltungen) führen sich mehr und mehr auf wie die neuen Feudalherren. Der öffentliche Raum, wem gehört der eigentlich? Da heisst es dann „Geschenk“, wenn das Hörnle weiterhin ohne Eintritt betreten werden kann. Die öffentlichen Einrichtungen (z.B. Bäder) werden wie Privatinvest beschrieben. Mit Gewinn-Marge und allem was dazu gehört. Die Filetstücke am Rhein werden für Immobilienprojekte verwendet. Fehlt eigentlich nur noch, dass man für die Benutzung von Sitzbänken eine Gebühr erhebt, wie vor einigen Jahren in Barcelona beobachtet, .. aber auch in Spanien weht ein anderer Wind… da kann ich so manchen Jugendlichen verstehen, der eine Flasche mit einem herzenstiefen „Fick-Dich“ wegwirt….

  8. BL
    9. Juni 2011 at 07:26 #

    @MB
    Ich stimme Dir zu und bin auch der Meinung, dass Pauschalverurteilung nicht weiter hilft und Regelüberschreitungen geahndet gehören. Lösungsvorschläge werden am Runden Tisch diskutiert.

    @Gymnasiast
    Von welchem Alkoholverbot schreiben Sie hier?
    Fakt ist, dass es inzwischen ein zeitlich limitiertes Glasverbot gibt. Ein Alkoholverbot wird von vielen gewollt, aber nicht von allen Beteiligten am Runden Tisch.

    Und noch eine Info zum Thema öffentlicher Raum. In Australien findet man keinen Strand, an dem Glas mitgenommen werden darf. Es gibt spezielle BBQ-Bereiche, dort ist es erlaubt. Wer mit Glas am Strand erwischt wird, bekommt empflindliche Strafen.

  9. UK
    9. Juni 2011 at 10:42 #

    Es ist ein Armutszeugnis und ein Eingeständnis völligen Versagens der Stadt, dass es nicht möglich ist, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Da wird dann schnell ein Verbot ausgesprochen, was aber alle trifft und Grundrechte einschränkt. Dann wird noch über ein Alkohol-Verbot nachgedacht, es sollen dafür Gesetze geändert werden. Wenn schon keine Ordnungskräfte zur Erhaltung der ganz normalen Ordnung verfügbar sind, wie sollen denn solche Verbote durchgesetzt werden, die ja noch mehr Personal benötigen. Ganz davon abgesehen braucht es keine neuen Gesetze und Verbote, alle schon da, was damit geändert wird, sind die Strafen für gleiche Vergehen.

    Was sind die nächsten Ideen unseres Superhelden und Fürsten. Ausgangssperre? Vorbeugende Festnahmen? Er scheint ja eher die Rechte der Konstanzer Bürger und seiner Besucher einschränken zu wollen, als eine echte Lösung zu suchen. Na dann Prost Herr Oberbürgermeister! Mein Tipp für Sie: leben Sie mal einige Monate in einer richtigen Stadt, wie Berlin, München, Hamburg, dann werden Sie wohl etwas abgeklärter …

    PS: Ich gehöre eher zu den Betroffenen und bin auch mindesten doppelt so alt, wie die angefeindeten Schüler.

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