Während Rom schmunzelt, zetern CDU und Geistlichkeit

Lenks Päpstlein sorgt für lebhafte Diskussionen

Konstanz (gro) Für wie blöd halten CDU, Henneberger und Bodensee-Pfarrer eigentlich den Bildhauer Peter Lenk? Schon vor 17 Jahren, als die Hafenschöne Imperia aufgestellt wurde, schlug dem Künstler aus angeblich christlicher Perspektive Ablehnung bis zum blanken Hass entgegen, weil er einer so genannten Hübschlerin ein Denkmal setze. Und nun geht es ihm heute ähnlich, weil ein nacktes Päpstlein aus seiner Werkstatt die neu hergerichtete Konstanzer Bahnhofshalle mit besonderer Attraktivität beschenken soll. Die Papstfigur, so verfügte nach einer Sondersitzung (!) der Aufsichtsrat der Touristinformation, soll wieder weg. In Rom, so sagt der Kirchenhistoriker Heinrich („Enrico“) W. Pfeiffer, schmunzle und lache man „übers göttliche Bodenpersonal einschliesslich der Kardinäle und Päpste“ viel mehr, als man sich das im Norden der Alpen vorstellen könne. Lenk traf Professsor Pfeiffer bereits 1993 in der Gregoriana, um sich mit ihm über die Causa Imperia auszutauschen.

Einladung in vatikanische Sperrgebiete

CDU und Bodensee-Geistlichkeit hätten über die Begegnung des Künstlers mit vatikanischen Grössen einiges nachlesen können, bevor sie sich in neuerlichen Empörungen übten. Der Literaturwissenschaftler Helmut Weidhase von der Universität Konstanz hat alle näheren Umstände in Sachen Imperia in schmucken Büchern und Broschüren (meist im Verlag Stadler erschienen) dargestellt. Lenk erhielt damals in Rom eine Sondererlaubnis. Er war einer der Ersten, der in unterirdische vatikanische Sperrgebiete (unterhalb von Petersdom und Sixtinischer Kapelle) eingelassen wurde, darin stöbern durfte und bis dahin weitgehend unzugängliche Kunstwerke und Dokumente kennenlernen konnte. Lenk ist heute überzeugt davon, dieser Zugang habe ihn auch davon informieren sollen, dass vieles, was von Historikern der Kirche angelastet („und in die Schuhe geschoben“) wird, im ausgehenden Mittelalter dem säkularen Adel und anderer weltlicher Gewalt zugerechnet werden muss. Soweit zu römisch-vatikanischen Erfahrungen.

Ein Hassprediger im Konstanzer Münster

Im Konstanzer Münster, der ehrwürdigen ehemaligen Bischofskirche, auf die die Konstanzer mit Recht auch heute noch stolz sind, erinnert eine Gedenktafel daran, dass dort im 12. Jahrhundert Bernhard von Clervaux zum zweiten Kreuzzug ins Heilige Land aufgerufen hat. Der Zisterzienser-Abt, eine Art oberster Mönchsritter, wäre heute mit seinem Aufruf „Sterben für den Herrn“ als Hassprediger einzustufen. Den Anhängern Mohammeds, so verkündete der heilige Bernhard auch in Konstanz, bleibe nur die Alternative, „sich zum Christentum zu bekehren oder zu sterben“. Es nützte im Übrigens nichts: Der zweite Kreuzzug scheiterte, das Heer der Kreuzritter wurde von den Türken in Anatolien abgeschlachtet. Die Tafel im Konstanzer Münster würdigt den streitbaren Abt von Clairvaux trotzdem weiter. Niemand hat etwas dagegen.

Bild Christi in der Kunst und Michelangelos Jüngstes Gericht

Heinrich („Enrico“) W. Pfeiffer, vor einigen Jahren altershalber emeretiert, aber nach wie vor als Hochschullehrer tätig, beschäftigt sich und seine Studenten im laufenden Semester an der Gregoriana unter anderem mit dem Kurs „Das Bild Christi in der Kunst und die Reliquien der Passion Jesu“. Auch die Beschäftigung mit Michelangelos „Jüngstem Gericht“ gehört zu Professor Pfeiffers momentan laufendem Lehrprogramm an der „Päpstlichen Universität“, die einst vom Jesuitenorden gegründet worden war.

Balzac siedelte Imperia diskret in Konstanz an

Auch der Wissenschaftler Heinrich („Enrico“) W. Pfeiffer ist Jesuit. Er kannte die Konstanzer Imperia bereits aus eigener Anschauung, als Lenk wenige Monate nach Errichtung der Statue in Rom in der Gregoriana an der via della Pilotta, unweit der Fontana di Trevi, aufkreuzte. Lenk hatte sich damals schon seit vielen Monaten mit Imperia auseinandergesetzt, Quellen studiert und sich zusammen mit Hochschullehrer Weidhase über die Hintergründe der historischen Persönlichkeit informiert, die Balzac in seinen „Tolldreisten Geschichten“ (1832-1837) verewigt und – künstlerisch diskret – in Konstanz angesiedelt hatte.

Der Popo-Vorhang und die Gefahr des erotischen Akzents

Nein, gegen ein Denkmal für Imperia sei nichts einzuwenden, fand der römisch-päpstliche Kirchenkunsthistoriker Pfeiffer, der in diesem Zusammenhang an Maria Magdalena erinnerte. Er regte zwar zunächst an, den beiden Nackedeis auf Imperias Händen, dem Papst und dem Kaiser, „je einen kleinen Popo- Vorhang anzupassen“. Professor Enrico Pfeiffer beugte sich aber schnell dem Gegenargument, gerade ein solches Vorhängelein sei womöglich geeignet, für einen unnötigen erotischen Akzent zu sorgen, statt die schlichte Blossheit darzustellen, der sich vor Gott auch höchste Würdenträger nicht entziehen könnten. Pfeiffer half übrigens mit, dass Lenk Imperias Grab im Vorhof der Römer Gregorius-Kirche ausfindig machen konnte. Die Historie der Grablegung ist in der Chronik des angeschlossenen Benediktinerklosters dokumentiert.

Durchaus züchtig und ein bisschen traurig

Abgesehen davon, dass Lenk mit den zwei Figuren, die Imperia hoch über der Konstanzer Hafenmole auf ihren Handflächen balanciert, „zwei Gaukler“ darstellt, die sich „kaiserliche und päpstliche Insignien widerrechtlich angeeignet“ haben, kann nicht übersehen werden, dass die Papstfigur trotz ihrer Nacktheit ausgesprochen züchtig da sitzt, keinerlei primäre Geschlechtsmerkmale erkennen lässt, mit ihrem leicht betrübten Gesichtsausdruck einen sanft melancholischen Gesichtsausdruck zur Schau trägt und ganz offensichtlich unter der Last des kugelförmigen Helms, der päpstlichen Tiara, ergeben leidet. Kurzum, beim unbefangenen Betrachter dürfte das Päpstlein eher Mitleid denn Empörung wecken.

Norbert Henneberger konnte es kaum erwarten

Für masslos übertriebene und fehlerhafte Interpretationen der Kunstfigur und deren Aufstellung hat sich die Bildzeitung bereits in aller Form bei ihren Lesern und bei Künstler Lenk entschuldigt. Einige Christdemokraten und Teile der Geistlichkeit am Bodensee zetern allerdings weiter. Und Hausherr Norbert Henneberger, der Leiter der Touristinformation, ist regelrecht eingeknickt. Ausgerechnet Henneberger, der es hatte kaum erwarten können, die Papstfigur vorzustellen und fotografieren zu lassen; und einen Fotograf zu beauftragen, der nichts Besseres gewusst hatte, als auch gleich noch ein Bild an „Bild“ zu verkaufen.

Lenk lässt sich seine Papstfigur nicht einfach wegversetzen

Peter Lenk lässt sich seinen Papst, für den er einen Tag lang das Stahlgestell zurecht schweisste, das die 500 Kilogramm schwere Steingussfigur sachgerecht trägt, nicht einfach wegversetzen. Erst recht nicht nach einem reichlich schnöde wirkenden Brief Hennebergs, in dem sich dieser nun für „die Leihgabe“ bedankt und Lenk auffordert, sie bis kommenden Donnerstag abzuräumen. Dass örtliche Kirchenvertreter und deren Sympathisanten seine Papstfigur in Verbindung brächten mit der Kritik an der Kirche wegen jüngst bekannt gewordener Missbrauchsfälle, hält der Künstler sowieso für abwegig : „Wer solche Missbrauchsfälle über Jahre hinweg wie Kavaliersdelikte behandelt, kann von einer solchen Gauklerfigur eigentlich nicht provoziert werden.“

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