Welterbe-Titel für Pfahlbauten am Bodensee

Hubschrauber kreisten über steinzeitlicher Siedlung – Paris hat sich Zeit gelassen

Unteruhldingen. Die „Prähistorische Pfahlbauten rund um die Alpen“ sind wie der Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer oder die deutschen Buchenwälder neu UNECSO Welterbe. Vom Federseegebiet über Oberschwaben bis an den westlichen Bodensee finden sich viele wertvolle Relikte von Siedlungen aus vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden. Seit 90 Jahren stehen Rekonstruktionen steinzeitlicher Bauten in Unteruhldingen am Bodenseeufer.

Warten auf Nachrichten aus Paris

Am Montag wartete Günter Schöbel ungeduldig auf Nachrichten aus Paris, wo die Entscheidung fallen sollte und hätte schon am Freitag vergangener Woche fallen können. Der Archäologe schwärmte von den Resten prähistorischer Pfahlbausiedlungen aus der Zeit von 5000 bis 500 v.Chr., die sich rund um die Alpen unter Wasser, an See- und Flussufern sowie in Feuchtgebieten finden. Die Pfahlbauten mit ihren außergewöhnliche Erhaltungsbedingungen für organische Materialien wie Holz, Textilien, pflanzliche Reste oder Knochen sind wahre Schätze, so der Archäologe, der auch an der Uni in Tübingen lehrt. Wissenschaftler könnten mit Hilfe von Funden ganze Lebenswelten rekonstruieren, sagt er. Dass die „Serie Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“  – eine Auswahl von 111 – archäologischen Pfahlbaustationen in den sechs Ländern Schweiz, Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien und Slowenien – UNECSO Welterbe geworden sind, ist aus Sicht des Leiters des Freilichtmuseums in Unteruhldingen längst überfällig. Seit 2004 arbeiteten die Beteiligten auf das Ziel hin. Die Federführung hatte die Schweiz.

Originale verborgen im See

„Die Originale sind schwer sichtbar zu machen“, sagt Schöbel. Er schlägt spontan vor, einen Tauchgang im Bodensee zu unternehmen. „Sehen würden Sie aber fast nichts“, sagt der Wissenschaftler. Doch das, was Laien nicht erkennen, der Wert der Pfähle unter Wasser, sei unschätzbar. „Ein Reservoir für die Forschung“, so Schöbel. Er sagt, die Spuren früherer Siedlungen im See seien ein „Highlight der Archäologie“. Diesen großen Schatz möchte er auch für Forscher nachfolgender Generationen gern bewahren. Er spricht von Nachhaltigkeit und er wartete jede Minute auf eine Nachricht aus Paris.

Drittes Welterbe am Bodensee

Der Internationalen Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) hatte sich hinter die Bewerbung gestellt und die Aufnahme der „Prähistorischen Pfahlbauten rund um die Alpen“ in die Liste des Welterbes empfohlen. Bisher hatten das am Bodensee nur die Klosterinsel Reichenau und St. Gallen geschafft, die sich als UNESCO-Welterbe seither in Gesellschaft von Orten wie dem Great Barrier Reef in Australien, dem Serengeti-Nationalpark in Afrika oder dem Taj Mahal in Indien befinden. Seit Montag gehören nun auch die Pfahlbauten dazu: Das Welterbekomitee der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur stimmte einem Gemeinschaftsantrag zu.

Versunkene Dörfer im Schlamm

In Baden-Württemberg gibt es eine große Anzahl von Pfahlfundstätten und eine spezielle Arbeitsstelle für Feuchtbodenarchäologie mit Sitz in Hemmenhofen. Hier werden die einzigartigen Fundstellen der Stein- und Bronzezeit (4200-850 v. Chr.) in den Seen und Mooren des Landes betreut und mit modernen Methoden der Unterwasser- und Moorarchäologie erkundet und erforscht. Günter Schöbel schwärmt davon, wie sich anhand von Funden unter Wasser rekonstruieren lässt, wie sich das Klima am Bodensee veränderte und wie Überbleibsel Kulturgeschichte erzählen. Er spricht von „versunkenen Dörfern“ und Funden in Schlamm, Stein und wertvollen Hölzern. „Frühere Jahrtausende können wir plastisch entstehen lassen.“

Internationales Publikum

Für das Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen ist das Label Welterbe auch aus Marketinggesichtspunkten interessant. Das Freilichtmuseum will von der gesteigerten Aufmerksamkeit profitieren. Schöbel ist sich sicher, dass neben den Touristen aus der Region auch internationales Publikum an den Bodensee reist. Günstigstenfalls kommen die Welterbe-Touristen auch nicht im Sommer, sondern im Winter. Das 1922 gegründete Freilichtmuseum in Unteruhldingen ist, woran Schöbel immer wieder erinnert, ein nicht-staatliches Museum und der Museumsdirektor sieht nun die im Sommer bis zu 60 Arbeitsplätze gesichert.

Pfahlbauer werden profitieren

Inwieweit die Pfahlbauer finanziell durch Zuschüsse vom Titel Welterbe profitieren, sei noch etwas „undurchsichtig“. Schöbel hofft anscheinend aber auf Förderung vom Land und auch der Bund habe Geld für die Welterbe-Stätten eingestellt. Beantragen müssten es die Kommunen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: Pfahlbaumuseum Unteruhldingen/wak

 

 

 

 

Mehr Infos auch unter http://www.palafittes.org/ und http://www.weltkulturerbe-pfahlbauten.de/

Hier geht’s zur Website des Archäologischen Freilichtmuseums http://www.pfahlbauten.de/

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