War Konstanzer Alt-OB Bruno Helmle Mitläufer oder Nazi?

Zweifelhafte Stellungnahme der Stadt – Verwaltung warnt vor vorschnellen Urteilen über Alt-OB Bruno Helmle

Konstanz. Seit dieser Woche steht der verstorbene frühere Konstanzer Oberbürgermeister Bruno Helmle unter Verdacht, sich im Unrechtsstaat Adolf Hitlers schuldig gemacht zu haben. Die Frage, ob Helme, Träger der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg, eine Nazi-Vergangenheit hat, hat der Konstanzer Stadtarchivar Jürgen Klöckler am Dienstag dieser Woche bei einem Vortrag im Rosgartenmuseum aufgeworfen. Die Tageszeitung „Südkurier“ berichtete. Am Freitagnachmittag meldete sich überraschend die Stadtveraltung mit einer Erklärung zu Wort und stellte jetzt ihrerseits die Frage, ob in Zusammenhang mit Helmle von „Nazi-Enthüllungen“ gesprochen werden könne, wie es die Zeitung tat. Untadelig aber ist Helmles Ruf auch sonst nicht: In Zusammenhang mit dem Konstanzer „Gammlermord“ von 1970 machte Helmle eine ungute Figur.

Stadtarchivar Klöckler stösst Debatte an

Stadtarchivar Klöckler hatte bei seinem Vortrag eigentlich über Franz Knapp, von 1946 bis 1957 OB in Konstanz, geredet: Zu sprechen kam der Stadtarchivar aber auch auf Bruno Helmle. Der Alt-Oberbürgermeister sei in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft beim Konstanzer Finanzamt mit der Arisierung jüdischen Vermögens befasst gewesenen, so der Stadtarchivar über das CDU-Mitglied Helmle. Geschildert wurde der Fall der Enteignung des Synagogengrundstücks in der Sigismundstraße.

Helmle sagte nicht die ganze Wahrheit

Bruno Helmle habe in seinen biografischen Äußerungen offenbar seine Tätigkeit in der „Verwaltung des jüdischen und reichsfeindlichen Vermögens“ beim Finanzamt Konstanz verschwiegen, so die Stadt. Dieses Verhalten sei irritierend und werfe Fragen auf, heißt es in einer Mitteilung. Doch genauso fraglich sei es, ob dies ausreiche, um dabei von „Nazi-Enthüllungen“ (Südkurier vom 10.12.2010) zu sprechen und Helmle in den Zusammenhang mit den Nationalsozialisten zu stellen.

Stadt wäscht pflichterfüllende Mitläufer rein

Das von Klöckler zitierte Schreiben vom 22.02.45 sage aus, dass Helmle den Auftrag seines Vorgesetzten erhalten habe, tätig zu werden. „Dies alleine beweist noch keine Nazivergangenheit“, so die Stadt. Möglich sei, dass er mit der damals vorherrschenden obrigkeitsstaatlichen Mentalität des deutschen Beamtentums den Auftrag in diesem Sinne „pflichtgemäß“ ausgeführt habe. Verdutzt dürften sich da die Konstanzer die Augen reiben: Möchte sich etwa ausgerechnet der heutige Grüne Oberbürgermeister Horst Frank hinter einen seiner Amtsvorgänger stellen, der offenbar zumindest ein Mitläufer gewesen ist und in einem Unrechts-Regime „pflichtgemäß“ Befehle ausführte?

Unschuldsvermutung soll für Alt-OB gelten

Um das Verhalten Helmles adäquat bewerten zu können wären weitere Forschungen erforderlich, ließ die Stadt wissen. „Zu klären wäre beispielsweise, welche Aufgaben und Funktionen er während der nationalsozialistischen Herrschaft genau ausübte, wie aktiv er war, ob er Mitglied der NSDAP war und gegebenenfalls ab wann“, so Pressesprecher Walter Rügert. „Zu bewerten wäre auch die Tatsache, dass er unmittelbar nach dem Krieg von der französischen Besatzung als ehrenamtlicher Bürgermeister von Meersburg eingesetzt wurde.“ Die Stadt bemüht sogar einen Konstanzer Politikwissenschaftler und erklärt: Jüngst habe Prof. Wolfgang Seibel anlässlich der Vorstellung seines Buches „Macht und Moral“ vor vorschnellen Urteilen gewarnt: „Wir sollten uns davor hüten mit vorgefertigten Meinungen an die Geschichte heranzugehen“, zitiert die Stadt Seibel. Das sollte auch in der Diskussion um Helmle beherzigt werden, fordert jetzt die Stadtverwaltung.

Honoriger Oberbürgermeister bis 1980

Von 1940 bis 1958 war Helmle Regierungs- und Oberregierungsrat in der Finanzverwaltung. Von 1959 bis 1980 war er Konstanzer Oberbürgermeister. Helmle wurde mit der Auszeichnung Ehrensenator der Universität Konstanz geehrt. Er war Gründungsmitglied und langjähriges Vorstandsmitglied der Deutsch-Französischen Vereinigung Konstanz – Cercle Franco-Allemand in Konstanz. Am 3. Mai 1986 verlieh ihm Ministerpräsident Lothar Späth die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg.

Der Fall des Konstanzer „Gammlermords“ 1970

Allerdings fällt in die Amtszeit Helmles auch der sogenannte „Gammlermord“. Am 29. August 1970, einem Samstag, erschoss der Arbeiter Hans O. den damals 17 Jahre alten Lehrling Martin K. Das Mordopfer hatte sich am Nachmittag mit Freunden auf dem Blätzle-Platz nahe des heutigen Kaufhauses Karstadt getroffen. Die drei jungen Männer saßen auf der Rückenlehne einer Bank. Der Täter, der behauptet haben soll, der „Bürgerwehr“ anzugehören, forderte die jungen Männer auf zu verschwinden. Dann drückte er ab und erschoss Martin K. Mit einem Hasentöter. Der Schuss traf ihn mitten ins Herz. Bundesweit berichteten die Medien über das Verbrechen, den „Gammlermord“ von Konstanz.

Vorspiel des Verbrechens auf politischer Ebene

1970 hatte – vor dem Mord – ein Landesparteitag der NPD im Konstanzer Konzil stattgefunden. Der damalige Stadtrat Walter Eyermann hetzte gegen „Gammler“ und wollte vom damaligen OB Bruno Helmle wissen, ob er das Konzil „Gammlern“ für eine Veranstaltung, ein Konzert, überlassen würde. Der einer rechtsgerichteten Wählergemeinschaft angehörende Stadtrat fragte in einer Gemeinderatssitzung, was die Stadt tun würde, um die „Hippies“ aus dem Stadtgarten zu vertreiben. Eyermann soll dem OB angeboten haben, notfalls selbst eine Säuberungsaktion zu starten. Angeblich soll sich OB Helmle daraufhin in der Richtung geäußert haben, er wäre damit einverstanden. Später bestritt der Oberbürgermeister aber, eine entsprechende Äußerung gemacht zu haben. Eyermann verstärkte die Hetze in Konstanz. Er wollte die Bürger anlässlich eines Rockkonzerts Anfang August 1970 gegen die „Gammler“ auf die Barrikaden bringen. Neudeutsch würde man sagen, er wollte sie mobilisieren. Auf einem Flugblatt bezeichnete er „Hippies“ als „arbeitsscheues“, „asoziales Gesindel“, gegen das sich die Bürger auflehnen sollten. Der viele Jahre verstorbene damalige SPD-Stadtrat und Gewerkschafter Erwin Reisacher soll über die Aussage Helmles – die dieser wie erwähnt später bestritten hat – gesagt haben, sie sei eine Aufforderung zur Bildung einer „Bürgerwehr“. Hans O. wähnte sich offenbar als Teil dieser „Bürgerwehr“.

8 Kommentare to “War Konstanzer Alt-OB Bruno Helmle Mitläufer oder Nazi?”

  1. Sabine
    10. Dezember 2010 at 19:45 #

    Das erinnert durchaus an das Litzelstetter Flugblatt von 2010: Litzelstetten-Nord ist jugendfrei! Schlussfolgerung: Es hat sich in Konstanz in den letzten 40 Jahren weltanschaulich offenbar nichts verändert!

  2. carlo
    10. Dezember 2010 at 22:45 #

    Wenn Sie diese Zenur nötig haben, ist es traurig und bezeichnend für Ihr Blättle. Viel Spass am Untergang.

  3. carlo
    10. Dezember 2010 at 22:53 #

    Zensur heißt es. Und die Geschichte ist aufgewärmt. Selbst der Südkurier hat sie -nicht mal so unkritisch wie hier- bereits gebracht. Schade um die Wahrheit.

  4. wak
    11. Dezember 2010 at 09:46 #

    Wir veröffentlichen grundsätzlich alle Kommentare, außer sie enthalten Inhalte, die dazu geeignet sind Personen herabzuwürdigen oder er enthält wie im angesprochenen Falle offensichtlich Werbe-Links. Das gilt auch für Werbe-Links auf Startseiten anderer Onlineportale wie Seemozz. Etwas anderes wäre es, wenn ein Kommentar auf einen Beitrag auf einem anderen Portal zum selben Thema hinweisen würde und wir könnten unseren Lesern damit einen Mehrwert bieten. So war es in diesem Fall aber nicht. Der Kommentator verwechselte Kommentar mit Werbeeinblendung.

  5. wak
    11. Dezember 2010 at 09:50 #

    Die Online-Zeitung Dornroeschen schreibt zum selben Thema: http://www.tmw-kn.com/blog/2010/12/11/das-katastrophale-der-nicht-enthullungen/

  6. carlo
    11. Dezember 2010 at 20:45 #

    Selbstverständlich liegt es mir fern, Sie oder Ihre Seite herabwürdigen zu wollen. Sollte dieser Eindruck entstanden oder durch meine Beiträge tatsächlich eingetreten sein, tut es mir leid. Lediglich die -vermeintliche- Aktualität des Themas war mir eine Erwähnung wert, da bereits im Januar 2008 auf besagtem Medium verfrühstückt. Freunde werden wir so zwar nicht. Aber wir könnten Frieden schließen. Oder?

  7. carlo
    11. Dezember 2010 at 21:31 #

    Betonen möchte ich schlussendlich noch, dass ein Link auf einen -in diesem Fall passenden- weil gleichartigen, wenn nicht (augenfällig) herangezogenen Beitrag der scheinbar ungeliebten Konkurrenz keine Werbeeinblendung darstellt. Selbst wenn der Zusatz „LESEN!“ verwendet wurde. Und erst recht ist es keine Zensur wert, wenn’s keinem weh tut! Ich zensiere Ihren gut gemeinten Link auf Grobi ja auch nicht. Wie auch? Locker bleiben!

  8. Bübi
    11. Dezember 2010 at 23:55 #

    Wichtig ist hierbei, historisch zu ergründen, ob der Verwaltungsmann wirklich sich selbst in Gefahr gebracht hätte, wenn er nicht gewisse Dokumente unterschreiben würde. Auch diese Einschätzung sollte ein Historiker erwähnen. Hier wird ja die gewünschte Generalamnestie fast aller, die im NS-Staat irgendwie im Dienste der Staatsmacht gestanden sind, diskutiert. Auch die obersten NS-Verbrecher haben sich in den Nürnberger Prozessen als nicht schuldig benannt und auf obere Weisungen für ihre Taten hingewiesen. Für die wohl meisten Staatsbürger der jüngeren Generation ist es aber sehr wichtig, dass Licht in die verwaltungstechnischen Abläufe von dieser Institutionen gebracht wird. Dies sind wir auch den deportierten Konstanzer Juden schuldig, und dafür sollte man den lokalen Historikern danken. Sind die Ehrungen mit Straßenbenennungen früherer Zeiten für unser ethisches Verständnis noch angebracht? Gemeint sind die Straßennahmen erfolgreicher Generäle im preußischen Heer, wie von Moltke und von Emmrich. OB Knapp (Knapp-Passage beim Rathaus) hatte als städtischer Rechtsrat in der Nazidiktatur mit der städtischen Judenfrage zu tun. Haben wir wirklich schon aus der Geschichte gelernt? Wer das Unrecht an den Konstanzer Juden anprangert, muss sich auch mit den Verantwortlichen dieser Zeit auseinander setzen.

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