Wort zum Blog: Denkt nach und hebt das Konstanzer Glasverbot auf!

Das Glasverbot an den Konstanzer Ufern – Eine kritische Betrachtung von von Franz Sauerstein, Pressesprecher des Konstanzer Schülerparlaments

Konstanz. „Wer die Freiheit aufgibt, um die Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“ Benjamin Franklin formulierte im 18. Jahrhundert, was vielen Konstanzern heute durch den Kopf geht. Wie viel möchten wir uns vorschreiben lassen? Wie kompliziert soll unser Rechtssystem werden? Gibt es nicht Selbstverständliches, was unser Recht nicht vorschreiben muss? Ist es nicht klar, dass man keine Scherben an Seezugängen liegen lässt? Geht es hier nicht schon um massive Freiheitseinschränkung und damit Freiheitsverlust, die durch ihren strikte und pauschalierenden Diktationscharakter alles andere außer „Sicherheit“ erreichen wird?

 Wider das Konstanzer Glasverbot

Im Folgendem möchte ich auf die „Polizeiverordnung zum Schutz vor Verunreinigungen und den damit einhergehenden Gefahren“ (Faltblatt zum Glasverbot, Amt für Stadtplanung und Umwelt, Konstanz) eingehen, meine Meinung abgeben, ein Fazit ziehen und aus Sicht eines Sprechers der Jugendlichen wirkungsvolle Alternativen zum im Volksmund so genannten „Glasverbot“ aufzeigen.

Das Glasverbot ist seit dem letzten Sommer dauerhaft in Kraft getreten – kein Glas darf zwischen 19 und 6 Uhr morgens mehr an weite Teile der Konstanzer Uferbereiche gebracht werden. Verwarnungen und Geldstrafen drohen bei Nichtbeachtung. Offizielle Begründung für das Verbot ist die Verletzungsgefahr durch Scherben in den Badebereichen. Aber erledigt das Glasverbot diese Aufgabe? Erwirkt es vielleicht nicht unbeabsichtigt eine Vertreibung der Jugend von öffentlichen Plätzen? Oder kann dies sogar Absicht sein?

Für das Glasverbot spricht, dass seine Zielsetzung, die Reduzierung des Glasmülls am Ufer und damit die Verringerung der Verletzungsgefahr eine gutgemeinte und rational erklärbare ist. Wenn sich alle an die Verordnung halten, gibt es gar keine Chance für die Entstehung von Scherben. Weder Bier- noch Schnapsflaschen, weder Wein- noch Wasserbehältnisse, weder Babyfläschchen noch Brillen, weder Porzellanteller noch Uhrengläser wird ein Mitnahmerecht zum Ufer zugesprochen.

Die Wirklichkeit,die Praktikabilität und die Sinnhaftigkeit sehen aber anders aus.

Zuerst lässt sich sagen, dass es keine Evaluation der Wirksamkeit des Glasverbots gibt. Nie wurden der Öffentlichkeit Daten vorgelegt, wie viel weniger Glasmüll es nach der Einführung des Verbotes gibt – oder in Ableitung davon, wie stark die Schnittverletzungsrate in den Uferzonen beim Baden gesunken ist. Dies ist unprofessionell – jede neue Maßnahme muss in Bezug auf ihre Wirksamkeit getestet werden. Hält sie nicht, was sie verspricht, muss nachgebessert oder eine Alternative gesucht werden. Es drängt sich der Gedanke auf, dass sich nie jemand im Rathaus für die Wirksamkeit des Glasverbots in Bezug auf Scherbenreduzierung interessierte – soll das Glasverbot also doch ganz andere Ziele verfolgen?

Ich fordere die Stadt auf, Daten zur Wirksamkeit des Glasverbots offen zu legen.

Zugegeben, ich äußere mich hier misstrauisch, jedoch schon am Runden Tisch am 3. Juni 2011 zum Thema Glasverbot, bei dem unter anderem auch Anwohner, Gemeinderäte, Polizei und das Konstanzer Schülerparlament anwesend waren, wurde ganz offen davon gesprochen, dass das Glasverbot ein Instrument ist, um den „steigenden Alkoholmissbrauch“ unter Jugendlichen und die damit einhergehende Lärmbelästigung weg von den teuren Seestraßenvillen zu bringen und in weniger dicht besiedelte Gebiete – die es in Konstanz wohl kaum gibt – und aus dem Blickfeld der Bürger zu bringen. Das „Problem“ – welches laut Studien des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend jährlich sich verkleinert und eben gerade nicht wächst – sollte durch das Glasverbot in die Hinterhöfe und Wohnzimmer verschoben werden. Verdrängung statt Lösungssuche war hier die Devise – jeder Erstsemester der Psychologie kann bescheinigen, dass Verdrängung immer der schlechteste Weg ist und nur zu noch mehr Problemen führt. Das Glasverbot scheint also von der „Lobby der Pensionäre“ forciert – man beachte die Unterschriftenaktion im letztem Sommer –, und dies, obwohl weder ein Alkohol- noch ein Lärmverbot rechtlich durchsetzbar sind. Wurde der Schutz der Gesundheit, die Gefahr durch Scherben also nur vorgeschoben, die Verordnung instrumentalisiert?

Des Weiteren verkompliziert die Polizeiverordnung unser Rechtssystem weiter – Kleinvieh macht auch Mist. Warum braucht es eine polizeiliche Verordnung dafür, dass man keine Glasflaschen auf dem Boden zerstört, Müll erzeugt, Scherben in Barfußbereichen auslegt. Wo bleibt das Gewissen, wo bleibt der gesunde Menschenverstand – wo bleibt die Sensibilisierung für die Gefahr gegenüber den Mitmenschen? Warum wird uns Jugendlichen, die wir – in der absoluten und unbestreitbaren Mehrheit – auch Denkende und rücksichtsvoll Handelnde sind, unser soziales Bewusstsein und dessen Verantwortung nicht zugetraut?

Fällt denn niemandem auf, welch abweisende Signale eine Verordnung, die das bürgerliche Miteinander und selbstverständliches Verhalten erst mal reglementieren muss, an die Konstanzer und Gäste in Konstanz sendet? Warum fragt sich nicht jeder: Was ist das für eine Gesellschaft in dieser Stadt, in der die Polizei normales, rationales Verhalten verbotsmäßig sicherstellen muss?

Auf das Eingangszitat Bezug nehmend lässt sich sagen, dass das Glasverbot Freiheit einschränkt. Auf der einen Seite, darf sich keine Person mit einem Glasprodukt – auch wenn diese sicher im Rucksack verstaut ist – mehr am Seeufer aufhalten. Dies ist ganz klar eine Einschränkung der freiheitlichen Rechte für einen riesigen Teil der Bevölkerung. Viele Jugendliche – und nicht nur diese, wie mir auch „wohlanständige“, unser Städtchen und den See liebende Bürger versichert haben – fühlen sich durch die Glasverordnung vertrieben, unerwünscht und ihrer Konstanz – und See-Zugehörigkeit beraubt. Zählen für Sie denn nur sowieso schon „höchst privilegierte“ Uferanwohner als Konstanzer? Gäbe es ein Grundrecht auf wunderschöne Sonnenuntergänge begleitet vom sanften Plätschern der Wellen an der Promenade der Seestraße, wäre die Polizeiordnung verfassungswidrig.

Auf der anderen Seite ist die Polizeiverordnung auch eine nicht zu unterschätzende Steuerung im Konsumverhalten der Uferbesucher. Plastikverpackungen werden bevorzugt – dies ist umwelttechnisch wie wirtschaftlich bedenklich. Eine Plastikflasche ist viel teurer und schadstoffintensiver zu erzeugen als eine wiederverwertbare Glasflasche – auch die Auswirkungen auf die Gesundheit sind immer noch nicht vollständig erfasst. Aber auch die Entsorgung von Plastik ist ein großes Problem – genug Studien beweisen dies ebenso wie sehr viele Hinweise bei einer Suche per Google nach dem „Great Pacific Garbage Patch.“ Und solches „Missverhalten“ wollen sie ausgerechnet im „grünen Paradeland Konstanz“ demonstrieren?

Und noch ein weiterer, bedeutender Punkt, der einerseits die Wirkungslosigkeit und andererseits den Pseudocharakter der Reglementierung offenlegt: meinen Sie denn nicht auch, dass „Flaschen-Säufer“, die es darauf angelegt haben, zu provozieren, zu lärmen und zu stören, ihre abendlichen Mischungen und Hartalkoholika nicht in Plastikflaschen abfüllen würden?

Verantwortungsvolles, vernünftiges und rücksichtsvolles Handeln erreicht man niemals durch Verbote, – solche „provozieren“ leider nur das Gegenteil der eigentlichen Absicht – sondern NUR durch Einsicht, durch Anerkennung von Freiheiten und ihren einhergehenden Pflichten und auch durch Vertrauen in unsere eigene Mündigkeit. Trauen Sie uns Jugendlichen und den Bürgern in unserer „lebensprivilegierten“ Stadt diese Fähigkeiten doch einfach zu!

Der erhöhte Absatz von plastikverpackten Produkten wirkt sich auf die Wirtschaft aus – regionale Hersteller, die zum Beispiel Säfte und Biere in Glasflaschen abfüllen, erfahren einen Umsatzeinbruch, die heimische Wirtschaft wird durch die Verordnung und somit durch die Stadt geschwächt. Die Gesetze der freien Marktwirtschaft werden verletzt, Wettbewerber werden gegenüber Konkurrenten bevorteilt. Das ist nicht fair!

Ein weiteres wichtiges Argument gegen die Reglementierung ist die Unverhältnismäßigkeit, in der das Glasverbot zu der Zahl der Verletzten und zur Zahl der Scherbenverursacher steht. Laut dem Grünen Stammtisch am 3. Mai behandelte die DLRG im letztem Jahr rund 60 Verletzte an den Konstanzer Ufern – diese Verletzungen fingen aber beim Bienenstich an und hörten bei Behandlungen mit Trostpflastern auf. Bei 900.000 Besuchern allein in den öffentlichen Bädern jährlich sind unter einem Prozent der Badenden betroffen. Warum verbietet man also fast 100.000 Konstanzern und weit mehr Gästen, gemütlich einen Wein aus der Spitalkellerei im passenden Glas am Ufer zu genießen? Wie kann es sein, dass diese riesige Gruppe, als gesamtes Kollektiv bestraft wird für etwas, an dem die wenigsten schuld sind? Laut der Nachtwanderer produzieren unter den Jugendlichen weniger als 5% der Feiernden an der Seestraße Scherben und Lärm. Wie lässt sich also Kollektivstrafe rechtfertigen? Wie lässt sich eine Verordnung gegen Glas für alle legitimieren?

Schlussendlich folgt das entscheidende Argument gegen das Glasverbot: Es wirkt einfach nicht! Es wird immer noch und immer weiter aus Glasflaschen getrunken, da man diese einfach verstecken kann, sobald die Polizei kommt. Sektflaschen hängen an Angelschnüren im Rhein – hier ist die Gefahr des Zerspringens ja wohl sehr viel höher, als wenn sie friedlich am Ufer geteilt werden. Wenn die Polizei vorbei kommt, sieht sie die Flaschen entweder nicht oder es interessiert die Polizisten nicht. Das Verbot wird inkonsequent durchgesetzt, nicht nur exekutiv sondern auch lokal gesehen – warum gilt im Stadtgarten kein Glasverbot, wo man auch wunderbar trinken und baden kann? Wegen der Touristen? Wegen der Gaststätten? Weil weder Lärm noch Alkoholkonsum dort jemanden stört? Ich komme zum Schluss: Das Glasverbot wurde meines Erachtens nicht primär zum Schutz gegen Schnittverletzungen aufgestellt – es ist ein pseudo-argumentierender Versuch der privilegiert-exklusiven älteren Generationen, die jüngeren Generationen von den beliebten öffentlichen Plätzen zu entfernen.

Städtebauplanerische Fehlentscheidungen – teure Appartments direkt an einladenden, öffentlichen Plätzen – und falsche Vorstellungen beider Generationen der anderen gegenüber schüren einen Generationenkonflikt, der vorerst im Glasverbot gipfelte. Aber muss das sein? Schon die Grüne Hochschulgruppe fragte sich das und klagte – am 26. Juli 2012 gibt der Verwaltungsgerichtshof Mannheim das Urteil für oder gegen die Verordnung bekannt.

Es geht aber auch ohne Glasverbot. Dafür muss jedoch etwas getan werden – sozial wie finanziell. Wie die Aktion der Nachtwanderer „Null Bock auf Scherben“ zeigte, bei der zusätzlicher Platz zum Entsorgen von Altglas durch Papiertüten an den Mülleimern des Herosés und der Seestraße geschaffen wurde, lässt sich das Scherbenaufkommen schon durch Bereitstellung von mehr Entsorgungsmöglichkeiten deutlich reduzieren. Flaschen, die nicht in Mülleimer passen, werden gerne als Wurfgeschosse missbraucht oder fallen noch häufiger aus Versehen in der Dunkelheit um und zerspringen. Mit aufgeräumten Flaschen geschieht das nicht. Auch muss niemand um das schöne Antlitz der Uferpromenade fürchten – moderne, unauffällige Mülleimer sind mit (einer) großen unterirdischen Kammern verbunden, die beachtlich viel schlucken können.

Anstatt auf die Polizeiverordnung an jeder Ecke mehr schlecht als recht aufmerksam zu machen, sollten einsehbarere Schilder mit der Erinnerung an die Gefahr durch Scherbenbildung aufgestellt werden. Manchmal reicht es den Menschen, wieder auf etwas hinzuweisen, damit sie wieder auf einen Umstand achten. So wird es auch hier sein – die Konstanzer sind intelligent genug, um auf eine Glasflasche aufzupassen und werden sich kaum zieren, unglücklich zersplitterte Flaschen auf kreative Weise einzusammeln, zu entsorgen und so unschädlich zu machen.

Funktioniert dies an einer Stelle nicht, sollten zu Fuß gehende Polizeistreifen, die schon jetzt patrouillieren, die Personalien von ein bis zwei anwesenden Personen aufnehmen und diese verpflichten, dass der Platz nach Verlassen durch die Feiernden sauber zurückgelassen wird. Dies funktioniert in Großstädten zum Beispiel an öffentlichen Grillplätzen.

Das aufgrund egozentrischer Perspektive defizitäre Verständnis zwischen den Generationen kann durch gemeinsame Aktionen gebessert werden – gemeinsame Putzaktionen wie in Bregenz am Seeufer bei Niedrigwasser sowie attraktives Beisammensein danach kann hier viel helfen – sozial wie umwelttechnisch. Die Wertschätzung der geschenkten Natur und der Mitmenschen wird steigen hier muss die Stadt mit allen Beteiligten zusammenarbeiten. Das Stadtmarketing, die Anwohner, aber auch jeder Ufernutzer und vor allem die Schulen dürfen sich hier deutlichst angesprochen fühlen.

Mittelfristig kann Entspannung, wie sie von Anwohnern der Seestraße und des Herosé und letztendlich wohl jedem Konstanzer das heißt eben auch von uns Jugendlichen gewünscht wird, nur dadurch erreicht werden, dass wir alle – das heißt nicht nur die „privilegierten“ Anwohner – das Seeufer uns zur Freude, zur Entspannung und zum „daseinsbewussten“ Genießen nutzen dürfen (andere Freiräume haben wir Jugendliche ja kaum – das wäre jedoch eine andere Diskussion, die ich an dieser Stelle hier nicht führen möchte, -) und dass wir – in Anwendung der Intention des anfangs zitierten Benjamamin Franklins – unsere „Freiheit NICHT aufgeben“ und wir ALLE Konstanzer NUR DADURCH „die Sicherheit gewinnen“!

Schenkt Wasser, Strand und Lebensqualität. Denkt nach und hebt das Glasverbot auf!

Ein Kommentar to “Wort zum Blog: Denkt nach und hebt das Konstanzer Glasverbot auf!”

  1. Ralph R. Braun
    11. Juni 2012 at 22:03 #

    Im Suff setzt leider der Verstand aus. Dann frönen manche ungebremst der Freude an einer scheppernd zerberstenden Flasche. „Schilder mit der Erinnerung an die Gefahr durch Scherbenbildung“ helfen da ebensowenig wie vergleichbare Appelle, doch bitte das Radfahren am Seeufer zu unterlassen.
    Das Recht am Rausch sei Jung und Alt unbenommen. Doch nicht auf Kosten anderer. Es geht an der Sache vorbei, hier einen Generationenkonflikt herbeizureden (als würden „die Jugend“ an der Seestraße saufen und „die Alten“ sich daran stören).
    Als Hausmeister in einer Nightlife-Zone bin ich allwochendlich mit den Hinterlassenschaften von Alkoholgelagen konfrontiert. Und kann nur sagen: Plastikmüll entsorge ich mit einem Griff. Glasscherben dagegen erfordern den vielfachen Aufwand. Deshalb, solange die gesetzlichen Rahmenbedingungen noch kein Alkoholverbot wie auf den Britischen Inseln erlauben, sollten wenigstens die Scherben verboten werden. Das Recht einer randaleanfälligen Minderheit am Suff darf nicht auf Kosten jener gehen, die dann unter den Scherben zuleiden haben.

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