Wir sagen tschüs 2010

Von Waltraud Kässer

Gestern haben wir noch darüber gesprochen: Im Web schwappt uns eine Flut von Informationen entgegen. Sekündlich kommen neue hinzu. Braucht es da tatsächlich auch noch einen Jahresrückblick 2010 von See-Online? Die Antwort heißt ja, vorausgesetzt, er ist knapp, ein bisschen anders und fängt mit einer persönlichen Bemerkung an.

Der Rückblick kommt später, die Bemerkung jetzt: Das Jahr 2010 ist ein Jahr des Lernens gewesen. Ich habe Barcamps entdeckt und viel über Journalismus diskutiert. Mein wichtigstes Buch war sicherlich Jeff Jarvis, Was würde Google tun. Gestern bekam ich Anton Simons, Journalismus 2.0 geschenkt. Aus einem wackligen, anfangs gar nicht finanzierten Blog ist ein längst noch nicht erwachsenes, regionales Nachrichtenblog geworden, das immer noch schlecht finanziert ist. Je nach Nachrichtenlage besuchten See-Online aber täglich zwischen 1000 und knapp 20.000 Menschen. Darauf bin ich stolz.

Wir haben 2010 gelernt, dass Online-Journalismus anders funktioniert als gedruckte Zeitung. Eine wichtige Erkenntnis: Wer im Web unterwegs ist, hat nur wenig Zeit, sich zu informieren. Das Angebot ist riesig. Wenn es nichts Spannendes gibt, sind die Leser schnell wieder weg. Auf unserer Seite blieben die Besucher laut Google Analytics in den vergangenen vier Wochen im Schnitt jeweils 1.47 Minuten.

Lokale Nachrichten konkurrieren am Kiosk Google mit Weltnachrichten. Minütlich werden Hunderte neue Links getwittert. Die Blog-Statistik zeigt unmissverständlich, welchen Beitrag Besucher wie oft aufrufen oder auch nicht. Langweilige Themen hatten auch 2010 keine Chance. Ein Beispiel: Dass die Städte sparen müssen, haben die Leser verstanden. Die Botschaft so wie die gedruckte Zeitung gebetsmühlenartig zu wiederholen, wäre auf dem Blog sinnlos. Die Debatten über das Konstanzer Konzert- und Kongresshaus oder den Gaukler-Papst, der Taximord vom Bodensee oder der Konstanzer Altstadtbrand dagegen bewegten die Menschen. Entsprechend groß war die Zahl der Seitenaufrufe.

Eine Online-Zeitung ist eine Tür zum World Wide Web, die sich öffnet. Sie ist, anders ausgedrückt, ein Guide, der Menschen durch das unübersichtliche Informationsangebot lotst. Die Sprache, in der Meldungen geschrieben sind, ist bei See-Online nachrichtlich. Die Nachrichtenauswahl ist aber immer subjektiv und See-Online setzt manchmal bewusst andere Prioritäten.

Ein Beispiel: Menschen, die im Web 2.0 unterwegs sind, interessieren sich auch besonders für Themen, die das Web und auch die Informationsfreiheit betreffen: Netzsperren, der gekippte Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, GEMA freie Kinderlieder oder Leistungsschutzrecht sind Themen, die bei uns vorkommen müssen. Wenn sich zum Beispiel die Piratenpartei kompetent äußert und die SPD gar nicht Stellung nimmt, kann es passieren, dass die Piraten auf dem Nachrichtenblog öfter vorkommen als die große Partei.

Der Content im Netz ist kostenlos. Nachrichten sind frei. Das ist auch gut so. Wir sorgen uns aber immer mehr um den Qualitätsjournalismus. Große Verlage sparen, weil sie immer weniger gedruckte Zeitungen verkaufen und mit Nachrichten im Netz kaum Geld verdient wird. Die vierte Gewalt sitzt in der Falle.

Und sonst? Ist 2010 unterm Strich ein gutes oder ein schlechtes Jahr gewesen? Die Antwort kann nur eine subjektive sein. Der Sommer am Bodensee war mies, und wirtschaftlich war 2010 schwierig. Es gab aber eine Fußball-Weltmeisterschaft, Grillwürstchen und ein paar neue Freundschaften, darunter eine wunderbare, die entstanden sind.  An Silvester darf in Teilen der Konstanzer Altstadt nicht geböllert werden.  So gesehen, geht das Jahr 2010, das nicht schlecht begonnen hat, auch ganz gut zu Ende.

Kommen Sie gut durch die Rest-Woche!

3 Kommentare to “Wir sagen tschüs 2010”

  1. Barbara Rutkowski
    30. Dezember 2010 at 12:04 #

    Liebe Waltraud,
    Danke für Deine schönen und das Jahr 2010 abschliessenden Worte. Ich habe auch diese Worte neugierig gespannt gelesen so wie (fast) alles, was vorher schon von Dir / Euch aufgeschrieben war. Was gefällt mir? Die Paarung von Geradlinigkeit, unumwundener Rede und schönem weil feinsinnigem Humor. Da machen Lesen und Informiertwerden gleichermassen Spaß, trösten sogar über manch traurige Nachricht hinweg. Persönliche Ansage: unser Abend neulich bei Wasser und Bier war prickelnd, nett und eine wunderbare Grundlage, einander näher zu kommen. Danke für Dies und AllesAndere, gerne bin ich weiterhin Dein treuer Leser … Alles Gute Dir / Euch für 2011, liebe Grüsse, Barbara :-))

  2. Jeff Jarvis
    30. Dezember 2010 at 14:50 #

    Vielen Dank. -jeff

  3. @b09s
    30. Dezember 2010 at 19:52 #

    Hi @waki_on_the_sea,

    Du bist auf dem richtigen Weg. Wir unterstützen Dich, damit Dir das Durchhalten leicht fällt! :-D

    Auf ein gutes neues Jahr,
    @b09s

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