Unfair und herzlos: Soziale Stadt in Konstanz in Gefahr

Quartiersmanager Berchen/Öhmswiesen Luigi Pantisano warnt vor dem Aus – SPD-Politiker Peter Friedrich und Zahide Sarikas enttäuscht

Zahide Sarikas, Peter Friedrich und der Quartiersmanager am AdventskalenderKonstanz. Die schwarz-gelbe Bundesregierung will es so: Die Soziale Stadt soll sterben. Die Regierung hat das Geld gestrichen. In Konstanz stehen Integrationsprojekte wie interkulturelle Gärten, Treffpunkte für Jugendliche oder Sprachkurse für Mütter vor dem Aus. Der Konstanzer Bundestagsabgeodnete und Generalsekretär der SPD in Baden-Württemberg, Peter Friedrich, und SPD-Landtagskandidatin Zahide Sarikas sehen das äußerst kritisch. Alle reden von Integration. Die schwarz-gelbe Mehrheit macht sie kaputt.

Wo ist die Soziale Stadt?

Die Straßen heißen hier Brandenburger Straße, Magdeburger oder Mannheimer Straße. Der Migrantenanteil im Quartier liegt laut Quartiersmanager Luigi Pantisano bei etwa 45 Prozent. Die Menschen leben in dem Stadtteil zwischen Petershausen und Wollmatingen nicht in Stadtvillen, sondern in Mehrfamilienhäusern, weil sie bezahlbare Wohnungen brauchen, und manchmal hängend Jugendliche abends auch an Bushaltestellen herum. Der Bereich Berchen/Öhmswiesen zählt nicht zu den noblen Wohngegenden in Konstanz. Dass sich die Lebens- und Aufenthaltsqualität zuletzt verbessert hat und die Jugendlichen bald einen Kunstrasenbolzplatz und ein Basketballfeld haben, hat viel mit der Sozialen Stadt zu tun.

Menschen erreichen

Das Büro von Quartiersmanager Luigi Pantisano wirkt bescheiden: Schreibtische, PC, Faxgerät, Anrufbeantworter und ein Besprechungstisch. Nebenan lernen gerade Zuwanderinnen in kleinen Gruppen Deutsch. Luigi Pantisano spricht von einem „niederschwelligen Angebot“. Zahide Sarikas, die als Jugendliche aus der Türkei nach Deutschland kam, sagt: „Man erreicht hier Menschen, die man sonst nicht erreichen würde.“ Das ist ihr wichtig. Manche Migranten lernen Fahrradfahren oder machen vom Treffpunkt aus zum ersten Mal einen Ausflug auf die Mainau oder mit ihren Kindern in die Wilhelma nach Stuttgart.

300 Quadratmeter interkultureller Garten

Luigi Pantisano, der von Beruf Stadtplaner und Architekt ist, und mit der Sozialarbeiterin Hand in Hand arbeitet, erzählt von den Modellvorhaben. Es gibt interkulturelle Elternarbeit „Mama lernt Deutsch“, Sprachkurse für Fortgeschrittene, immer mittwochs einen selbst gekochten Mittagstisch und das Rucksack-Projekt, in dem Mütter lernen, was ihre Kinder im Kindergarten oder der Schule gerade lernen. Luigi Pantisano spricht von Jugendarbeit, die ein Integrationsprojekt ist. Zehn- bis Zwölfjährige treffen sich auf dem Spielplatz. Kinder machen Hausaufgaben, und viele Bewohner werden in der Sozialen Stadt zum ersten Mal von sich aus aktiv. In einem interkulturellen Garten, einem 300 Quadratmeter großen Grundstück, das ihnen die Stadt überließ, werkeln Deutsche und Migranten, Akademiker und Arbeiter. Sie haben sogar einen Verein gegründet. Im Nachbarschaftsgarten entstünden Freundschaften. Die Jugendlichen von der Bushaltestelle wurden nach ihren Wünschen gefragt. Auf dem Basektballfeld, das gerade gebaut werde, soll es im kommenden Sommer ein Turnier geben. Realschüler entwerfen Sitzbänke. Und viele Bewohner seien sogar ein bisschen stolz auf die bunten Häuser. „In Petershausen gibt es keine“, so Luigi Pantisano.

2011 oder 2012 ist Schluss

Die meisten Projekte laufen noch bis 2011 oder 2012. „Wie geht es weiter?“, fragt Luigi Pantisano den SPD-Bundestagsabgeordneten Peter Friedrich. Er sagt: „Die Soziale Stadt steht auf der Kippe.“ Vielleicht braucht es ein paar Zahlen und Fakten, um zu verstehen: Die Soziale Stadt ist ein Projekt, das mit Mitteln des Bundes und des Landes zusammen zu 60 Prozent und zu 40 Prozent mit Geld der Kommunen finanziert wird. Das Geld fließt als Zuschuss in die Sanierung von Häusern. Spiel- und Bolzplätze und Grünflächen, die in Konstanz „grüner Bogen“ heißen, lassen sich finanzieren. Parallell dazu gibt es Zuschüsse für soziale Projekte. Konstanz hatte Ideen für sechs Millionen Euro auf dem Wunschzettel. Angepackt worden sind Vorhaben für zweieinhalb Millionen Euro. In Zukunft wir das Geld gestrichen. Im Bundeshaushalt gibt es keine Mittel mehr oder konkret statt 94 Millionen Euro nur noch 28 Millionen Euro, die nicht für soziale Projekte gedacht sind. „In eineinhalb Jahren wird die Soziale Stadt verschwunden sein“, fürchtet Friedrich. In einem Jahr läuft auch Luigi Pantisanos Stelle aus.

Rückschlag für Integrationsprojekte

Friedrich sagt, dass 2011 für die Kommunen ein schweres Jahr werde. Er glaube nicht, dass sie Projekte, aus denen sich der Bund verabschiedet, alleine stemmen können. Wie sich das Land verhalte, sei noch unklar, so Friedrich. Dass die schwarz-gelbe Bundesregierung noch einmal umdenkt, glaubt er nicht. Dass die Jugendlichen und Migrantinnen nach einer Unterbrechung so einfach wieder kämen, hält er zudem für unwahrscheinlich. Die Strukturen würden wieder verschwinden. Luigi Pantisano sagt, dass die Soziale Stadt mit Bundes- und Landesmitteln deshalb unterstützt werde, weil sie zu den benachteiligten Quartieren gehöre. Er sieht die Soziale Stadt denn auch nicht unbedingt oben, wenn es darum geht, Geld zu verteilen und Prioritäten zu setzen.

Luigi Pantisano (r) im Gespräch mit SPD-Politikern

Fotos: wak

Link zu Zahide Sarikas http://www.zahide-sarikas.de/index.php?nr=44206&menu=1

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