Zeitgeschichte der Insel Mainau im Bodensee: Mensch sein, heißt verantwortlich sein

Konstanz. Mensch sein, heißt verantwortlich sein (Antoine de St. Exupéry). Dieses Zitat ist an einem am vergangenen Sonntag auf der Insel Mainau im Bodensee enthüllten Erinnerungszeichen für mutmaßlich 33 ehemalige französische KZ-Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau zu lesen, die kurz nach Kriegsende zur Genesung auf die Insel gebracht wurden und in einem dort eingerichteten Hospital der französischen Armee verstarben. Das teilte die Insel Mainau mit. Bei der Veranstaltung sprachen neben S. E. Maurice Gourdault-Montagne, Botschafter der Französischen Republik in Deutschland, sowie Bettina Gräfin und Björn Graf Bernadotte auch der baden-württembergische Europa-Minister Peter Friedrich aus Konstanz und der Konstanzer OB Burchardt.

 Drei Stelen aus bretonischem Granit

Eine Glocke der Schlosskirche St. Marien läutete als der französische Botschafter mit den Mainau-Geschäftsführern Bettina Gräfin und Björn Graf Bernadotte ein Tuch von den drei Stelen aus bretonischem Granit zog. Ein Bläserquintett der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz spielte „Le Chant des Marais“ (Moorsoldatenlied), komponiert 1933 von Inhaftierten des Konzentrationslagers Börgermoor im Emsland.

Anstoss gaben Hostoriker Moser und Deutsch-Französischen Vereinigung

Auf Anregung von Dr. Arnulf Moser und der Deutsch-Französischen Vereinigung Konstanz hat die Mainau-Verwaltung in den vergangenen Monaten gemeinsam mit einer Fachberatergruppe aus drei Historikern der Bodenseeregion ein Erinnerungszeichen entwickelt. Umgesetzt hat den Entwurf Eduard Schnell, Steinmetz aus Tuttlingen und Experte in der Denkmalpflege. Der hellgraue Granit aus Lanhélin in der Bretagne weist auf die französische Herkunft der auf der Insel Verstorbenen hin. Die Anordnung der drei Stelen erinnert an die Trikolore, die Flagge Frankreichs. „Etre homme, c’est précisément être responsable“ (Mensch sein, heißt verantwortlich sein) steht auf dem Hauptstein. Dieses Zitat des französischen Schriftstellers Antoine de St. Exupéry, der selbst während des Zweiten Weltkriegs als Flieger ums Leben kam, steht für die hier Verstorbenen, soll aber auch den Betrachter zum Nachdenken anregen. „Auch für uns Nachgeborene kann es als Auftrag verstanden werden: Wir sollen uns bemühen, an Unrecht, Gewalt oder Ausbeutung, wie immer sie sich in unserem Alltag zu erkennen geben, nicht teilzunehmen, sich dagegen auszusprechen und für unsere Handlungen und Unterlassungen Verantwortung zu übernehmen“, führte Bettina Gräfin Bernadotte in ihrer Ansprache aus. „Denn die Geschichte zu lehren ist die einzige Möglichkeit, zu verhindern, dass sie sich wiederholt“, unterstrich auch der französische Botschafter die Wichtigkeit dieses Erinnerungszeichens.

Recherchen noch nicht beendet

Gleich zu Beginn der Veranstaltung verlas Pierre Caudrelier, Vertreter der französischen Organisation „Souvenir Français“ und Präsident des Regionalverbands der Deutsch-Französischen Vereinigungen Süd, die Namen von 24 Männern und einer Frau. Sie sind auf einer Tafel genannt, die in drei Sprachen auch über den geschichtlichen Hintergrund informiert. „Wir konnten derzeit in enger Abstimmung mit französischen Stellen und Verbänden nur die Daten von 25 der vermutlich 33 auf der Insel Mainau verstorbenen ehemaligen Häftlinge nennen. Zum Leben der Übrigen sind weitere Recherchen nötig, um unsichere Überlieferungen zu klären“, erläuterte Bettina Gräfin Bernadotte.

Drei Historiker setzen Arbeit fort

Der Konstanzer Historiker Dr. Arnulf Moser hat die Geschehnisse auf der Insel Mainau in den 1930er und 1940er Jahren bereits weitestgehend erforscht und veröffentlicht, auf die auch eine offizielle Mainau-Publikation von 1992 verweist. Prof. Dr. Lothar Burchardt, Dr. Tobias Engelsing und Dr. Jürgen Klöckler greifen diese Quellen auf, forschen und prüfen, ob aus neuem Material ergänzende Erkenntnisse zu gewinnen sind. „Ich selbst konnte beispielsweise bislang nicht zugängliche Akten in schwedischen Archiven einsehen. Diese Suche ist unterschiedlich erfolgreich, in manchen Archiven finden wir kleine Stücke, in anderen ausführlicheres Material“, informierte Bettina Gräfin Bernadotte über den Stand der Recherchen. Bereits bekannte Fakten hat die Mainau-Verwaltung schon im April dieses Jahres auf die Insel-Website gestellt. Laut Dr. Tobias Engelsing werden die Untersuchungen noch einige Monate dauern. „Gewichtet wurde noch nichts, da historische Recherchen langwierig sind“, so der Sprecher der historischen Fachberater und Leiter der Städtischen Museen Konstanz.

Bettina Gräfin Bernadotte bedankt sich bei Arnulf Moser

Bettina Gräfin Bernadotte richtete ihren Dank an alle, die die Familie Bernadotte und die Mainau-Verwaltung bei der Realisierung des Erinnerunszeichens unterstützt haben und zu den Recherchen beitragen. Unter anderen nannte sie den französischen Botschafter und Michel Charbonnier, Generalkonsul in Stuttgart, ebenso wie die Fachberater und Dr. Arnulf Moser, der seine Quellen zur Verfügung gestellt hat. Ebenso dankte sie Pierre Caudrelier, durch dessen Einsatz und Kontakte insbesondere in französischen Archiven neue Erkenntnisse zu den Lebensläufen der auf der Mainau verstorbenen ehemaligen Häftlinge gefunden werden konnten.

Zeitgeschichte der Insel Mainau

Während der Kriegsjahre, als Lennart Graf Bernadotte die Insel Mainau als Bevollmächtigter verwaltete und in seiner schwedischen Heimat arbeitete, wurde die Insel zunächst von einem ortsansässigen Verwalter weiter touristisch bewirtschaftet und ab 1943 an die Organisation Todt, eine Institution des damaligen NS-Staats, verpachtet. Kurz vor Kriegsende wurden auf Weisung des Auswärtigen Amts in Berlin französische Kollaborateure des NS-Regimes auf der Insel einquartiert. Mit dem Kriegsende in der westlichen Bodenseeregion im April 1945 übernahm die französische Militärregierung auch die Inseln Reichenau und Mainau. Sie wurden ausgewählt für die Unterbringung und Erholung von aus dem KZ Dachau befreiten französischen Häftlingen. Insgesamt wurden mehrere tausend Häftlinge an den Bodensee gebracht, davon die meisten auf die Reichenau. Auf der Mainau standen das Schloss und von der Organisation Todt errichtete Baracken inzwischen leer. Sie dienten nun als Unterkunft vor allem für schwerkranke und besonders geschwächte ehemalige KZ-Häftlinge, die von französischen Ärzten sowie französischen und deutschen Krankenschwestern nach neuesten Gesichtspunkten behandelt, gepflegt und betreut wurden. Doch für mutmaßlich 33 von ihnen kam jede Hilfe zu spät. Trotz guter Pflege starben sie während ihres Aufenthaltes auf der Mainau und wurden zunächst am Ostufer der Insel auf einem provisorischen Gräberfeld begraben. Lennart Bernadotte veranlasste nach seinem ersten Besuch der Insel nach Kriegsende, dass die Toten auf den Konstanzer Hauptfriedhof umgebettet wurden. Zwischen 1947 und 1949 wurden die sterblichen Überreste dann nach Frankreich überführt. Bereits im September 1945 wurde das Lazarett auf der Mainau aufgelöst und die zu Kräften gekommenen ehemaligen KZ-Häftlinge nach Frankreich gebracht. Ab 1946 bot Lennart Bernadotte im Rahmen des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM) – heute Christlicher Verein Junger Menschen – unter schwedischer Leitung Begegnungen und Freizeiten für Jugendliche auf der Mainau an. Ziel war es, kriegsgeschädigten Jugendlichen Erholung und internationale Begegnungen mit Jugendlichen anderer Nationen zu ermöglichen. Bis zur Schließung des Instituts Ende 1968 hatten rund 20 000 Teilnehmer aus 40 Ländern die Veranstaltungen auf Schloss Mainau besucht.

Quelle: Pressetext der Insel Mainau

Foto oben: Bettina Gräfin Bernadotte und Björn Graf Bernadotte; Foto unten: Dr. Jürgen Klöckler, Pierre Caudrelier, Prof. Dr. Lothar Burchardt, Minister Peter Friedrich, Generalkonsul Michel Charbonnier, S.E. Maurice Gourdault-Montagne, Bettina Gräfin Bernadotte, Björn Graf Bernadotte, OB Ulrich Burchardt, Dr. Arnulf Moser, Dr. Tobias Engelsing, Claus-Dieter Hirt

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