Miserable Kinderbetreuungsqoute

Nur für 14 Prozent der Kleinsten Krippenplätze in Überlingen

Überlingen (wak) Nur für 14 Prozent der unter drei Jahre alten Kinder gibt es in Überlingen aktuell einen Krippenplatz oder einen Platz bei einer Tagesmutter. Diese Quote nannte die Stadt. Tatsächlich stehe es um die Betreuung der Kleinsten sogar noch schlechter als die Stadt glaube, sagen Kenner der Szene. Sie rechnen schon einmal vor, dass es gerade einmal 25 ordentliche bedarfsgerechte Plätze in Überlingen gebe. Die Öffnungszeiten seien das Problem. Die Quote liege deshalb nicht bei 14 Prozent, sondern nur bei 5 Prozent.

Öffnungszeiten sind nicht immer bedarfsgerecht

Dass Kritiker auf eine andere Quote als die Stadt kommen, hat tatsächlich einen einfachen Grund. Die Stadt verweist auf 46 Plätze für unter Dreijährige in verschiedenen Einrichtungen sowie auf 15 Tagespflegeplätze. Von wegen, sagen da aber Kenner der Szene. Nur im Goldbachhaus und im Kindergarten St. Suso gebe es längere Öffnungszeiten, die den Bedürfnissen der Eltern entsprechen. Doch welche Bedürfnisse haben junge Eltern überhaupt? Selbst das könnte ist also nur die halbe Wahrheit sein: Denn sogar im Goldbachhaus mit seinen 10 Plätzen beginnt die Betreuung zwar um 7.30 Uhr endet aber schon um 15.30 Uhr. Mit einem Vollzeitjob wird es da schon schwierig.

Junge Mütter rechnen mit Krippenplatz

Wegen der Finanznot der Kommunen, scheint der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ernsthaft in Gefahr. Das ist nicht nur, aber auch in Überlingen so. Ab Herbst 2013 sollen bundesweit 35 Prozent der Kinder unter drei Jahren von Kindertagestätten oder Tagesmüttern betreut werden. Im Kinderland Baden-Württemberg sind es nur 34 Prozent. Eine Forsa-Umfrage ergab kürzlich aber, dass sogar 66 Prozent der jungen Mütter (bei Akademikerinnen 78 Prozent) ihre Kleinen in einer Krippe oder von einer Tagesmutter betreuen lassen wollen.

Entscheidung fällt bei Haushaltsberatungen

In Überlingen ist derzeit fraglich, ob es bis 2013 für 35 Prozent der Kleinen einen Betreuungsplatz gibt. Klappen kann das nach Auskunft der Stadt nur, wenn sich der Gemeinderat der Kleinkinderbetreuung bei den Haushaltsberatungen Vorrang einräumt und im Haushalt 2010 und in der mittelfristigen Finanzplanung die Pflöcke einschlägt und damit den Weg für neue Krippenplätze frei macht. Schätzungen zufolge entspräche die Quote von 35 Prozent etwa 140 Plätzen. Dass die Stadt für jedes Kind einen Platz vorhalten kann, wird dagegen auch in Überlingen zunehmend unwahrscheinlicher. Der Rechtsanspruch wackelt aufgrund der finanziellen Situation. Das ist so, auch wenn Oberbürgermeisterin Sabine Becker mehrfach sagte, dass sie überall sparen wolle nur nicht an der Kinderbetreuung.

Alternative Patchwork-Betreuung

Solange es auch in Zukunft noch nicht für jedes Kind einen Platz gibt, werden Eltern weiter improvisieren und individuelle Lösungen suchen müssen. Doch Patchwork-Betreuung – zuerst Krippe, dann abholen durch Freundin und weiterreichen an Tagesmutter – sei nicht bedarfsgerecht und auch nicht gut für das Kind. Zumindest sagen das Kinderbetreuungsprofis.

Geld für zehn neue Krippenplätze übrig aus 2009

Bis 2013 erhält die Stadt noch aus einem Bundesprogramm pro neu geschaffenem Platz 12.000 Euro. Insgesamt kostet ein neuer Krippenplatz aber 40.000 Euro – die Differenz muss die Kommune selbst aufbringen. Und das tut sie auch: Bereits im Haushalt des vergangenen Jahres hatte die Stadt Überlingen aber offenbar aber Geld für zehn neue Plätze eingestellt. Die neue Gruppe möchte der Träger Goldbachhaus einrichten. Seit bald einem Jahr könnte es im Goldbachhaus denn auch bereits zehn zusätzliche Krippenplätze geben, sagte Johannes Beyer vom Trägerverein. Doch das Geld ist bisher noch nicht geflossen. Er hoffe nun, dass es zügig gehe, und das Goldbachhaus den Roten Punkt bekomme. Die Pläne seien längst fertig und gebaut werden solle in Holzständerbauweise. Das gehe schnell, sagte Johannes Beyer,

Täglich neue Anfragen von Eltern

Anfragen von Eltern, die dringend einen Krippenplatz suchen, gibt es in Überlinger Krippen fast täglich. Auch im evangelischen Bonhoeffer-Haus, das Kindertagesstätte und Hort ist, und gar keine Plätze für unter Dreijährige anbietet, melden sich Eltern von Kleinkindern. Sie fragen schon einmal wegen eines Krippenplatzes nach, weil sie gehört haben, dass das Bonhoeffer-Haus möglicherweise aufstocken wolle. Tatsächlich würde das Bonhoeffer-Haus gern zehn Plätze für Kinder unter drei und ab acht Monaten anbieten. Zu viele Plätze wären es nicht: Mindestens zwölf oder 14 Plätze könnte das Bonhoeffer-Haus wohl sofort belegen. Besonders oft versuchen Eltern Plätze für Geschwisterkinder zu finden.

Baustelle bedarfsgerechte Kinderbetreuung

Die Stadt in Nachbarschaft zum Bonhoeffer-Haus ein Areal, das ehemalige Postgelände, gekauft. Auch dort könnte eine Krippe entstehen. Die Zusammenarbeit mit einem freien Träger wie der evangelischen Kirche wäre für die Stadt von Vorteil: Sie müsste dann nicht hundert Prozent der Kosten selbst tragen, sondern könnte davon ausgehen, dass der Träger einen Anteil der Investitionskosten bezahlt. Doch momentan gibt es noch viel mehr Fragezeichen als Antworten: Der Kindergarten St. Angelus müsste renoviert werden. Am Burgbergkindergarten stehen noch Container. Nußdorf könnte zum zentralen Kinderhaus ausgebaut werden. Das Bonhoeffer-Haus hat Interesse. Fraglich ist zudem, ob am Ende allen jungen Eltern geholfen werden kann: Wer beispielsweise im Schichtdienst im Helios Spital arbeitet, hat zumindest momentan nur wenig Chancen, eine sogenannten bedarfsgerechten Platz in einem öffentlichen Kinderhaus zu finden.

Fotos: Archiv wak

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