Wissenschaftliches Fehlverhalten – Ewige Herausforderung

Gastbeitrag von Diana Schmidt-Pfister, Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ an der Universität Konstanz

Konstanz. Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg will laut Medienberichten nun doch nicht gegen die Veröffentlichung des Gutachtens zu seiner Doktorarbeit durch die Universität Bayreuth vorgehen. Auch die Universität Konstanz prüft aktuell einen Plagiatsvorwurf. Die Tochter des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, Veronika Saß, soll, wie Medien berichteten, Teile ihrer Doktorarbeit abgeschrieben haben. Namen nennt die Universität aber nicht, da es sich um keine Person des öffentlichen Interesses handle. Wissenschaftlichen Fehlverhaltens wirft die Universität Konstanz auch dem Physiker Jan Hendrik Schön vor und entzog ihm den Doktortitel. Der Wissenschaftler wehrte sich mit rechtlichen Mitteln dagegen. Dr. Diana Schmidt-Pfister leitet im Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ an der Universität Konstanz das Forschungsprojekt „Wissenschaftliche Integrität im Kontext von Integration und Wettbewerb“. Sie schrieb einen Beitrag „Wissenschaftliches Fehlverhalten – Ewige Herausforderung“.

Von zu Guttenberg zu Koch-Mehrin

Der Plagiatsfall zu Guttenberg schien in vielerlei Hinsicht beispiellos: Die große Geschwindigkeit des Aufklärungs- und Sanktionierungsprozesses, die unvorhergesehene Art der öffentlichen Beteiligung an der Aufklärung, das ungeheuerliche Ausmaß des Plagiats (und damit die Kluft zwischen offizieller Bewertung und eigentlicher Qualität), zu Guttenbergs beharrliches Leugnen und die besondere Verquickung von Wissenschaft und Politik in seiner Person. Doch schon scheint sich der Fall Koch-Mehrin in eben dieses Muster einzufügen. Während sie selbst noch nicht Stellung genommen hat, lädt ein neues Wiki die Öffentlichkeit ein, aktiv wie passiv an der Aufklärungsarbeit teilzuhaben, und die Zahl der identifizierten plagiierten Textpassagen wächst zusehends.

Fälle wie viele andere

Bei genauerer Betrachtung gibt es in der Wissenschaftsgeschichte und in der Gegenwart zahllose Fälle, die ähnliche Konturen aufweisen. Einzigartig bliebe an diesen jüngsten Fällen lediglich, dass die Aufklärung durch neue Formen öffentlicher Prüfung derart rasant und schonungslos erfolgt. Doch auch hier lässt sich verallgemeinernd sagen, dass Verdachtsfälle häufig neue Formen der Prüfung, Konfliktbearbeitung oder Sanktionierung anregen.

Fremde Idee und erfundene Daten

Auch in allen anderen Punkten sind diese Fälle eher typisch. Wo im Zuge wissenschaftlichen Schreibens beständige kritische Selbstreflektion verloren geht, sind schnell große Teile eines oder mehrerer Manuskripte von fremden Ideen und Textpartien durchsetzt. Oder es finden sich statt fremder Ideen und Daten komplett erfundene. Gemessen an der Folgenschwere für die direkt von den Forschungsergebnissen Betroffenen bleiben die Fälle Guttenberg und Koch-Mehrin im unteren Bereich. Gleichwohl treffen die harten Rückschläge auf die eigene Reputation weitere Personenkreise in der politischen Arena.

Formen von Fehlverhalten

Plagiarismus, Datenfälschung und Datenmanipulation sind relativ klar bestimmbare Vergehen im Wissenschaftsbetrieb. Diese Formen von Fehlverhalten manifestieren sich bei der Präsentation von Forschungsergebnissen, sei es in Form von Qualifizierungsarbeiten und Publikationen oder durch frisierte Projektentwürfe und Publikationslisten im Rahmen von Bewerbungen und Drittmittelakquise. Entdeckt werden sie in der Regel nur durch Kollegen oder Konkurrenten mit entsprechender Expertise im speziellen Forschungsbereich. Im Gegensatz zu anderen Dokumenten sind Publikationen der intensivsten kritischen Begutachtung ausgesetzt. Nachdem ein Manuskript durch die Hände von Betreuern, Kollegen, Fachgutachtern und Editoren ging, steht es immerfort einer beliebig großen Leserschaft offen. Insbesondere wenn in dem gegebenen Forschungsbereich Replikationen unüblich sind, werden Falschangaben oft erst auf dieser letzten Stufe, und zwar eher durch Konkurrenten denn Kollegen, entdeckt – oder jedenfalls offenkundig gemacht.

Nicht alle Entdeckungen geahndet

Denn selbst wenn ein Fachexperte Unstimmigkeiten entdeckt, ist es nicht selbstverständlich, dass er weitere Schritte unternimmt. Strategische Gründe, Zeitmangel, Unsicherheiten, wie am besten zu verfahren ist, und – bei der jüngeren Generation – Angst vor Nachteilen im weiteren Karriereverlauf spielen hier mit rein. Kommt es zur Aufdeckung, bleibt immer das Problem, dass es schwer nachzuweisen ist, ob die Falschangaben vorsätzlich erfolgten. Tatsächlich zeigen viele Täter geringes Unrechtsbewusstsein. Entweder glauben sie selbst daran, ein neues Stück Wahrheit entdeckt zu haben und sind überzeugt, dass sie zum selben Ergebnis kämen, würden sie methodisch ganz korrekt vorgehen. Oder das Streben nach wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn wird durch außerwissenschaftliche Aktivitäten kompromittiert. Schließlich gibt es immer psychologische Erklärungen wie Kryptomnesie (sozusagen unbewusster Plagiarismus) und den natürlichen Hang zu Schönmalerei und Selbsttäuschung.

Unis und Verlage reagieren

Sanktionen werden zumeist im Rahmen akademischer Selbstverwaltung sowie durch Verlage verhängt. Zu gerichtlichen Verfahren kommt es eher selten. Bei Fehlverhalten im Rahmen einer Dissertation ist die Entziehung des Doktorgrads durch die zuständige Universität hierzulande in einigen, aber nicht allen Landeshochschulgesetzen vorgesehen. Veröffentlichte Artikel oder Bücher werden in der Regel von den Verlagen zurückgezogen. War die Forschung drittmittelfinanziert, können die Geldgeber einen vorrübergehenden Ausschluss von ihrer Gremienarbeit verhängen und auf eine Rückzahlung von Forschungsgeldern klagen. In den USA geht man einen Schritt weiter, indem sämtlichen zukünftigen Drittmittelanträgen oder -berichten, in die die Person involviert ist, ein Supervisions-Plan und eine Erklärung über die Integrität der Ergebnisse beizulegen sind. Die Bloßstellung in den Medien ist dagegen eine einigermaßen schnell vorübergehende Form beschämender Maßregelung. Jedoch geraten in die Medien auch nur jene Fälle, die der Öffentlichkeit hinsichtlich der Forschungsthemen und/oder der Person des Forschers besonders nahe stehen.

Fälle anderer Art

Darüber hinaus gibt es ein schier unendliches und einigermaßen obskures Spektrum weniger konkreter oder spektakulärer Formen wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Es kann im Umgang mit Forschungssubjekten oder -ergebnissen, mit Studierenden oder mit Kollegen auftreten. Daher manifestiert es sich zumeist in zwischenmenschlichen Konflikten. Wenngleich sich ein Großteil der Konflikte ebenfalls um Publikationen dreht, etwa bei Autorenschaftsfragen (etwa der sogenannten Ehrenautorenschaft) oder auch bei verschiedenen Formen der Forschungsbehinderung, sind hier karriererelevante Bedenken vordergründig. Es geht selten um die großen Fragen der Wahrheitsfindung, eher noch um fragwürdige aber schwer prüfbare methodische Vorgehensweisen wie die Ignoranz vorhandener relevanter Ergebnisse, selektive oder verzerrte Datenpräsentation oder –interpretation. Dabei lässt es sich oft nicht sagen, wo die Grenze zum „eindeutigen Plagiarismus“ oder zur „eindeutigen Datenmanipulation“ überschritten ist.

Klare Beurteilung oft schwer

Oft ist nicht einmal klar, ob es sich überhaupt um einen „Fall“ von Fehlverhalten handelt, also um regelwidrige oder unredliche Handlungen und Ambitionen. Wo hört „gut“ oder „angemessen“ auf und wo fängt „schlecht“ oder „unangemessen“ an? Wie bei allen ethischen Fragen wird eine klare Beurteilung dadurch erschwert, dass Überlegungen zum jeweiligen Fallverlauf, zu den involvierten Persönlichkeiten und zu den (potentiellen) Folgen mit hineinspielen, selbst wenn schlechthin Einigkeit über die normativen Grundprinzipien herrscht. Aufgeklärt werden kleinere oder unkonkretere Verdachtsfälle meistens im Kreise der Betroffenen, also innerhalb eines Forschungsteams, eines Institutes oder einer Universität, gegebenenfalls unter Einbeziehung von Verlagen oder Geldgebern. Weitere Instanzen wie Ombudsstellen, Gerichte oder die Öffentlichkeit werden kaum involviert.

Was allen Fällen gemein ist

Zwei Aspekte sind sämtlichen Arten von Fehlverhalten gemein: Erstens, die zweifellos große Wahrscheinlichkeit mit der Fehlverhalten auftreten kann, ist an sich recht wirkungsarm. Dagegen bietet die Unmittelbarkeit konkreter konflikthafter Erfahrungen den besten Anlass zu Reflektion und zur Schaffung adäquater Regeln und Schutzmechanismen, im Großen wie im Kleinen. Besonders skandalöse Fälle drängen Regierungen, Geldgeber, Fachgesellschaften und internationale Organisationen neue Richtlinien und Verfahren zu schaffen. Selbst kleinere Auseinandersetzungen zwingen Forscherteams, sich auf bestimmte Routinen zu einigen. Insofern birgt jeder einzelne Fall ein präventives Moment für zukünftige Forschungsarbeiten. Zweitens lehren uns sämtliche Fälle, dass die besten Regulierungsmechanismen wenig nützen, wenn sich nicht verantwortungsvolle Individuen dafür einsetzen, Unstimmigkeiten überhaupt in der wissenschaftlichen oder weiteren Öffentlichkeit zu thematisieren.

Über die Autorin

Dr. Diana Schmidt-Pfister leitet im Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ an der Universität Konstanz das Forschungsprojekt „Wissenschaftliche Integrität im Kontext von Integration und Wettbewerb“. Diese Studie untersucht ethische, soziale und regulatorische Aspekte wissenschaftlichen Arbeitens in hochrangigen Universitäten in Deutschland, Großbritannien und den USA.

Foto: Hanns Fahlbusch Universität Konstanz

 

Ein Kommentar to “Wissenschaftliches Fehlverhalten – Ewige Herausforderung”

  1. Claus-Christian Ritter
    24. April 2011 at 01:45 #

    Ah sowas scheinbar Engagiertes aber eigenlich doch Desinteressiertes hab ich lang net gelesen, aber gut angereichert, das muss ich sagen, Kryptomnesie war auch mir neu.

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