Wahlwatching in Konstanz: Mögen Sie Podiumsdiskussionen, Herr Bücklein?

Wortwechsel über Politiker-Sprech, Wahlkampf und die Bückleinkunsttalkshow – Nachgefragt bei Tobias Bücklein

Konstanz. Ein neues Format braucht die Politik. Dass Wahlkampf Spaß machen und Infotainment sein kann, hat im Januar Tobias Bücklein vorgemacht. Er präsentierte vier Konstanzer Landtagskandidaten in seiner Bückleinkunsttalkshow. Das Publikum war begeistert. Podiumsdiskussionen hat Bücklein sozusagen eine lange Nase gemacht.

Interview

See-Online: Herr Bücklein, haben Sie nach der Show ein Feedback von den Teilnehmern und aus dem Publikum bekommen? Wie kam Ihr Format an?

Tobias Bücklein: Sehr gut. Das Publikum mochte es, die Politiker einmal als Menschen kennenzulernen und nicht nur Phrasen dreschen zu hören. Wie vor jeder Show hieß es auch dieses Mal: „Das geht doch gar nicht“ oder „Das ist aber gefährlich“. Umso größer ist dann die Überraschung, wenn es doch klappt. Gottseidank!

See-Online: Heute Morgen habe ich in meinem Google-Kalender drei oder vier Podiumsdiskussionstermine entdeckt. Würden Sie als Zuhörer eine Podiumsdiskussion besuchen, bei der vier oder fünf Kandidaten jeweils dieselben Fragen gestellt bekommen und bis zu fünf Minuten Zeit haben sie zu beantworten?

Tobias Bücklein: Ich selbst gehe normalerweise nicht zu Podiumsdiskussionen, so wie ich auch keine Streitgespräche mag. Es ist unergiebig, sich gegenseitig unterschiedliche Standpunkte um die Ohren zu schlagen. Die können Sie auch in den Wahlprogrammen oder sonstigen Quellen nachlesen.

See-Online: Ehrlich gesagt. Bei der ersten Podiumsdiskussion zur Landtagswahl, die in Konstanz stattfand, habe ich mich gelangweilt. Hinterher war mir auch klar warum: Erstens habe ich keine einzige Neuigkeit gehört und zweitens habe ich so gut wie nichts Persönliches über die Kandidaten erfahren. Waren meine Erwartungen zu hoch?

Tobias Bücklein: Ja und nein. Dass Sie nichts Persönliches gehört haben, lag evtl. an der Moderation oder am Fokus der Veranstaltung. Dass Sie nichts Neues gehört haben, lag daran, dass es in einer Podiumsdiskussion nichts Neues zu sagen gibt. Oder glauben Sie im Ernst, dass einem Kandidat ausgerechnet in einer Diskussion vor Publikum ein neues Argument oder gar eine neue Problemlösung einfällt?

See-Online: Herr Bücklein, die Bückleinkunsttalkshow hat es geschafft, vier Konstanzer Landtagskandidaten auf die Bühne zu holen und sie erzählen zu lassen: Sie präsentierten eine Show, die geistreich, witzig, spannend, manchmal auch überraschend aber nie peinlich war. Die Kandidaten erzählten freimütig aus ihrer Kindheit und ihrem Leben und sie zeigten, dass sie nicht nur Politiker-Sprech können. Ist das das Format der Zukunft?

Tobias Bücklein: Erst einmal vielen Dank für das Lob! Ich selbst mag natürlich meine Mischung aus Gespräch, Information und Musik. Also „Unterhaltung im doppelten Sinne“. Für mich selbst ist es das Format der Zukunft. Das Bedürfnis des Publikums nach Information und gleichzeitigem Amüsement auszutarieren ist schwierig aber mir macht es Spaß. Es ist dafür allerdings sehr viel Vorbereitung nötig, ein bisschen so wie eine mündliche Abitursprüfung …

See-Online: Sie sind ja eigentlich Musiker, worauf kommt es beim Talken an?

Tobias Bücklein: Ich begleite sehr oft Sänger und Schauspieler am Klavier. Dabei muss ich genau zuhören, Atmosphärisches spüren, vom Klavier aus die Richtung vorgeben aber auch nachgiebig genug sein, wenn der Mitmusiker etwas anderes will. Davon kann ich beim Talken viel gebrauchen. Es geht auch hier darum, gut zuzuhören, den anderen positiv in Szene zu setzen, mitzugehen und gleichzeitig zu führen.

See-Online: Sie baten die Kandidaten zuerst einzeln zu Interviews auf die Bühne. Hatten Sie die Fragen, die Sie stellen wollten, alle vorab formuliert? Wie viel war spontan?

Tobias Bücklein: Meine Vorbereitung ist sehr intensiv. Ich habe eine Vielzahl möglicher Fragen im Kopf, die ich mir auch bis in die Formulierungen hinein überlege. Gleichzeitig habe ich pro Gesprächspartner ein bis zwei Grundfragen, die ich nicht aus dem Auge verlieren möchte. Der Rest geschieht spontan, ich wähle aus den vorbereiteten Fragen aus oder mir fallen ganz andere ein.

See-Online: Dürfen Kandidaten, wenn sie auf einem Podium sitzen, eigentlich auch ein bisschen miteinander streiten?

Tobias Bücklein: Ich selbst finde Streit nicht attraktiv. Wenn ich mir aber die TV-Landschaft und die Medien allgemein ansehe, scheinen mir die Menschen ein großes Interesse an Zwietracht, Polarisierung, Gewalt, etc. zu haben. Insofern erwarten die Besucher von Podiumsdiskussionen vermutlich auch, dass gestritten wird. Bei einer Podiumsdiskussion geht es vielleicht mehr darum, wie sich die Kandidaten zeigen, als, was sie konkret sagen. Das ist ein bisschen wie beim Wrestling – also eine Art „Schau-Streiten“.

See-Online: Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach bei einer Podiumsdiskussion das Publikum mit einzubeziehen? Was halten Sie davon, die Zuhörer nach einer Politiker-Antwort zu fragen, ob eine Frage damit auch tatsächlich beantwortet ist? Das Publikum könnte es ja mit hochgehaltenen grünen oder roten Kärtchen signalisieren.

Tobias Bücklein: Das mit den Kärtchen finde ich eine gute Idee. So etwas Ähnliches habe ich auch schon in einer bückleinkunstalkshow gemacht. Das Publikum einzubeziehen ist extrem wichtig, weil es nur durch eine (emotionale) Beteiligung am Ball bleibt. Ein guter Moderator kann natürlich stellvertretend für das Publikum immer genau die richtige Frage stellen, bzw. nachhaken. Dann bleibt auch das Publikum wach und man muss gar nicht direkt nachfragen.

Wenn das Publikum selbst am Saalmikrofon Fragen stellt, kommen oft ellenlange Statements oder Selbstdarstellungen ohne Substanz heraus. Ich bevorzuge deshalb – falls überhaupt nötig – den „Anwalt des Publikums“. Das ist eine Person, die im Publikum sitzt, Fragen einsammelt, auswertet und dann stellvertretend an das Podium richtet.

See-Online: Letzte Woche sagte mir ein Mitarbeiter aus einem Wahlkampfteam, dass er entsetzt sei. Die Kandidaten könnten fünf Minuten lang eine einzige Frage beantworten. Das könne sehr langatmig werden. Nach wie vielen Minuten würden Sie einen Cut machen?

Tobias Bücklein: Es gibt natürlich viele Sachfragen, die durchaus Zeit brauchen, um angemessen erläutert zu werden. Wenn Sie die Argumente beispielsweise zum Thema „Pro oder Contra Studiengebühren“ seriös austauschen wollen, brauchen Sie bei weitem mehr als 5 Minuten.

Dass Politiker Phrasen dreschen, liegt ja durchaus auch daran, dass ihre Aussagen eben in den Medien auf diese Ausschnitte und Phrasen verkürzt wiedergegeben werden und dass nur wenige bereit sind, wirklich einer ausführlichen Sachdiskussion zu folgen.

Ein Moderator kann aber die Standpunkte der Gesprächsteilnehmer gleich am Anfang eines Themas zusammenfassen und dann an den heiklen Punkten nachhaken. Damit erspart er allen lange Statements über bekannte Positionen.

See-Online: Verraten Sie uns, wie viel Zeit Sie in Ihre Show investiert haben? Ich meine allein für die Vorgespräche mit den Kandidaten und die Informationsbeschaffung, also die Recherche.

Tobias Bücklein: Auf eine Show bereite ich mich über einige Wochen hinweg vor. Das in Stunden auszudrücken ist schwierig, aber es gibt natürlich Recherchen, ich drehe und schneide Video-Zuspiele, probe mit anderen Musikern oder den Kandidaten, besorge Requisiten, kümmere mich um die Werbung und denke viel nach. Außerdem schreibe ich ja die musikalischen Beiträge oft individuell für eine Show, übe z.B. ein türkisches Lied ein, obwohl ich gar kein türkisch kann. – Also, da kommt schon einiges zusammen.

See-Online: Was halten Sie davon, dass sonstige Parteien zu Podiumsrunden meistens nicht eingeladen werden? Würden mehr Diskussionsteilnehmer ein Podiumsgespräch eher spannender und bunter machen oder gefühlt noch mehr in die Länge ziehen?

Tobias Bücklein: Das ist eine schwierige Frage, und ich habe mich ja bei meiner Show für die vier „großen“ Parteien entschieden. Ein sinnvolles Gespräch mit 6 oder 8 Teilnehmern wäre in meinem Format nicht möglich gewesen.

Ich glaube, dass nicht immer alle auf dem Podium sitzen müssen und man dennoch allen eine faire Chance geben kann, auf sich aufmerksam zu machen. Im Zweifelsfall können Sie auch in 30 gut gestalteten Sekunden einen bleibenden Eindruck hinterlassen und Sympathien gewinnen. Deshalb hatte ich solche kurzen Einwürfe als Videoaufzeichnung auch den Kandidaten der anderen Parteien angeboten.

Insgesamt vermute ich sogar, dass die kleinen Parteien im Verhältnis zu ihrer tatsächlichen Stimmenzahl sogar eine höhere mediale Aufmerksamkeit erhalten als die großen.

See-Online: Welchen Tipp könnten Sie einem Moderator geben?

Tobias Bücklein: Er sollte die voraussehbaren Antworten seiner Gäste möglichst kennen. Dann kann er den Gesprächsverlauf mit vielen Abkürzungen so planen, also z.B. durch die Worte zur Einführung eines Gastes dessen erstes 10-Minuten-Statement schon überflüssig machen. (Das sollte er allerdings nur bei Gästen machen, die noch mehr drauf haben, als das Wahlprogramm auswendig runterzubeten.)

Wenn die zwei bis drei entscheidenden thematischen Streitpunkte vorher herausgearbeitet sind, kann das Gespräch dorthin geleitet werden und erstickt nicht in Detailkram.

Und er sollte das Publikum im Auge haben und es immer wieder ansprechen.

See-Online: Am Schluss Ihrer Show sagten Sie, dass vorerst keine neue Bückleinkunsttalkshow geplant sei und dass Sie Sponsoren suchen. Hat sich mittlerweile ein freigiebiger Mäzen bei Ihnen gemeldet?

Tobias Bücklein: Ich mache diese Show ja sehr gerne, aber Sie müssen sich im klaren sein, dass eine nicht-subventionierte Show selbst vor ausverkauftem Haus praktisch nur die Kosten für Raum, Technik, GEMA, Recherchen, Requisiten, etc. trägt. Meine Arbeit ist sozusagen Zugabe. Das können sich die meisten Leute gar nicht vorstellen.

Ich führe derzeit Gespräche mit potentiellen Sponsoren und es könnte noch in diesem Jahr eine Lösung geben.

Vielen Dank fürs Gespräch. Nachgefragt hat Waltraud Kässer.

Foto: Julius Ise

 

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